Zeit seines Rennfahrerlebens träumte Tom Lüthi davon, ein MotoGP-Fahrer zu sein. Im August 2017, mehr als 15 Jahre nach seinem GP-Debüt, wurde dieser Aufstieg eher überraschend doch noch Realität. Unterschrieb der Emmentaler als fast 31-Jähriger einen Vertrag bei einem Team in der Königsklasse. Zwar nur über ein Jahr und nur bei Marc VDS, einem belgischen Honda-Kundenteam, welches - das war absehbar - mit den Werk-Equipen nicht würde in der gleichen Liga spielen können.

Im Bestreben, unbedingt einmal seinen Traum zu leben, nahm der erfolgreiche Moto2-Fahrer Lüthi in Kauf, dass er eine Klasse höher kaum mit den Besten seiner Zunft würde mithalten können. Der Berner vertraute aber darauf, dass er sich Marc Marquez, Valentino Rossi und Konsorten Schritt für Schritt würde annähern können. Ein grosser Irrtum, aus diversen Gründen, wie sich ein gutes Jahr später gezeigt hat.

Lüthi muss dabei den Fehler zuerst bei sich suchen. Die erhofften Fortschritte stellten sich bei ihm nicht ein. Im Gegenteil: Der 125-ccm-Weltmeister von 2005, der in unteren Kategorien 16 Siege und total 57 Podestplätze errang, fiel nach ansprechendem Saisonauftakt im Direktvergleich mit anderen Rookies immer wie mehr ab. Drei Tage vor seinem 18. und letzten Grand Prix in der obersten Kategorie gibt Lüthi zu, "dass ich anfänglich meinen Test-Rückstand aufgrund meiner Verletzung Ende der letzten Saison unterschätzt habe. Ich dachte mir, dass ich die fehlende Erfahrung schneller aufholen kann. Ich lernte dann aber vielmehr, dass in der MotoGP alles viel komplexer ist."

Probleme mit dem Crew Chief

Im Mai und Juni kam dann die Phase, "in welcher ich gewisse Dinge erzwingen wollte" - was zu einer Sturz-Orgie führte. Meistens rutschte Lüthi das Vorderrad weg. Weg war auch das Vertrauen. Lüthi, zuvor als Stilist bekannt und mit feinem Gespür unterwegs, verkrampfte sich total: "Die richtige Abstimmung zu finden und mich weiter zu entwickeln, daran war in dieser Zeit nicht zu denken."

Was den sensiblen Schweizer gerade auch in dieser Zeit zusätzlich aus dem Konzept brachte, war der teaminternen Machtkampf zwischen dem Inhaber Marc van der Straten und dem langjährigen Manager Michael Bartholémy. "Mich warf dieser Streit zurück. An Franco hingegen ging das spurlos vorüber. Er kam in die Box, erledigte seinen Job und ging wieder", blickt Lüthi etwas neidisch auf seinen Teamkollegen Morbidelli. Der Italiener mit brasilianischen Wurzeln, im Vorjahr vor Lüthi schon Moto2-Weltmeister geworden, entschied auch das Duell der zwei MotoGP-Neulinge überaus deutlich zu seinen Gunsten. Mit 50 Punkten liegt er in der WM-Wertung an 14. Stelle.

Nicht zuletzt erwies sich die Zusammenarbeit mit dem Cheftechniker Gilles Bigot als zunehmend schwierig. Schon seit mehreren Monaten ist der Franzose, für den früh klar war, dass er 2019 einen anderen Fahrer betreuen würde, nicht mehr bereit, für Lüthi die Extra-Meile zurückzulegen. Er wolle über seinen Crew Chief nicht allzu viele Worte verlieren, sagt der Schweizer, das bringe jetzt auch nichts mehr. Lüthi erzählt dann aber doch noch, dass er sich seit längerem alleine gelassen fühle: "Ich merkte recht früh, dass es auseinanderdriftet. Aber wie hätte ich das Ganze alleine lösen können? Das ist unmöglich, da kann ich auf der Strecke noch so versuchen, was ich will."

Zurück an die Spitze - in der Moto2

Dennoch mag der Emmentaler, der nicht ein einziges Mal in die Punkteränge (Top 15) vorstiess, nicht so weit gehen und von einem Albtraum-Jahr sprechen. "Ich möchte die gemachten Erfahrungen nicht missen. Ich hatte aber definitiv schon mehr Spass auf dem Motorrad als in dieser Saison", gibt er zu. Jeder Erfolg sei eben auch immer eine Bestätigung dafür, den Job gutzumachen. "Doch wenn es nie vorwärts geht, dann tritt anstelle von Spass die Frustration." Lüthi hat sich heuer an einem Tiefpunkt auch einmal die Frage gestellt, wie es weitergehen soll und ob sich der ganze Aufwand eigentlich lohne.

Ein Rücktritt war jedoch nie auch nur im Ansatz ein Thema: "Ich kam schnell zur Überzeugung, dass die Motivation zu hundert Prozent vorhanden ist. Ich will wieder zum Erfolg zurückfinden." Das wird auf Moto2-Stufe geschehen, wobei alleine durch den Wechsel zurück noch keine Erfolgsgarantie besteht: "Wenn ich das denken würde, dann wäre ich ein Träumer. Ich muss mich vielmehr mit 32 Jahren nochmals steigern und weiterentwickeln. Meine Ambition ist ganz klar, wieder in die Moto2-Spitze zu kommen."