Motorrad

Tom Lüthi: Betrug oder ganz einfach ein paar Kilo zu viel?

Tom Lüthi verpasst beim GP von Tschechien seinen 8. GP-Sieg nur knapp – dafür gibt es viele Gründe und auch ein übles Gerücht. Dieses besagt, dass Sieger Marc Marquez seine Honda-Werksmaschine illegal frisiere.

Nach mehr als 100 Kilometern Renndistanz entschieden wenige Zentimeter und ein paar Sekundenbruchteile (61 Tausendstel) zwischen zwei Fahrer auf den exakt genau gleichen Höllenmaschinen über Sieg und Niederlage: WM-Leader Marc Marquez (19) besiegt Tom Lüthi (26) beim GP von Tschechien in Brünn hauchdünn. Was machte die Differenz?

Das Gewicht: Tom Lüthi ist fünf Kilo schwerer als der spanische Sieger (56 Kilo). Töffhersteller Eskil Suter sagt: «Das Gewicht spielt eine Rolle. Bei der Beschleunigung aus den Kurven heraus und auf dem längeren Bergaufstück vor dem Ziel.» Tatsächlich sagt Lüthi, er sei zwar beim Kurveneingang eher im Vorteil gewesen. Aber Marquez habe aus den Kurven heraus besser beschleunigt.

Die Abstimmung: Eskil Suter: «Dort gibt es tatsächlich Unterschiede, die eine Differenz machen können. Lüthi und Marquez gehen in diesem Bereich völlig andere Wege, beide stimmen die Maschine auf ihren Fahrstil ab.»

Die Rennstrecke: Brünn ist für knappe Entscheidungen legendär. 1989 besiegte Reinhold Roth bei den 250ern den Japaner Masahiro Shimizu mit der kleinstmöglich messbaren Differenz von einem Tausendstel und mehr als 20-mal trennte seit der Eröffnung der Strecke (1987) den Sieger weniger als eine Sekunde vom Zweitplatzierten.

Der Betrug: Ein überaus heikles Thema. Immer mehr im Fahrerlager reden davon, doch keiner will sich zitieren lassen. Die Geschichte geht so: Alle Teams fahren die gleichen plombierten Honda-Triebwerke, die alle drei Rennen den Teams neu zugelost werden. Die Techniker von Marc Marquez, so geht die Rede im Fahrerlager, haben Mittel und Wege zur Manipulation der Motoren-Elektronik gefunden. Unter anderem, um eine höhere Drehzahl zu erzielen. Als Indiz (nicht als Beweis) gilt in Brünn, dass es Lüthi mit der exakt genau gleichen Maschine nicht gelungen ist, sich im Windschatten von Marquez zu halten. Tatsächlich erreichte der Spanier (246,70 km/h) die besseren Topspeed-Werte als der Schweizer (245,40 km/h). Lüthi und seine Techniker gehen auf solche Vorwürfe nicht ein, doch inzwischen hat der Italiener Carlo Pernat, ein angesehener Analytiker und TV-Kommentator, diese Debatte neu lanciert. Er sagt vieldeutig: «Alle fahren die gleichen Honda-Motoren. Aber Marc Marquez fährt in einem offiziellen Honda-Werkteam ...»

Die Fahrkunst: Ist einer besser als der andere? In Brünn war dies nicht der Fall. Lüthi und Marquez gelang ein perfektes Rennen. Keiner hat einen Fehler gemacht.

Tom Lüthi ärgerte sich über diese Niederlage. «Ich habe alles probiert und ich war auf Augenhöhe mit Marquez. Aber es hat einfach nicht ganz gereicht. Er war auf der Geraden ein bisschen schneller, und so kam ich nicht nahe genug heran, um ihn auszubremsen.» Er habe damit gerechnet, dass er mit seiner Soloflucht (er führte vom Start weg) nicht unbehelligt ins Ziel kommen würde. «Aber weil mich keiner überholen wollte, habe ich versucht, meinen Rhythmus zu fahren und die Reifen zu schonen. Ich spürte, dass Marquez in meinem Windschatten war, und wusste deshalb, dass ein Angriff kommen würde.»

Nächste Saison ist Marquez nicht mehr Lüthis Gegner. Er steigt in die MotoGP auf. Dann ist der Emmentaler in der Moto2 Titelfavorit. Er schwächt ab: «Ja, aber nur theoretisch.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1