Peter Sauber empfängt auf der Terrasse des Restaurants Straussennest in Laax. Die Aussicht auf die Berge ist wunderbar. Die Laune des ehemaligen Formel-1-Teamchefs prächtig. Schliesslich haben «seine» Fahrer in den vergangenen Wochen an den Testtagen in Barcelona die hohen Erwartungen sogar noch übertroffen. Es wird ein munteres Gespräch über Saubers neues Leben – drei Wochen vor Beginn der neuen Saison in der Formel 1.

Wie ist es für Sie persönlich, dass der Name Sauber aus der Formel 1 verschwindet?

Peter Sauber: Natürlich tut das weh, wenn nach so langer Zeit der Name Sauber verschwindet. Da geht es mir genau gleich wie vielen Fans, Fans aus der Schweiz, aber auch aus dem Ausland. 26 Jahre Formel 1, das ist eine sehr lange Zeit. Aber der Name Sauber verschwindet nur aus der Formel 1. Die Firma Sauber in Hinwil ist 49 Jahre alt, das Team geht dieses Jahr in die 50. Saison. Und es gibt auch eine andere Seite – und die ist ganz wesentlich: Fürs Team ist der Namenswechsel auf Alfa Romeo Racing eine gute Sache. Sonst hätten das die Besitzer nicht gemacht. Und was fürs Team gut ist, ist auch für mich gut.

Kennen Sie denn die Gründe für den Namenswechsel?

Nein, die Details kenne ich nicht. Und ich möchte auch nicht darüber spekulieren. Aber in den 50 Jahren unserer Teamgeschichte musste ich x Mal etwas akzeptieren, das für mich schwierig, aber fürs Team gut war.

Wann haben Sie davon erfahren?

Die Besitzer von Sauber haben mich eine Woche bevor der Namenswechsel öffentlich wurde informiert.

Haben Sie Angst, dass mit dem Namenswechsel die Ära Sauber still und leise zu Ende geht?

Natürlich endet etwas, aber nicht eine ganze Ära. Die Firma Sauber hat zuerst Rennautos für Mercedes gebaut. Dann zwischen 2006 und 2009 für BMW. Und nun eben für Alfa Romeo. Auch beim internationalen Automobilverband ist Sauber weiterhin als Hersteller eingetragen. Und weder an den Besitzverhältnissen noch im Management ändert sich etwas. Zudem steht unter dem Logo von Alfa Romeo «Sauber Engineering». Und da darf man ruhig sagen: Was draufsteht, ist auch drin.

Sie waren diese Woche in Barcelona, wo das neue Auto vorgestellt wurde und Testfahrten stattfinden. Welche Eindrücke haben Sie gewonnen?

Es hat sehr viel Spass gemacht, Kimi Räikkönen und Antonio Giovinazzi bei ihren ersten Fahrten mit dem C38 zu begleiten. Ich bin vom Fahrzeug beeindruckt. Ich habe schon erwartet, dass die Zeiten gut sind, aber dass die Fahrer gleich so weit vorne mitmischen, war dann sogar für mich überraschend. Die Vorfreude auf die neue Saison ist noch einmal gestiegen.

Einer der grössten Erfolge: In der Saison 2001 ge- lingt Sauber mit den Fahrern Kimi Räikkönen und Nick Heidfeld der Sprung auf Rang 4 der WM-Wertung.

Einer der grössten Erfolge: In der Saison 2001 ge- lingt Sauber mit den Fahrern Kimi Räikkönen und Nick Heidfeld der Sprung auf Rang 4 der WM-Wertung.

Im Herbst wurden Sie 75 Jahre alt. Wie sehr können Sie das Alter geniessen?

Ich konnte im Sommer 2016 mit einem Investor abschliessen und die Firma verkaufen. Die letzten Monate waren schwierig und sehr fordernd. Danach spürte ich eine grosse Erleichterung. Gleichzeitig merkte ich auch, wie sehr sich der Dauerstress der 24 Jahre in der Formel 1 auf den Körper ausgewirkt hat. Plötzlich fehlte etwas. Von heute auf morgen. Nicht, dass ich in ein Loch gefallen wäre. Aber anstatt weitgehend fremdbestimmt zu sein, hatte ich plötzlich sehr viel Zeit.

Wie hat sich das auf Ihr Leben ausgewirkt?

Ich bin mehr zu Hause. Und weil das seit langer Zeit zum ersten Mal so ist, war das manchmal für meine Frau nicht sehr einfach. Im ersten Jahr hat mir die tägliche Herausforderung gefehlt. Ich brauchte Zeit, bis ich loslassen konnte. Denn für mich war auch klar: Ich wollte nicht einfach irgendeine neue Tätigkeit beginnen. Mittlerweile habe ich die richtige Balance gefunden. Ich verbringe sehr gerne Zeit mit meiner Familie und pflege meine Hobbys.

Mit welchen Hobbys gestalten Sie Ihr Leben am liebsten?

Ich fahre gerne Töff, das war schon immer so. Wenn ich den Helm aufsetzte und losfuhr, meist alleine, dann hat mir das stets richtig gut getan. Das Töff-Fahren erfordert Konzentration und der Körper muss auch arbeiten. Mehr als im Auto. Dadurch kann ich besser abschalten. Dann reite ich auch, seit ich 16 Jahre alt bin. Ich habe und hatte immer eine enge Beziehung zu Pferden. Reiten brauchte immer viel Zeit – die ich nie hatte. Darum geniesse ich das jetzt wieder vermehrt. Schliesslich habe ich vor einigen Jahren angefangen, Golf zu spielen. Mit 62 – das ist schon eher spät. Es bräuchte viel Training, um sich markant zu verbessern. Das Schöne ist: Golfen können meine Frau und ich gemeinsam. Man bewegt sich regelmässig während vier Stunden und ist draussen in der Natur.

Und Sie lieben die Berge!

Ja, unsere Familie hat seit nunmehr 60 Jahren einen Zweitwohnsitz in Laax, wir alle sind sehr verbunden mit der Region. Ich fahre heute noch sehr gerne und gut Ski. Vielleicht nicht mehr so intensiv wie auch schon. Hauptsache, ohne Unfall nach Hause zu kommen.

Kommen wir zur Formel 1. Wie sehr beeinflusst das Team Ihr tägliches Befinden?

Ich bin nicht mehr beteiligt am Team. Und ich bin auch nicht beratend tätig. Und trotzdem ist das Wohlergehen des Teams für mich sehr wichtig. Denn es war 60 Jahre mein Leben. Wenn das Team Fortschritte macht, wie das derzeit der Fall ist, dann muss ich gestehen, fesselt mich das. Und eigentlich ist das fast noch schöner als in meiner Aktiv-Zeit, denn ich kann einfach geniessen und muss nichts tun dafür.

Haben Sie einen Traum, was dereinst noch drinliegen könnte?

Man hat mich immer wieder gefragt, was mein Traum wäre. Die Antwort war immer die gleiche: Ich bin kein Träumer. Und falls ich träumen würde, würde ich nicht darüber reden. Ich kenne die Zielsetzungen nicht, aber ich weiss, dass Team-Chef Frédéric Vasseur ehrgeizig ist und hohe Ziele hat – darum könnte ich mir vorstellen, dass er mittelfristig den vierten Rang in der Konstrukteurswertung anstrebt.

Der Sport ist das eine, aber die Menschen in der Firma waren Ihnen stets wichtiger als alles andere.

Mir war die unternehmerische Herausforderung immer gleich wichtig wie jene als Teamchef eines Formel-1-Teams. Natürlich waren wir als Firma sportlich ausgerichtet, aber ich habe auch immer die Verantwortung des Unternehmers gesehen, und das wurde in Hinwil sehr geschätzt. Nachdem BMW im Jahr 2009 innert kürzester Zeit ausgestiegen ist und niemand gefunden wurde, der das Team kaufen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als alles zurückzukaufen. Sonst hätte man das ganze Werk schliessen müssen. Dieser Rückkauf war ein klares Bekenntnis zu den Mitarbeitern und zum Standort Hinwil.

Wie prekär war die Lage im Sommer 2016, kurz bevor dann die neuen Investoren von Longbow Finance SA eingestiegen sind?

Monisha Kaltenborn, sie war damals CEO, hat das immer sehr gut gesagt: Es sei sehr fordernd gewesen. Und das war es auch.

Wie muss man sich das vorstellen im Alltag?

Dass man einen Teil der Lieferanten vertrösten muss, Löhne und Rechnungen nicht zeitgerecht zahlen kann. Das ist dann schon sehr unangenehm.

Wenn Sie über Hinwil nachdenken, wie sehr sind Sie überzeugt, dass die Arbeitsplätze auf Jahre hinaus gesichert sind?

Natürlich kann und will ich nicht für die heutigen Besitzer sprechen. Was ich weiss, ist, dass sie in Hinwil stark investieren, vor allem auch in die Infrastruktur. Das ist toll, denn in der heutigen Formel 1 ist die Technik derart hochstehend, dass es sinnvoll ist, das Know-how und die Maschinen auch für Drittaufträge zu nutzen. Es ist beruhigend, zu sehen, dass die Investoren langfristige Sponsoring-Verträge wie zum Beispiel mit Alfa Romeo abgeschlossen haben. Das zeigt, sie möchten etwas aufbauen.

Wie verfolgen Sie heute die Formel-1-Rennen?

Es kann schon einmal vorkommen, dass ich eines verpasse – aber sehr selten. In der letzten Saison war ich an vier Rennen live vor Ort. Für mich ist der Kontakt mit den Menschen auf dem Rennplatz immer noch wichtig. Sonst verfolge ich die Rennen zu Hause am Fernseher. Und daneben habe ich ein Tablet, wo ich die Abschnittszei- ten live angezeigt bekomme. Diese Abschnittszeiten reichen schon, um ein gutes Gefühl für das Rennen zu erhalten. So merke ich in der Regel auch, wie sich die Reifen entwickeln, und denke manchmal: «So, jetzt aber sofort in die Boxengasse.»

Schauen Sie alleine?

In der Regel schaue ich gerne alleine. Denn ich muss mich schon sehr konzentrieren, um alle Details zu erfassen.

Themawechsel: Neigt sich das Benzinzeitalter dem Ende zu?

Ich wurde schon vor längerem immer mal wieder gefragt: Wie sehen Sie die Zukunft der Formel 1. Ich vertrat immer die Meinung, dass die Formel-1Autos künftig elektrisch fahren. Und zwar deshalb, weil auch auf der Strasse die Autos elektrisch fahren werden.

Die Frage ist nur: wann?

Der Zeitpunkt ist schwierig vorauszusagen. Ich denke, elektrische Autos sind das Klügste. Wobei es schon das Ziel sein muss, nicht einfach mit grossen Batterien zu fahren. Ich betrachte die heutigen Hybrid-Fahrzeuge als Übergangslösung. Die Batterien haben nicht nur ein grosses Gewicht, es gibt auch Problemen mit Herstellung und Entsorgung.

Wie sieht denn die optimale Zukunft aus?

Ich sehe in Anbetracht des heutigen Stands der Technik in Zukunft den Antrieb elektrisch. Die Herstellung des Stroms im Fahrzeug mit Brennstoffzellen und als Betriebsmittel Wasserstoff. Künftig werden Elektroautos fahren, die Frage ist nur: Woher nehmen wir den Strom? Die Zukunft ist also elektrisch, aber vermutlich geht es etwas länger, als es der eine oder andere Politiker gerne hätte. Hingegen hätte ich vor 15 Jahren nicht damit gerechnet, dass sich die Formel E so schnell etabliert.

Würden Sie heute Sauber als Elektro-Rennstall gründen?

Nein. Ich würde heute wohl gar nichts mehr gründen (lacht). Ich glaube einfach, dass die Formel 1 noch lange mit Benzinmotoren fahren wird.

Sehen Sie denn die Tendenz, dass die Formel E immer wichtiger wird?

Schwer zu sagen. Es ist für die Formel E nicht einfach, sich neben der Formel 1 zu behaupten. Ein talentierter Fahrer will sicher in die Formel 1 und nicht in die Formel E. Und ich denke, das wird so bleiben.

Wie finden Sie es, dass Formel-E- Rennen in der Schweiz stattfinden?

Als ehemaliger Formel-1-Teamchef tue ich mich schon ein bisschen schwer mit der Formel E. Aber ich finde es toll, dass Formel-E-Rennen in der Schweiz stattfinden. Dass Zürich da mitgemacht hat, war für mich fast schon ein kleines Wunder. Und ich finde es super, dass nun Bern nachzieht. Und vielleicht kommen Genf und Lausanne später auch dazu.

Warum tun Sie sich schwer mit der Formel E?

Ganz einfach: Der Sound fehlt. Obwohl ich den Lärm vielfach als sehr unangenehm empfunden habe. Aber er ge- hört einfach dazu. Er ist ein Teil der Show. Und jetzt solls einfach nur noch quietschen und pfeifen. Das ist schon gewöhnungsbedürftig.

Wie sehen Sie die Schweiz als Unternehmer? Wo liegen ihre Trümpfe?

Ich sehe die Schweiz als Land der KMU. Das sind die tragenden Unternehmen. Wir haben viele Kleinunternehmer, die ihre Möglichkeiten toll ausschöpfen und gleichzeitig ihre Pflichten wahrnehmen.

Und weiter?

Die Schweiz ist ein guter Boden. Wir haben exzellente Schulen, Hochschulen und Fachhochschulen, die sehr innovativ sind. Wir haben auch eine stattliche Anzahl von Start-ups. Es gibt immer wieder junge Leute, die bereit sind, unternehmerische Risi- ken einzugehen.

Gibt es denn auch Dinge, an denen die Schweiz krankt?

Ja, die gibt es sicher. Aber jetzt wird es politisch und ich möchte mich lieber nicht äussern (lacht). Als Politiker hätte ich mich sowieso nie geeignet.

Warum? Weil Sie zu forsch und direkt wären?

Oder vielleicht einfach zu ehrlich.

Wann haben Sie das erste Mal daran gedacht, in die Formel 1 zu kommen?

Als ich 1969/70 angefangen habe, Rennsportwagen zu bauen und zu verkaufen, war das eigentlich eine «Mission Impossible». Wenn ich damals das Ziel gehabt hätte, ein Auto für Le Mans zu bauen und am 24-Stunden-Rennen teilzunehmen, so wäre das undenkbar gewesen. Dass dann 1989 sogar ein Doppelsieg resultierte, empfinde ich noch heute als unglaubliche Geschichte. Ich habe mir nie zu hohe Ziele gesetzt, der Weg war immer das Ziel. Genauso wenig hätte ich daran gedacht, einmal 26 Jahre in der Formel 1 zu verbringen.

Es naht das Firmen-Jubiläum, was haben Sie zum 50. Geburtstag geplant?

Das ist erst 2020 …

… aber die Planungen müssen ja früh genug beginnen.

Ich bin ja gar nicht mehr dabei. Aber ich nehme an, dass man in Hinwil schon etwas macht. Und ich gehe davon aus, dass man mich einlädt.