Eine Steigerung des Dramas um Tom Lüthi (31) schien beim GP von Italien in Mugello eigentlich nicht mehr möglich. Aber es ist noch schlimmer geworden.

Die Wirklichkeit übertrifft inzwischen jede Fiktion. Das Rennen der Königsklasse beim GP von Italien in Mugello ist in vollem Gange. Begeisternder Rennsport. Valentino Rossi ringt um einen Platz auf dem Podest.

Geduscht, gebürstet und gekämmt auf dem Heimweg

Aber wo ist Tom Lüthi? Er sitzt bereits frisch geduscht, gebürstet und gekämmt in seinem BMW. Er hat sich schon auf den Heimweg gemacht und versucht, vor dem Ende des Rennens aus dem Fahrerlager zu gelangen und dem Verkehrschaos zu entkommen.

Wer böse ist, mag sagen: Er schafft auch das nicht. Selbst auf der Landstrasse sind andere schneller. Item, er bleibt auf dem Weg von der Rennstrecke durch die toskanischen Hügel zur Autobahn im Stau stecken.

Auch in Mugello gab es keine Punkte - Tom Lüthi ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.

Auch in Mugello gab es keine Punkte - Tom Lüthi ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.

Ein Opfer der Umstände

Der Emmentaler, der diese Saison die Königsklasse erobern wollte, auf der Heimfahrt, bevor das Rennen zu Ende ist. Was ist passiert?

Auf dem Weg von seinem Motorhome zu seiner deutschen Benzinkutsche steht der desillusionierte Held Red und Antwort und sagt unter anderem einen Satz, der aufhorchen lässt: «Unter solchen Umständen kann man nicht arbeiten.»

Aber er kann diese Umstände nicht beeinflussen. Einer der grössten Schweizer Motorradrennfahrer aller Zeiten ist ein Opfer der Umstände.

Immer noch ohne WM-Punkte

Der Weltmeister von 2005 schildert kurz und präzis sein Malheur im Rennen. Er sei beim Start ziemlich gut weggekommen. Aber dann sei Xavier Simeon in der zweiten Runde vor ihm ins Rutschen geraten. Er sei mit ihm zusammengestossen und gestürzt. «Dabei habe ich den Kopf heftig aufgeschlagen. Aber jetzt bin ich wieder okay. Es war Pech, ich fuhr zur falschen Zeit am falschen Ort . . .»

Nach wie vor hat Tom Lüthi keine WM-Punkte herausgefahren. Aber er führt eine beunruhigende Statistik an. Gleichauf mit Weltmeister Marc Marquez. Die Sturz-Statistik. Tom Lüthi ist nun achtmal gestürzt. Gleich oft wie der Titelverteidiger (der aber auch drei Rennen gewonnen hat).

Lange konnte sich Tom Lüthi nicht auf seinem Motorrad halten. In Mugello war bereits in der dritten Runde Schluss.

Lange konnte sich Tom Lüthi nicht auf seinem Motorrad halten. In Mugello war bereits in der dritten Runde Schluss.

Lüthi, eigentlich kein Bruchpilot

Diese Statistik ist beunruhigend. Tom Lüthi ist von seinem Stil her alles andere als ein Bruchpilot. Er pflegt bei weitem nicht den aggressiven Fahrstil eines Marc Marquez. Er ist ein kluger, eleganter Stilist. Zur Erklärung hilft ein Vergleich mit dem Skisport: Tom Lüthi ist mehr ein Riesenslalomfahrer, seine Konkurrenten sind eher Abfahrer.

Stürze in der «Königsklasse», mit Spitzengeschwindigkeiten über 300 Stundenkilometer, sind gefährlich. Tom Lüthi riskiert nicht nur seine Karriere. Er riskiert unter diesen Umständen seine Gesundheit.

Die Ruhe vor dem nächsten Sturm

Oder wird das Chaos im Team bald gelöst? Kehrt nun Ruhe ein? Nein, so sieht es nicht aus. Es ist inzwischen noch schlimmer geworden.

Am Freitag hatte Graf Marc van der Straten versichert, er habe nun sein Team unter Kontrolle. Sein ungetreuer Teammanager Michael Bartholemy sei nach der Entlassung ganz aus dem Geschäft und werde gerichtlich in Belgien und in der Schweiz belangt. Nun kehre Ruhe ein. Es war bloss die Ruhe vor dem nächsten Sturm.

Die internen Querelen im Team lassen Tom Lüthi nicht zur Ruhe kommen.

Die internen Querelen im Team lassen Tom Lüthi nicht zur Ruhe kommen.

Tom Lüthis Blindflug geht weiter

Am Samstag machte Michael Bartholemy die Runde bei den Mechanikern und sonstigen Teammitgliedern und versicherte ihnen, er sei nach wie vor handlungsbevollmächtigt. Und natürlich unschuldig. Es zeichnet sich ab: der Belgier setzt offensichtlich alles daran, juristisch Teamchef zu bleiben, das Team zusammenzuhalten und für nächste Saison einem Investor zu verkaufen.

Und immer mehr stellt sich die Frage: Ist der Graf, der das ganze Team finanziert, juristisch eigentlich gut beraten? Oder hat der belgische Bier-Milliardär nicht darauf geachtet, welche Verträge er unterschrieben, wem er welche Vollmachten gegeben hat?

Tom Lüthis Blindflug geht weiter. In dieser «Lindenstrasse des Rennsportes» folgen bereits in zwei Wochen beim GP von Katalonien in Barcelona die nächsten Folgen.

Dominique Aegerter holte sich nach einer Zwangspause in Mugello wichtige WM-Punkte.

Dominique Aegerter holte sich nach einer Zwangspause in Mugello wichtige WM-Punkte.