Formel 1
Mythen, Märchen, Monza: Triumphe und Tragödien

Der GP-Zirkus will nach dem Schrott-Rennen von Spa auf dem historischen Rundkurs wieder auf die Beine kommen. Lewis Hamilton wird morgen aus der Pole Position starten, hinter ihm Jenson Button und Felipe Massa.

Marco Oswald
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Bei diesem Feuerunfall kurz nach dem Start starb Ronnie Peterson 1978 in Monza.

Bei diesem Feuerunfall kurz nach dem Start starb Ronnie Peterson 1978 in Monza.

imago

Monza ist ein Klassiker. Genauso wie Monaco, Silverstone und Spa. An diesem Wochenende gastiert der Formel-1-Zirkus im königlichen Park. Mit einem Jubiläum: 90 Jahre Autodromo Nazionale di Monza.

Die Trümmer sind weggeräumt. Der Millionenschaden ist abgehakt. Fünf Tage nach dem Crash-GP von Belgien ist die Formel 1 in Italien. Nicht dabei: der völlig überforderte Lotus-Rambo Romain Grosjean. Die FIA hat ihn für den Klassiker gesperrt und mit 50000 Euro gebüsst. Eigentlich zu wenig, mit Blick auf Grosjeans Strafenregister 2012 – und sieben Vergehen in zwölf Rennen. Ob der Genfer mit französischer Lizenz seinen Sitz bei Lotus behalten kann, muss infrage gestellt werden. Anstelle von Grosjean sitzt dieses Wochenende Lotus-Ersatzpilot Jerome D’Ambrosio im Cockpit.

Schumachers Temporekord

Zurück ins Autodromo, zum Europa-Finale 2012, wohin bis Sonntag wieder gegen 150000 Fans strömen werden. Monza gilt wie Monaco, Silverstone und Spa als «Dinosaurier» im GP-Kalender. Die vier Pisten sind die Grand Slams des GP-Sports. Sie standen im ersten WM-Jahr 1950 im Kalender – und haben bis heute überlebt. Auf den vier heissesten Pisten des Jahres wurde jede Menge GP-Geschichte geschrieben. 3500 Arbeitererbauten das Autodromo Nationale di Monza im Jahr 1922, nach 110 Tagen war alles fertig. Die Piste bestand aus einem 4,5 Kilometer langen Oval und einer 5,5 Kilometer langen Rundstrecke. Insgesamt elfmal wurde die Streckenführung modifiziert – achtmal seit dem Geburtsjahr der Formel 1. Doch Monza hält trotz drei Schikanen den Allzeit-Speedrekord: 2003 fuhr Ferrari-Pilot Michael Schumacher mit einem Schnitt von 247,586 km/h den schnellsten Grand Prix aller Zeiten. Der erste Monza-Sieger, Nino Farina, schaffte 1950 nur 177,097 km/h Schnitt.

Startaufstellung Monza

1 Lewis Hamilton (Gb), McLaren-Mercedes

2 Jenson Button (Gb), McLaren-Mercedes

3 Felipe Massa (Br), Ferrari

4 Michael Schumacher (De), Mercedes

5 Sebastian Vettel (De), Red Bull-Renault

6 Nico Rosberg (De), Mercedes

7 Kimi Räikkönen (Fi), Lotus-Renault

8 Kamui Kobayashi (Jap), Sauber-Ferrari

9 Paul di Resta (Gb), Force India-Mercedes

10 Fernando Alonso (Sp), Ferrari

1955 renovierte der Streckenbesitzer das Oval und liess die zwei Kurven mit je 320 Meter Radius mit bis zu 80 Grad überhöhen. Ein Wahnsinn. Viermal gastierte die Formel 1 auf dem kombinierten Kurs. Zu einem fünften Mal kam es nicht: weil die Polizei 1963 das Training stoppte. Offiziell, weil es fürs Publikum zu gefährlich war. Inoffiziell, weil die Teams rebellierten. Aufhängungsbrüche in den Steilwandkurven sorgten für üble Dreher und wilde Abflüge. Boliden und Reifen drohten unter der ungewohnten physikalischen Last zu zerbrechen.

Monza steht wie keine andere GP-Strecke für den klassischen Handlungsfaden von Triumph und Tragödie: Hier starben Alberto Ascari, Wolfgang Graf Berghe von Trips, Jochen Rindt und Ronnie Peterson. Hier feierte Nino Farina in einem Shootout gegen Teamkollege Juan-Manuel Fangio seinen ersten WM-Titel, wobei Alfa Romeo etwas nachhalf, indem man dem Italiener den stärkeren Motor einbaute. Hier gab es 1965 die meisten Führungswechsel in einem Rennen: 45 an der Zahl. Hier feierte Niki Lauda 1976 nach seinem Feuerunfall vom Nürburgring ein grandioses Comeback – er wurde Vierter. Und hier vereitelte Williams-Pilot Jean-Louis Schlesser 1988 durch die Kollision mit Ayrton Senna den totalen McLaren-Honda-Triumph mit 16 Siegen in 16 Rennen.

Umstrittene Dinosaurier

Noch sind Monaco, Silverstone, Spa und Monza Teil der Formel-1-Tournee. Die vier Dinosaurier unter den GP-Strecken haben allen Retortenpisten der Moderne bisher getrotzt. Fragt sich nur: Wie lange noch? Monaco ist ein Anachronismus. Und jedes Jahr für die Fans hinter den Gitterzäunen ein Hochsicherheitsrisiko. Silverstone ist zu wenig modern und F1-Zampano Bernie Ecclestone schon lange ein Dorn im Auge. Der 82-Jährige würde lieber einen London-City-GP austragen. Spa kämpft mit dem Geld und sollte ebenfalls längst modernisiert werden. Und in Italien hätten die Politiker lieber ein Rennen in Rom als im königlichen Park von Monza. Obwohl die Königsklasse dieses Jahr zum 83. Mal hier gastiert und das Autodromo sein 90-Jahr-Jubiläum feiert. Die Königsklasse ist ohne die Rennen in Monaco, Silverstone, Spa und Monza undenkbar. Sollte er sich die vier Strecken aus dem Kalender streichen, würde der Sport seine eigene Geschichte verleugnen