Argentinien
«Eine Rallye, wie auf dem Mond»: Wenn die grossen Buben im Dreck spielen

Eines der grössten Auto-Volksfeste der Welt findet in der tiefsten Pampa statt. Die Königsetappe «El Condor» ist eine der härtesten Strecken der Welt. Den Sieg fuhr der VW-Pilot Jari-Matti Latvala ein.

Fabian Mechtel
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Auf der legendären, 16,3 Kilometer langen Sonderprüfung «El Condor» geht es um Millimeter. HO

Auf der legendären, 16,3 Kilometer langen Sonderprüfung «El Condor» geht es um Millimeter. HO

Es ist kalt, bitterkalt. Manchmal ist der Nebel so dicht, dass man die Hand vor Augen nur noch ahnt. Aber allerorten brennen Feuer, dort können sich die Zuschauer wärmen, dort wird auch das eine oder andere Kilo Rindfleisch gebraten; die kreisenden Rotwein-Flaschen verheissen ebenfalls etwas Wärme. Jorge ist schon seit zwei Tagen hier oben in den Anden, stundenlang ist er gewandert, damit er sich seinen Stammplatz rechtzeitig sichern konnte. Ein kleiner Felsvorsprung, hier sieht Jorge genau, wer ein guter und wer bloss ein Rallye-Fahrer ist. In den vergangenen Jahren hat Sébastien Loeb hier der Welt bewiesen, dass er ein Ausserirdischer ist, keiner fuhr näher an die Felsen heran, Millimeter waren es nur, immer wieder hatte Jorge das Gefühl: Jetzt knallts. Es knallte nie, acht Mal gewann Loeb auf Citroën die Rallye Argentinien. Und auf der schwierigsten Sonderprüfung, «El Condor», so legendär wie der Col de Turini bei der Rallye Monte Carlo, fuhr der in der Schweiz lebende Franzose die Konkurrenz jeweils in Dreck und Matsch.

Rallye in Argentinien.
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HO

Schwierige Aufgabe

«El Condor» – mehr braucht es nicht, um die Faszination des Rallyesports zu verstehen. Die nach dem grössten Greifvogel der Welt benannte Sonderprüfung ist die Königsetappe der Rallye Argentinien, sie ist zugleich eine der härtesten Prüfungen der Welt. Wer dort oben in den Anden war, die karge Vegetation und die massiven Felsformationen gesehen hat, weiss: Hier kann man nur verlieren. «Es ist, als ob du auf dem Mond fahren würdest», sagt VW-Pilot Jari-Matti Latvala über die 16,32 km lange Wertungsprüfung. Nur, dass es auf dem Mond keinen dichten Nebel hat. Und dass es dort nicht überall nach grilliertem Fleisch riecht.

Es ist ein Fest. Auch wenn die wirtschaftliche Situation in Argentinien derzeit wieder einmal sehr schwierig ist – die Liebe zum Motorsport ist ungebrochen. Beifall erhalten alle – Standing Ovations gibt es für jene, die auf der schmalen Strecke besonders quer kommen und ungebremst über eine der Holzbrücken knallen, die kaum breiter sind als die Rennwagen selbst.

Das Wetter sorgte in diesem Jahr für zusätzliche Spannung. Die heftigen Regenfälle und Stürme im Vorfeld der Rallye machten aus der sowieso schon anspruchsvollen Argentinien-Rallye die bisher schwierigste im Rennkalender. Metertiefe, matschige Furchen, gefolgt von bretterharten Querrinnen, fieser Schlamm, Schlaglöchern so tief, dass man auch einen Material-Lastwagen hätte darin verstecken können. Und nicht zu vergessen: Die für Argentinien so charakteristischen Wasserdurchfahrten, die durch ihre Tiefe in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit der Fahrer erforderten. Schnell allein genügt nicht, es muss auch der richtige Winkel sein, sonst ist die Sicht weg und dem Auto geht die Luft aus. Unangenehm dann, wenn man ans Flussufer schwimmen muss.

Trotz seiner Abneigung gegenüber diesen schroffen Bedingungen hatte sich der amtierende Weltmeister Sébastien Ogier den Sieg in Argentinien vorgenommen. Er will beweisen, dass nicht nur «Super-Séb» Loeb ein Held ist, er will die Legende «El Condor» besiegen, er will auch für die vielen Volkswagen-Anhänger unter den Rallyefans eine grosse Show bieten. Weit über eine Million Zuschauer haben die Rallye Argentinen während der drei Renntage verfolgt – und das Gros auf der Seite von Volkswagen. Denn die Wolfsburger sind nicht nur Marktführer in Argentinien, sondern auch grösster Arbeitgeber der heimischen Automobilindustrie. Dementsprechend gross ist die Identifikation mit VW, mit dem Polo R WRC, der gar nicht mehr aussieht wie ein Polo.

Die Werksangehörigen und Markenfans wurden nicht enttäuscht. Im Gegenteil, sie bekamen eine grossartige Show geboten. Die Neueinsteiger von Hyundai hatten schon ab dem Start mit technischen Problemen zu kämpfen, Dani Sordo verunfallte, Vize-Weltmeister Thierry Neuville schaffte am zweiten Tag immerhin einen Achtungserfolg mit dem Sieg in einer Sonderprüfung. Nach den frühen Unfällen von Ford-Pilot Mikko Hirvonen und Mads Ostberg mit seinem Citroën DS3 WRC war der Weg frei für einen heissen Kampf zwischen den drei VW Polo R WRC von Ogier, Latvala und Mikkelsen.

Heisses Duell

Den Sieg machten Latvala und Ogier unter sich aus, das aber nur, weil Junior Mikkelsen nach einem abgesprungenen Keilriemen fünf Strafminuten auferlegt bekam. Doch es gab trotzdem fantastischen Rennsport, von Wertungsprüfung zu Wertungsprüfung wechselte der Spitzenreiter, die Teamkollegen schenkten sich nichts. Höhepunkt war die achte Wertungsprüfung, in der sich Latvala als Führender drehte, wertvolle Zeit verlor und Ogier vorerst ziehen lassen musste. Als sich der ehrgeizige Weltmeister nach einer kurzen Unachtsamkeit ebenfalls drehte, konnte Latvala wieder aufschliessen. Dann beschädigte Ogier aber den Kotflügel und das Kühlsystem – Latvala war wieder vorne. Ogiers Polo wurde am Abend innerhalb des vorgeschriebenen Zeitlimits von 45 Minuten aber für den letzten Renntag und «El Condor» wieder fit gemacht.

VW dominiert

Der amtierende Weltmeister bot den Fans auf «El Condor» noch einmal eine atemberaubende Vorstellung. Jorge auf seinem Felsvorsprung war beeindruckt, auch bei Ogier hatte er das Gefühl: «Jetzt knallt es.» Es knallte nie. Doch für den Gesamtsieg reichte es trotzdem nicht, Latvala blieb auch «auf dem Mond» locker.

Dass Volkswagen einen echten Zweikampf im eigenen Team zulässt, macht die Rallye-Weltmeisterschaft spannend. Auch ohne die so grossartige Sonderprüfung «El Condor» zeigte die Rallye Argentinien, wie attraktiv der Rallyesport ist, Staub, Matsch, Dreck, fliegende Autos – dagegen ist die Formel 1 ein Puppen-Theater.