Prozess

Droht Formel-1-Boss Bernie Ecclestone das gleiche Schicksal wie Uli Hoeness?

Der Zampano der Formel 1, Bernie Ecclestone, steht heute vor dem Langericht München 1. Er ist angeklagt wegen Bestechung und Anstiftung zu Untreue in einem besonders schweren Fall. Äusserlich cool, dürfte der 83-Jährige innerlich hypernervös sein.

Bernard Charles Ecclestone: Der 83-jährige «Mister Formel 1», aktuell vier Milliarden Dollar schwer und auf Rang 26 der reichsten Briten, steht das Wasser bis zum Hals: Die Formel 1 ist todkrank. Von den elf Teams liegen ausser Mercedes, Red Bull, Ferrari und McLaren alle auf dem Sterbebett.

Dem Selfmade-Milliardär und ehemaligen Gebrauchtwagenhändler aus Ipswich in der Grafschaft Suffolk passt die jüngste Technik-Revolution überhaupt nicht: Bernie Ecclestone hasst die grüne Königsklasse. Er will PS, Lärm und Spektakel. Wenn die Show leidet und die Fans fluchen, läuten beim 1,59 Meter kleinen Briten alle Alarmglocken.

Ab heute kommts für den F1-Promotor noch dicker: Vor dem Landgericht München I, wo unlängst Bayern-Boss Uli Hoeness zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden ist, hat sich nun mit Ecclestone ein weiterer grosser Strippenzieher des Sports zu verantworten. Die Anklage: Bestechung und Anstiftung zur Untreue in einem besonders schweren Fall. Ecclestone bestreitet die Vorwürfe.

Für 18 Ordner Ermittlungsakten, 14 Sonder- und 24 Beweismittelbände wurden 26 Verhandlungstage angesetzt. Sollte Gerichtspräsident Peter Noll am Ende zur Einschätzung kommen, dass die Vorwürfe gegen Ecclestone stimmen, droht dem F1-Boss, dass sein Leben hinter Gittern endet.

Ecclestone selbst glaubt nicht an ein Waterloo: «Die Vorwürfe sind lächerlich. Ausser, dass mich die Anklage viel Zeit und Geld gekostet hat, ist da nichts dran», sagte Big-Bernie beim GP von Bahrain in Manama zur «Nordwestschweiz».

Eine Verurteilung Ecclestones hätte auch für die Formel 1 weitreichende Folgen: Ein «E»-Nachfolger ist nicht in Sicht. Es war Ecclestone, der in den letzten 40 Jahren die Königsklasse in der globalen Sport- und Unterhaltungsindustrie auf gleiche Höhe wie die Olympischen Spiele oder die Fussball-Weltmeisterschaft gestellt hat.

Der zwielichtige Brite mit Zweitwohnsitz Gstaad kennt das Formel-1-Geschäft mit seinen komplexen System- und Vertragswerken wie kein anderer. Er hat es geschaffen und entwickelt. Er bündelte die Interessen der rivalisierenden F1-Teams und nahm die Vermarktung der Rennen in die Hand. Doch jetzt steht die Position von «Mr. Formula One» auf dem Spiel.

Und seine Macht. In München geht es die nächsten dreieinhalb Wochen auch darum, das gerissene und teils skrupellose System Ecclestone zu hinterleuchten.

Es hat etwas Epochales, dass Ecclestone im Alter von 83 Jahren im kalten Münchner Landgericht Platz nehmen muss. Nur über wenige Manager der neueren Sportgeschichte wurde so viel geschrieben wie über den umtriebigen F1-Zampano. Und doch ist kaum einer so wenig durchschaubar wie er. Sätze, die man aus seinem Kosmos hört, sind: «Ich bin der Beste.» Oder: «Ich kann mir jeden Menschen kaufen – denn für Geld machen die alles.»

Bernard Ecclestone ist ein Exzentriker. Machtbesessen und gnadenlos. «Dealing and winning» – «Handeln und Gewinnen» – lautet sein Mantra. Nach diesem Motto hat er die Welt erobert. Ecclestone versteht es, Leute um den Finger zu wickeln. Er ködert sie und gibt ihnen das Gefühl, zu seiner Welt zu gehören. Da liegt schon mal ein Paddock-Club-V.I.P.-Ticket drin, eine Ausfahrt auf einem Riva-Luxus-Motorboot oder ein Flug in seinem Privat-Falcon 7X.

Wenn es aber um Verträge geht, ist es Ecclestone, der abschliesst und den Reibach macht. Vermeintliche Mitstreiter gehen meist leer aus.

Manch ein Wegbegleiter beschreibt den 83-Jährigen als «Mann mit autistischen Zügen». Doch kaum einer kennt ihn wirklich. Ecclestone zeigt weder Gefühle, noch spürt man, wie er wirklich tickt. Ecclestone nimmt niemanden in den Arm. Selbst seine beiden Töchter nicht. Händeschütteln ist nicht sein Ding. Das tut es nur, um Berührung anzudeuten.

Es gibt viel Widersprüchliches im Leben des Rennkönigs, der sich selbst nur sehr wenig gönnt und wenn, dann nur Schnäppchen. Für wohltätige Zwecke spendet er nie. Die langen, grauen Haare schneidet er nicht selten selbst – das geht schneller und kostet nichts. Schwarze Bundfaltenhosen und Jackets trägt er über viele Jahre. Die weissen Hemden kauft er bei Armani. Aber nur die günstigen Emporio-Linien. Schuhe Grösse 38 kauft er meist im Dutzend, weil es dann obendrauf zwei Paare gratis gibt.

Ecclestone ist ein Kauz – und lebt in einer eigenen Welt. Auf der 59 Meter langen Jacht «Petara», benannt nach seinen Töchtern Petra und Tamara – seine älteste Tochter Deborah aus erster Ehe schweigt er konsequent tot – schippert er gelegentlich vor Kroatien herum. Sardinien und Miami sind ihm zu teuer. Während Petra und Tamara auf den Sonnendecks herumstolzieren, dümpelt der Vater meist in der abgedunkelten Kajüte herum: Er arbeitet lieber oder schaut TV. Zudem mag er die Sonne nicht, zumal er auf einem Auge halb blind ist. Und schwimmen kann er auch nicht.

Zu Hause in London lebt der Manager im «Princes Gate», direkt am Hyde Park. Mit seiner fast 50 Jahre jüngeren dritten Ehefrau Fabiana Flosi. Morgens um sechs nimmt er den Fahrstuhl und fährt runter in die neunte Etage – ins karg eingerichtete Büro, welches er dem ehemaligen Waffenhändler Adnan Kashoggi abgekauft hat. In seinem Büro hat er auf seinem Couchtisch eine Handgranate liegen. «Es war noch nicht der richtige Besucher da, um sie zu zünden», sagte er einmal.

Sein ganzes Leben besteht aus eiskalter Taktik, permanenter Kontrolle und diversen Ritualen. Das gibt ihm Sicherheit. Und macht ihn stark. Im Business kann er auch laut werden. Sogar aggressiv. Und das F-Wort gehört zu seinen bevorzugten Vokabeln. Ecclestone, der kaum Alkohol trinkt, mag den russischen Präsidenten Wladimir Putin und verehrte gelegentlich auch schon Adolf Hitler. Um einen Skandal ist Ecclestone nie verlegen – er produziert sie serienmässig. Und auch hier mit Kalkül.

Mitte der 1960er-Jahre kam er in die Formel 1: als Entdecker von Jochen Rindt. 1972 kaufte er den Brabham-Rennstall. Dann ging alles ganz schnell. Heute ist die Formel 1 ohne Ecclestone undenkbar. Es erstaunte nicht, wenn der Meister der Taktik sich auch beim heute beginnenden Prozess aus der Affäre kaufen könnte.

Sein Ziel: Die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Um dann wieder in Ruhe arbeiten zu können. Für Ecclestone geht es die nächsten Wochen um alles oder nichts. Äusserlich gibt er sich cool und siegessicher. Innerlich dürfte er hypernervös sein.

Den GP von China liess er am letzten Wochenende sausen. Offiziell hiess es, er habe zu tun. Vermutlich aber dürfte er sich minuziös auf den Prozess vorbereitet haben.

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