Erinnerungen hat der 34-jährige Robert Kubica zuhauf. Die Gedanken an seine ersten Jahre in der Formel 1 begleiten ihn. 76 Grands Prix bieten Stoff zum Sinnieren. 76 Geschichten lassen es nicht zu, Geschehenes ruhen zu lassen. Die Vergangenheit holt den Polen immer wieder ein. Sie ist Teil seiner Gegenwart, seiner zweiten Karriere.

Dieser Tage kommt bei Kubica besonders viel wieder hoch. Montreal und der Grand Prix von Kanada stehen für Emotionen der extremsten Art. Erst Unfallopfer, dann Gewinner, innert zwölf Monaten vom lebensbedrohlichen Moment zur ausgelassenen Feier – das volle Programm des Automobilrennsports.

Der Vorvertrag mit Ferrari

Auf das Jahr 2007, als Kubica nach einem Überschlag und zwei heftigen Einschlägen in der Abgrenzungsmauer im total demolierten BMW-Sauber praktisch unverletzt geblieben war, folgte das Jahr 2008, als er der Zürcher Equipe unter bayerischer Herrschaft den einzigen Sieg in der Formel 1 bescherte und WM-Leader war.

Es war die Zeit, als der Pole vor einer grossen Zukunft gestanden und zusammen mit Lewis Hamilton und Sebastian Vettel als die neue Fahrergeneration gegolten hatte. Kubica war nach dem Rückzug von BMW im Jahr 2009 praktisch für alle grossen Rennställe zum Thema geworden. Mit Ferrari hatte er offenbar schon einen Vorvertrag unterzeichnet.

Hamilton ist mittlerweile fünffacher, Vettel vierfacher Weltmeister. Kubicas Traum von Ruhm und Erfolg dagegen endete abrupt, am 6. Februar 2011. Der Unfall beim Rallye «Ronde di Andora» in der Nähe von Genua sorgte auf dramatischste Weise für die Wende in der Karriere des Hochtalentierten.

Kubica hatte auf nasser Strasse die Kontrolle über das Auto verloren. Der Škoda Fabia krachte gegen eine Leitplanke, die aufbrach und sich in die Fahrerzelle bohrte. Das Metallstück zertrümmerte unter anderem Kubicas rechten Unterarm. Ein Wunder sei es gewesen, dass Kubica den Crash überlebt habe, hiess es damals. Ab jenem Sonntag schien es den Formel-1-Fahrer Kubica nicht mehr zu geben. Für den Jungen aus Krakau zählten ab sofort andere Werte. Es war nicht mehr der Kampf um Hundertstel und Tausendstel. Die Zeit der Rekonvaleszenz hatte für ihn neue Dimensionen. Wochen, Monate, Jahre.

Der grosse Kampf

Kubica stellte sich der Herausforderung. Er wollte sich nicht dem Schicksal beugen. Er tat alles, um das unmöglich Scheinende möglich zu machen. Er sah jede noch so kleine Besserung im rechten Arm als Zeichen dafür, dass die Rückkehr in die Formel 1 kein unerfüllter Wunsch bleiben muss.

Der Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern auch Grenzen. Kubica hat diese Grenzen des Machbaren trotz bleibender körperlicher Einschränkung derart zu seinen Gunsten verschoben, dass er vor zwei Jahren wieder im Dunstkreis der Formel 1 angekommen war. Den Testfahrten für das Team Renault, seinem Arbeitgeber vor dem Unfall, folgten in der Equipe von Williams die Anstellung als Reservist und schliesslich der Aufstieg zum Stammfahrer. Nach langen acht Jahren war Kubica wieder in seiner Welt angekommen.

Die Formel-1-Welt des Robert Kubica ist aber nicht mehr die gleiche wie damals. Er musste sich anpassen – an die aktuelle Generation der Autos mit den gravierenden Veränderungen bei den aerodynamischen Komponenten, dem zuvor unbekannten Antriebsstrang und den neuesten Spezifikationen der Reifen. Zudem musste das Cockpit wegen der minimierten Funktionsfähigkeit der rechten Hand umgebaut werden. Die Installation für die Schaltung ist im Williams-Auto mit der Nummer 88 auf der linken statt auf der rechten Seite angebracht.

Die schmerzende Gewissheit

Kubicas Wille, sich in der Formel 1 ein zweites Mal zu etablieren, ist ungebrochen. Die ganz grosse Euphorie hat sich allerdings gelegt. Die Realität vermag mit seinen Wünschen und Vorstellungen nicht Schritt zu halten. Die Gewissheit, in einem nicht konkurrenzfähigen Auto zu sitzen, schmerzt. Der FW42 hat ihn und seinen Kollegen, den britischen Rookie George Russell, zu chancenlosen Hinterbänklern gemacht.

Der weissblaue Wagen ist Sinnbild für den desolaten Zustand des Rennstalls. Vom einst in der Formel 1 dominierenden Team, das sieben Mal den Weltmeister gestellt hat, ist neben dem Namen nicht mehr viel übrig. Was der Equipe von Sir Frank Williams bleibt, sind Erinnerungen. Wie für Robert Kubica.