Formel 1
Gewinnt ein Deutscher den Formel1-GP von Deutschland?

Heute findet der Formel-1-GP am Nürburgring statt. Dabei ist es lange her, dass ein Deutscher Fahrer das Rennen für sich entschied. Das soll sich nun endlich ändern.

Marco Oswald, Nürburgring
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Das deutsche Formel-1-Sextett (v.l.): Timo Glock, Sebastian Vettel, Michael Schumacher, Nick Heidfeld, Adrian Sutil und Nico Rosberg. keystone

Das deutsche Formel-1-Sextett (v.l.): Timo Glock, Sebastian Vettel, Michael Schumacher, Nick Heidfeld, Adrian Sutil und Nico Rosberg. keystone

In der Formel 1 gibt nur eine Nation den Ton an – Deutschland: Sechs von 24 Piloten sprechen Deutsch. «Schwarz-Rot-Gold» besetzt einen Viertel des aktuellen Fahrerfelds. Rekord? Nicht ganz: Im letzten Jahr waren in Singapur, Suzuka, Yeongam, São Paulo und Abu Dhabi sogar sieben Deutsche am Start.

Doch Nico Hülkenberg ist bei Williams weg und nur noch Force-India-Tester. Historiker und Statistiker werden einwerfen, dass in den seligen 50er-Jahren beim GP Deutschland auf dem Nürburgring zeitweise mehr als zehn nationale Fahrer am Start waren. Das stimmt. Doch das waren alles Eintagsfliegen.

Gewinnt Vettel?

Sechs Deutsche in den Startlöchern zum Heim-Grand-Prix auf dem Nürburgring – das ist Rekord, das gabs noch nie. Angeführt wird die deutsche Fraktion von Weltmeister Sebastian Vettel (Red Bull). Dahinter folgen Michael Schumacher und Nico Rosberg (beide Mercedes), Adrian Sutil (Force India), Timo Glock (Virgin) und Nick Heidfeld (Renault). Ausser Nico Rosberg, der in Monte Carlo lebt, wohnen übrigens alle aktuellen deutschen F1-Piloten in der Schweiz: Champion Vettel lebt mit Freundin Hanna im Bauernhaus «Neumüli» in Ellighausen, Gemeinde Kemmental TG. Der siebenfache Weltmeister Michael Schumacher wohnt mit Ehefrau Corinna und den beiden Kindern Gina-Maria und Mick in einem 60-Millionen-Palast in Gland am Genfersee.

Adrian Sutil hat sich vor zwei Jahren im solothurnischen Oensingen niedergelassen, Timo Glock hat seit August 2010 eine Mietwohnung im thurgauischen Steckborn. Und Nick Heidfeld lebt mit Freundin Patricia sowie Tochter Juni und Sohn Joda in Stäfa am Zürichsee.

Schumacher dominierte einst hier

Die Schweizer «Formel Deutsch» rockt den Ring. Dass dem so ist, ist Michael Schumacher zu verdanken. Der Kerpener löste den Boom aus. Als er 1994 auf Benetton-Ford in Adelaide seinen ersten Titel holte, brach in halb Deutschland das Rennfieber aus. Ähnlich wie damals im Tennis mit Steffi Graf und Boris Becker. Schumi das Zugpferd – und die Eltern schickten ihre Kids auf die Kartbahnen.

Kein Wunder, dass in den letzten Jahren – in schöner Regelmässigkeit – daraus echte Formel-1-Kerle wurden. In 17 Jahren holte Deutschland mit Schumacher (7) und Vettel (1) acht Fahrer-WM-Titel – dieses Jahr dürfte dank Vettel Titel Nummer neun folgen. Durchschnittlich jedes zweite Jahr stellt damit «Schwarz-Rot-Gold» den Klassenbesten der Königsklasse – ein unglaublicher Wert. Das war nicht immer so.

In den 80er-Jahren war zeitweise kein Pilot «made in Germany» am Start – und Formel-1-Promotor Bernie Ecclestone wünschte sich nichts sehnlicher als einen Deutschen. Damals hatte die Rennnation Deutschland Exotenstatus. Zurzeit ist das Gegenteil der Fall. Kein Wunder, dass da gewisse schon wieder vom Gegenteil träumen – einem bunt-gemischten Fahrerfeld.

Gelingt Schuhmacher Sensation?

Morgen träumen alle sechs Deutschen vom Podest beim Heimspiel. Realistische Siegchancen hat aber nur einer: Sebastian Vettel. Der gebürtige Heppenheimer aus Rhein-Neckar hat zwar vor heimischem Publikum noch nie gewonnen. Weder auf dem Hockenheimring noch hier in der Eifel. Doch die Halbzeit-Statistik macht ihn automatisch zum Favoriten: neun Rennen, sechs Siege, drei zweite Plätze. Bulle Vettel ist heiss auf GP-Sieg Nummer 17. Und wenn es hier in der Eifel kühl bleibt, bringt keiner seine Reifen besser auf Arbeitstemperatur als der Weltmeister.

Der siebenfache Weltmeister Michael Schumacher blitzt auch in seinem zweiten Comeback-Jahr nur selten auf. Im innerdeutschen Duell gegen Nico Rosberg, der hier seinen 99. GP fährt, sieht der gebürtige Hürth-Hermühlheimer alt aus. Er liegt vor der heutigen zehnten Saison-Quali im Training schon 1:8 zurück. Auch ein Altmeister kann seine biometrische Uhr nicht zurückdrehen. Und wenn ihm Teamchef Ross Brawn nächstes Jahr keine konkurrenzfähige Kiste hinstellt, dürfte Schumis Comeback beim zweiten Rücktritt endgültig als gescheitert in die Geschichtsbücher eingehen.

Schade für einen Superstar, der 91 Rennen gewann, 154 Podestplätze schaffte, 68 Pole-Positionen eroberte, 76 schnellste Runden fuhr und 1814 Tage ohne Unterbruch Weltmeister war. Trotzdem: Schumi hofft nach 28 Comeback-Rennen ohne Podestrang immer noch auf einen Exploit – und auf Regen und Chaos. Dann dürfte er eine Chance haben – sonst nicht.

Adrian Sutil hat Ärger

Die anderen drei Deutschen neben Vettel, Schumacher und Rosberg sind nur «Best of the Rest». Adrian Sutil (28), 2010 im Force India noch Aufsteiger des Jahres und regelmässig im Mittelfeld klassiert, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Im Team von Vijay Mallya (55), dem indischen Milliardär und Airline-Besitzers, geht nichts mehr. Der gebürtige Starnberger macht keine gute Figur – und flippt auch neben der Piste aus. Wie zuletzt in Schanghai, als eine Champagnerfeier blutig endete. Morgen Sonntag auf der Schleife ist Sutil maximal Punktekandidat.

Auch hinterher fährt der ewige «Aufbauhelfer» Timo Glock (29) aus Lindenfels im Odenwald. VirginF1 ist ein Rohrkrepierer – die «Jungfrau» von Teambesitzer Sir Richard Branson wird wohl nie erwachsen. Glock wirkt immer frustrierter. 2004 debütierte er in der Königsklasse – und fährt seither hinterher. Einziges Highlight: ein zweiter Platz beim GP Ungarn 2008 hinter Sieger Heikki Kovalainen (damals McLaren-Mercedes).

«Lückenbüsser» Nick Heidfeld

Ein katastrophales Comeback nach einem Jahr als Mercedes- und Pirelli-Testpilot erlebt Nick Heidfeld (34): Nur durch Robert Kubicas (26) schwerem Rallye-Unfall am 6. Februar 2011 rutschte der gebürtige Mönchengladbacher ins Starterfeld 2011. Doch seit neun Rennen zerreisst «Lückenbüsser» Heidfeld im Team der Franzosen, die ihre Autos in England bauen, keine Stricke. Heute fährt er seinen 184. GP – und ist immer noch ohne Sieg. Das wird auch so bleiben. Lotus RenaultGP ist im freien Fall – und offenbar auch finanziell in Nöten. Möglich, dass nächstes Jahr im Heck Cosworth-Motoren stecken – und Renault abhaut. Bei Williams haben sie für 2012 bereits unterschrieben.

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