Peter Sauber ist seit 30 Stunden in Australien. Überraschend hat der 71-jährige die lange Flugreise ans andere Ende der Welt auf sich genommen und flog First Class nach Melbourne. Das Team sagt, die Reise sei immer geplant gewesen. Was natürlich völliger Unsinn ist. Peter Sauber war seit Monaten nicht mehr live an den Rennstrecken. Doch jetzt wurde der Druck offenbar zu gross. Die Sauber-Posse rund um den Rechtsstreit mit Ex-Testpilot Giedo van der Garde (29) zog die ganze Formel 1 in Misskredit – keiner konnte diesen Zirkus noch ernst nehmen.

Gut möglich also, dass Peter Sauber auf Druck von Bernie Ecclestone (84) nach Down Under geprügelt wurde. Der F1-Chefvermarkter dürfte sich ab den Schlagzeilen kaum erfreut haben. Nicht nur für Sauber, auch für die Königsklasse war das kommunikativer und marketingmässiger Kollateralschaden. Und da Peter Sauber der Verwaltungsratspräsident der Sauber Motorsport AG ist und zwei Drittel der Teamanteile hält, drängte sich in der tiefsten Krise der 22-jährigen SauberHistorie auf, dass der Chef persönlich die Verantwortung übernimmt.

Teamchefin Monisha Kaltenborn ist überfordert. Sie wirkt müde, ausgelaugt, kommuniziert nicht und macht auch sonst eine schlechte Figur. Dass die gelernte Juristin und langjährige Chefin der Sauber Rechtsabteilung nicht mal die Verträge der Piloten kennt, ist eine Bankrotterklärung. Und der Hauptgrund, dass Giedo van der Garde zwei Mal in Holland, einmal in der Schweiz und nun in Australien gerichtlich um seinen Platz im Sauber-Cockpit kämpfte.

Wie weiter in Malaysia?

Peter Sauber jedenfalls schaffte es nun, kurz vor dem Urteil im Rahmen der dritten Verhandlung vor dem Supreme Court im Bundesstaat Victoria (Aus) mit Streitpilot Giedo van der Garde und dessen Anwalt eine Einigung zu erzielen. Damit ist vorerst zumindest die Gefahr abgewendet, dass Richter Clyde Croft vom Obersten Gerichtshof Victorias Sauber-Autos und -Material pfändet oder Teamchefin Monisha Kaltenborn in Beugehaft nimmt. Alles wäre möglich gewesen, zumal Croft auf Sauber schlecht zu sprechen scheint.

Vor dem gestrigen Qualifying gab van der Garde dann aber bekannt, auf Quali und Rennen zu verzichten. Damit sind die Autos im Albert Park für Felipe Nasr (Startplatz 11) und Marcus Ericsson, der in Australien früh als 16. ins Rennen geht, frei. Doch damit ist die Posse noch längst nicht vorbei. Van der Garde: «Im Interesse der Formel 1 habe ich entschieden, meinen Rechtsanspruch für einen Start in Melbourne aufzugeben.»

Peter Sauber sagt: «Wir haben diese Einigung mit ihm erzielen können. Das Team konzentriert sich nun hier auf das Rennen. Im Laufe der nächsten Woche wird es sicher weitere Informationen geben. Was das heisst: Alles ist möglich. Nämlich dass van der Garde für den GP Malaysia wieder gerichtlich um sein Cockpit kämpft. Oder dass Sauber ihn so zufriedenstellen ausbezahlt, dass die Angelegenheit erledigt ist. Oder aber: Sauber verkauft dem van der Garde-Clan Teamanteile, um wieder liquid zu werden – was aber eher unwahrscheinlich ist.

Geschädigter Ruf

So oder so: Sauber kommt die ganze Sache teuer zu stehen: Neben der Abfindung müssen die Hinwiler auch die Gerichtsverfahren berappen. Und Sauber hat ja von Ecclestone bereits einen 10-Millionen-Vorschuss erhalten – die finanzielle Lage ist also weiter kritisch und höchst angespannt. Der Kampf ums Überleben geht weiter.

Hinter dem Theater steckt ein Name: Monisha Kaltenborn. Am 25. November 2012 löste die 43-Jährige Peter Sauber als Teamchef ab. 28 Monate später gleicht der Rennstall einem Scherbenhaufen. Der Ruf ist zerstört. Die Marke ramponiert. Was das Team Sauber sportlich, wirtschaftlich, juristisch und kommunikativ abliefert, ist erbärmlich. Verantwortlich für die Misere ist die Chefin höchstpersönlich. Die indisch-österreichische Doppelbürgerin mit Wohnsitz Küsnacht am Zürichsee hat die Kontrolle über ihren Laden verloren.

Die einst als «Eiserne Lady der Formel 1» hochgeschätzte und über die PS-Branche hinaus beliebte Frau ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Was Kaltenborn in den letzten 840 Tagen in die Welt hinaus posaunte, ist kaum zu toppen. Statt Fakten zu liefern, machte sie auf Märchentante. Erst kündigte sie lauthals «millionenschwere Partner aus Russland» an. Am Schluss floss weder Geld noch kam der flügellahme Sauber-Taxifahrer Sergei Sirotkin (19) auf Touren. Kaltenborn beendete die Zusammenarbeit mit dem potenziellen Gutiérrez-Nachfolger.

Schweigende Kaltenborn

Ähnlich ging es Simona de Silvestro (26): Nach sechs Monaten löste Kaltenborn den Vertrag mit der Thunerin auf. Die IndyCar-Pilotin wartete vergebens auf einen Trainingseinsatz. Nur Schall und Rauch war auch die Story um Märchenprinz Lawrence Stroll (55): Der kanadische Textil-Investor soll ebenfalls an Sauber interessiert gewesen sein, um dort Sohn Lance (17) zu platzieren. Doch die Geschichte entpuppte sich als laues Sommermärchen. Wie auch der Asien-Flirt mit einem schwerreichen Investor aus Singapur.

Den kommunikativen Super-GAU landete Kaltenborn nun in Melbourne. Zum ganzen Vertrags-Theater rund um Pilot van der Garde wollte sie sich nicht äussern. Lieber verschanzte sie sich hinter Trennwänden. Zum Glück kam Peter Sauber nach Melbourne. Wenigstens er sagte kurz was.

Vor der Teamchef-Pressekonferenz, zu welcher die FIA einlädt, konnte sich Kaltenborn allerdings nicht drücken. Auf die Frage, ob sie an Rücktritt denke, antwortete sie entnervt: «Nein, ich denke nicht daran.» Und auf die Frage, welche Rolle derzeit Peter Sauber spielt, meinte Kaltenborn: «Er ist Besitzer und wird in dieser Position weitermachen.» Ende der Vorstellung. Die Frage sei erlaubt? Wie lange toleriert Peter Sauber dieses Theater noch?