Nichts war ihnen lieber als Tempobolzen. Nirgends fühlten sie sich wohler als auf Hochgeschwindigkeitsstrecken. Nirgendwo vermochten Lewis Hamilton und Nico Rosberg ihre Übermacht derart auszuspielen wie in Francorchamps und in Monza.

Die Dominanz von Mercedes war seit Beginn der Formel-1-Ära mit den Turbo-Hybrid-Motoren vor vier Jahren im Besonderen in den Grands Prix von Belgien und von Italien in Stein gemeisselt. In diesen acht Rennen hiess der Sieger fünfmal Lewis Hamilton und zweimal Nico Rosberg. Einzig in der Premierensaison der Sechs-Zylinder-Aggregate wurde die Hegemonie gestört. Daniel Ricciardo im Red Bull hatte in Francorchamps von einer Kollision zwischen den silbernen Giganten profitiert.

Das war einmal. Rosberg ist längst zurückgetreten - und auch die uneingeschränkte Hoheit ist nicht mehr. Vorteile der Silbernen bis ins Unendliche? Der Mercedes-Motor als Primus? Das ist Vergangenheit. Den Fahrern von Mercedes ist endgültig wieder ernsthafte Konkurrenz erwachsen - selbst in ihrer einstigen grossen Domäne Tempobolzen. Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen bewegen sich im Ferrari in dieser Saison auf Augenhöhe - oder sogar schon etwas darüber. Über die aktuelle Sachlage wird der Grand Prix von Belgien erste Aufschlüsse liefern. In Francorchamps rücken die Fahrer von Mercedes und Ferrari mit der neuesten Version der Motoren aus.

Toto Wolff hatte es schon Anfang Februar kommen sehen. "Wir haben in den letzten vier Jahren die Titel bei den Fahrern und den Konstrukteuren geholt. Es gibt aber keine Garantie, dass wir das ein fünftes Mal schaffen werden. Es geht alles zurück auf null", sagte der Teamchef von Mercedes. Die Einschätzung hatte der Wiener noch vor den ersten Testfahrten abgegeben. Es war die Zeit, als die Zahlen noch für das eigene Aggregat sprachen. Die erste Version des Mercedes-Motors soll rund 950 PS geliefert haben, das Triebwerk von Ferrari soll nach Schätzungen 935 PS stark gewesen sein.

Der unglaubliche Quantensprung

Der Vergleich nach der ersten Ausbaustufe zeigte dann ein ganz anderes Bild. Der Motor von Ferrari soll gleich um 38 PS zugelegt haben - für Formel-1-Verhältnisse ein nicht für möglich gehaltener Quantensprung, den sie bei Mercedes selbstredend kritisch beäugten und hinterfragten, mit ihrem Hinweis auf eine mögliche Manipulation bei den Technik-Hütern des Internationalen Automobil-Verbandes FIA aber abblitzten.

Nicht nur Wolff und seine Leute staunten. Wie war diese enorme Steigerung möglich? Konkrete Antworten gab es nicht. Es blieb bei Annahmen und Mutmassungen, bei Einschätzungen aufgrund von Beobachtungen. Die Komplexität der Hightech-Welt Formel 1 verunmöglicht für Aussenstehende den Durchblick.

Bei Ferrari kommen die Ingenieure nicht nur auf Motorenseite mit grossen Schritten voran. Auch bei der generellen Weiterentwicklung des Autos legen sie ein beachtliches Tempo vor. An keinem aktuellen Rennwagen sind derart umfangreiche Umbauten vorgenommen worden wie am SF71H. Die Techniker der Scuderia bewegen sich bei der Umsetzung von Neuerungen mehr denn je am Limit. Sie nutzen die von der FIA vorgegebenen Toleranzen bis aufs Äusserste aus - und sind bis anhin gut gefahren damit. Die meisten Umbauten haben das gebracht, was die Versuche im Simulator versprochen haben.

Die andere Struktur

Die Verantwortlichen von Mercedes haben die Entwicklungsarbeit anders strukturiert. In der Weltmeister-Equipe gehen sie den Weg der kleineren Schritte. Entsprechend sind im Bereich der Aerodynamik am W09 bedeutend weniger Änderungen auszumachen. Wie sie bei Mercedes auf die verbesserte Performance von Ferrari reagieren werden, bleibt abzuwarten. In Francorchamps und eine Woche danach in Monza stehen Tage der Wahrheit an.

Vettel vermochte die technischen Vorteile bis jetzt nicht in gewünschtem Umfang zu nutzen. Eigene Mängel und Strategiefehler der Crew haben einen Rückstand von 24 Punkten auf Hamilton in der WM-Gesamtwertung verursacht. Für den Deutschen ist es Zeit, Versäumtes nachzuholen. In Francorchamps und in Monza will er damit beginnen. Ausgerechnet in der Welt der Tempobolzer. Dort, wo sich Hamilton zuletzt besonders wohl gefühlt hat.