Motorrad

Reinhold Roth: Von der Rennstrecke in die eigene Welt

Reinhold Roth nach seinem Horror-Unfall im GP von Jugoslawien am 17. Juni 1990 im Spital in Rijeka

Reinhold Roth nach seinem Horror-Unfall im GP von Jugoslawien am 17. Juni 1990 im Spital in Rijeka

Der Motorradrennfahrer Reinhold Roth ist seit einem Unfall vor 30 Jahren schwerstbehindert. Der Deutsche lebt gut betreut im Allgäu im eigenen Haus und in seiner eigenen Welt.

In der schnelllebigen Zeit des Sports bleibt kaum Raum für Gewesenes. Die Gegenwart frisst die Vergangenheit auf. Geschehnisse geraten in Vergessenheit, auch solche der tragischen Art. Erst recht, wenn sie schon 30 Jahre zurückliegen wie der schwere Unfall des heute 67 Jahre alten Reinhold Roth.

Wer aber das Unglück im Grand Prix von Jugoslawien in Rijeka an jenem Sonntag, dem 17. Juni 1990, miterlebt hat, wird sich stets an die Bilder erinnern, an diesen Moment, in dem Roth auf das Motorrad von Darren Milner aufgefahren war, diesen Hauch von Zeit, der dem Leben des WM-Zweiten von 1987 und 1989 in der 250-Kubikzentimeter-Klasse eine völlig neue Richtung gab. Aus der Gegenwart mit glänzenden sportlichen Perspektiven war mit einem Schlag eine Zukunft ohne Hoffnung auf Normalität geworden, aus dem Kampf um Hundertstelsekunden ein Ringen gegen den totalen Stillstand.

"Das hat er nicht überlebt"

Honda-Werkfahrer Roth hatte einem Spitzenpulk von sieben Fahrern angehört. Fünf seiner Konkurrenten vermochten Milner problemlos zu überrunden. Der Australier hatte sich wegen des einsetzenden Regens zur Aufgabe entschieden und war deshalb in sehr gemächlichem Tempo, unverständlicherweise jedoch auf der Ideallinie unterwegs gewesen. Roth sah Milner in der Linkskurve zu spät. Die Kollision war unvermeidlich. Er prallte mit 180 Stundenkilometern ins Heck der Yamaha, flog in hohem Bogen durch die Luft und schlug mit Rücken und Kopf auf dem Asphalt auf. Dann lag er da, ohne jegliche Regung. Das Schlimmste musste befürchtet werden. Für seine Frau Elfriede, die wie immer mit Stoppuhr und Rundentabelle an der Boxenmauer stand, war klar: "Das hat er nicht überlebt."

Doch Reinhold Roth blieb am Leben, trotz völlig unzureichenden medizinischen Einrichtungen an der Strecke. Im Rettungswagen fehlten ein Beatmungsgerät und weitere bei schweren Verletzungen dringend benötigte Hilfsmittel. Die dilettantischen Zustände waren ein Abbild der damaligen laienhaften Führung des Internationalen Motorrad-Verbandes FIM. Die fehlende Professionalität äusserte sich nicht nur in der mangelhaften Erstversorgung nach Unfällen. Sie zog sich auch über die Homologierung von Rennstrecken und die Legitimierung von Fahrern ohne die für die WM-Teilnahme notwendigen Qualifikationen hin. Milner gehörte zu den Nachzüglern, deren Fähigkeiten im Normalfall nicht genügt hätten und die entsprechend überfordert waren.

Acht Minuten ohne Sauerstoff

Roth, der Hirnblutungen und einen Schädelbasisbruch erlitten hatte, blieb rund acht Minuten ohne Sauerstoff-Zufuhr. Anschliessend lag er sechs Wochen im Koma. Die Folgen waren entsprechend. Roth wurde zum Pflegefall, zum Apalliker. Unmittelbar nach dem Unfall hatten ihm die Ärzte eine Überlebenschance von zehn Prozent prognostiziert. Für die Angehörigen war Aufgeben trotz den düsteren Aussichten und den geringen Hoffnungen kein Thema. Elfriede Roth klammerte sich an jeden noch so kleinen Strohhalm. Sie begann um das Leben ihres Mannes zu kämpfen. Sie wich keine Sekunde von ihm und war auch in den zweieinhalb Jahren während seines Aufenthalts im Therapiezentrum im rund 120 Kilometer vom Wohnort Amtzell entfernten Burgau stets an seiner Seite.

Roth geht auch seit der Rückkehr ins behindertengerecht umgebaute Eigenheim den Weg der sehr kleinen Schritte. Er lebt in seiner eigenen Welt, die er ab und zu nur für kurze Augenblicke verlässt. Sieben Jahre nach dem Unfall hat er erstmals wieder ein Wort gesprochen. "Morgen" soll er damals gesagt haben. Ein einziges Wort nur, als Kraftspender und Motivationsschub für die Angehörigen aber unbezahlbar.

Der halbseitig gelähmte Roth wird sich nie mehr verständlich machen und sich ausdrücken können. Mehr als kurze, oft unverständliche Sätze schafft er nicht. Immerhin ist es ihm heutzutage wieder möglich, ohne Hilfe Kleinigkeiten zu essen oder mit einem Strohhalm zu trinken.

Die zu grosse Belastung

Im Hause Roth dreht sich nach wie vor alles um den Schwerstbehinderten. Trotzdem hat sich der Alltag verändert. Reinhold Roth wird seit vielen Jahren von einem Betreuer-Team gepflegt - ohne auf die Präsenz seiner Frau verzichten zu müssen. Doch Elfriede Roth war die Belastung zu gross geworden, sie war an ihre körperlichen Grenzen gestossen. Die vor 15 Jahren festgestellte Erkrankung an Darmkrebs deutete sie als Signal für eine Anpassung.

Die Aufgabe der Selbstlosigkeit ihrem Mann gegenüber fiel ihr nicht leicht. Doch sie konnte nicht anders. "Ich habe ein Recht auf Leben", sagte sie einmal. In ihrem Umfeld hatten sie Verständnis dafür. Sie holte sich ein Stück Normalität zurück. Seit einigen Jahren ist sie mit einem anderen Mann liiert und betreibt sie ein Modegeschäft im benachbarten Wangen.

Es war wie eine Rückkehr in eine längst vergangene Zeit. In die Zeit vor dem 17. Juni 1990.

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