Formel 1

Die Piloten versuchen sich an der Eigernordwand des GP-Zirkus

Die Berg- und-Tal-Bahn von Spa.

Die Berg- und-Tal-Bahn von Spa.

Nach vier Wochen Sommerpause für die Piloten und 14 Tagen Zwangspause für Teams und Mechaniker geht es am Sonntag mit einem Klassiker in die zweite Saisonhälfte: dem GP von Belgien in Spa-Francorchamps.

Die Ardennen-Achterbahn gilt im Formel-1-Zirkus als die spektakulärste Strecke der Welt. Die 7,004 Kilometer lange Berg- und-Tal-Bahn, 50 Kilometer südlich von Aachen an der belgischen Grenze in einem Talkessel gelegen, ist ein Kurs der «alten Garde». Mit aufregenden Kurvenkombinationen, heissen Mutpassagen und ultraschnellen Bergauf- und Bergabstücken. Auf der längsten GP-Strecke des Jahres trennt sich die Spreu vom Weizen. «Spa unterscheidet die Männer von den Buben», sagte einst Dennis Hulme, Weltmeister von 1967. Red-Bull-Doppelweltmeister Sebastian Vettel formuliert es heute so: «Wer in Spa keine Eier hat, hat hier nichts verloren.»

Die grösste Mutprobe der Formel 1 hat einen Namen: Eau Rouge. Die Teufelssenke ist Adrenalin und Nervenkitzel pur. Nirgendwo auf der Welt fliegen die Schutzengel tiefer als hier. Schon der Name allein jagt den Fans eiskalte Schauer über den Rücken: 700 Schritte gehts runter in einen Knick. Und dann 600 Schritte wieder hoch – bei unglaublichen 18 Prozent Steigung.

Insgesamt zehn Sekunden jagen die GP-Asse durch die schnellste Links-rechts-links-Kombination des Jahres. Mit 280 Sachen. Im 7. Gang – voll, die Pobacken zusammengepresst. Bei Fliehkräften um die 5G.

Dem Himmel entgegen

Am tiefsten Punkt schlagen die Autos brutal auf. Die Federung staucht die Boliden in der Senke drei Zentimeter zusammen. Die Piloten werden mit fünffachem Körpergewicht in ihre Sitzschalen gedrückt. Beim gleichzeitigen Richtungswechsel reisst es ihnen dann fast die Füsse von den Pedalen. Beim anschliessenden Anstieg baut sich eine Wand auf. Einen Wimpernschlag später sehen die Asphalt-Cowboys nur noch Himmel. Gerhard Berger meinte einmal: «Es fühlt sich an wie in einem Kampfjet: Man schiesst wie in einem Starfighter nach oben.» Ähnlich fühlen nur noch Astronauten, wenn sie in ihren Kapseln ins All geschossen werden. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Formel-1-Asse den Kick 44-mal erleben – in 110 Rennminuten.

So werden die Reifen in Spa Francorchamps beansprucht

Für die durchtrainierten und muskelbepackten Adrenalin-Junkies kein Problem. Sie lieben die letzten schnellen Kurven der Formel 1. Allen voran die Teufelskurve Eau Rouge, die «Eigernordwand der Formel 1». Der heisseste Stepptanz auf Pedalen ist jedes Jahr ein Highlight. Auch für McLaren-Pilot und Ungarn-Sieger Lewis Hamilton ist die Senke, wo rotes, rostfarbenes Wasser vom nahegelegenen, eisenhaltigen Fluss runterläuft, die Herausforderung des Jahres: «Die Kompression, das Gefühl am tiefsten Punkt von Eau Rouge, ist einfach total unbeschreiblich.» Wichtig sei, bei Vollgas in der Spur zu bleiben, so Hamilton. «Flat out», nennen es die Stars. Bedeutet: volle Kanne – und mitten durchs Verderben. Als gäbe es kein Morgen.

Gefährlich bei Regen

Gefährlich ist Eau Rouge im Regen. Bei Nässe ist die Ardennenpiste die gefährlichste Waschküche der Welt. Durch die Gischt des Vordermanns, zu der sich oft auch tief hängende Wolken und Nebel über den Wäldern des Mittelgebirges gesellen, wird die Fahrt zur Hölle. Wenn sich überall das Wasser sammelt und die Rinnsale auf und abseits der Piste ihren Weg bahnen, wirds ein Eiertanz.

1998 wurde die verhängnisvolle Kombination aus Gischt und Regen Michael Schumacher zum Verhängnis: Mit 20 Sekunden Vorsprung und in Führung liegend fuhr der Ferrari-Pilot auf der Geraden McLaren-Fahrer David Coulthard ins Heck – mit über 200km/h. Schumacher kam dreirädrig an die Box, stieg aus und stürmte wutentbrannt in die McLaren-Garage. Nur mit viel Glück konnten die Ferrari-Mechaniker eine Schlägerei verhindern. Schumi war ausser Rand und Band.

Das Jubiläum im Wohnzimmer

Am Sonntag fährt der sechsfache Spa-Rekordsieger hier in seinem «Wohnzimmer», nur 45 Kilometer neben seinem Geburtsort Kerpen, sein 300. Formel-1-Rennen. Vor Jahresfrist feierte er in Spa bei Bier und Currywurst 20 Jahre Formel 1. Gestern wurde der Silberpfeilpilot von der Heilbäder-Stadt Spa zum Ehrenbürger ernannt. Die Ehrenbürgerwürde wurde dem siebenmaligen Formel-1-Weltmeister von Joseph Houssa überreicht, der Schumachers «Verdienste um das Ansehen des Automobilrennsports und der Region Spa-Francorchamps» ehrte.

Schumi gab in Spa 1991 auf Jordan-Hart sein F1-Debüt. Und noch immer hat er hier viele Fans. Passend ist ein Transparent aus früherer Zeit – es hat noch immer Gültigkeit: «Schumi, Fritten und Bier, darum sind wir hier.» Na dann Prost, Schumi.

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