Das deutsche Selbstverständnis liess keinen Platz für Zweifel. Die Voten fielen deutlich zugunsten von Sebastian Vettel aus. Fast 70 Prozent seiner Landsleute waren in der Umfrage eines Fachmagazins überzeugt, dass die Chance des Hessen, Weltmeister zu werden, in diesem Jahr grösser ist als in der vergangenen Saison. Und noch etwas wuchtiger war das Nein auf die Frage, ob Charles Leclerc zu einer echten Gefahr für Vettels Karriere werden könnte.

Wenn sich die Deutschen da mal nicht getäuscht haben. Zwei Rennen hat Leclerc gebraucht, um sich als Angestellter von Ferrari auf allen Ebenen Respekt zu verschaffen. Zu den Beeindruckten gehört auch Vettel. Er weiss jetzt erst recht, dass ihm da ein Teamkollege zur Seite gestellt worden ist, der alle Voraussetzungen mitbringt, um dereinst einer der ganz Grossen zu werden. Vettel hat sich mit einer neuen Ausgangslage abzufinden. In der Garage nebenan steht an den Grand-Prix-Wochenenden nicht mehr der um Harmonie bemühte Kimi Räikkönen, sondern ein junger, unerschrockener Emporkömmling mit hohen Ambitionen.

Der Suchende

Vettel ist zum Suchenden geworden. Er muss einen Weg finden, um sein grosses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Er hat damit zu leben, dass der schmale Grat auf dem angedachten Weg zum fünften WM-Titel nunmehr schon in Maranello beginnt, in den eigenen vier Wänden sozusagen. Vettel muss darauf bedacht sein, Ruhe zu bewahren und sich auf seine Stärken und Tugenden zu konzentrieren.

Er muss ausblenden, was in Melbourne und Sakhir passiert ist. Er muss den in Australien und Bahrain angestauten Frust und Ärger abstreifen. Und vor allem tut er gut daran, weitere Aussetzer zu vermeiden. Fehler wie der selbst verschuldete Dreher am vorletzten Sonntag kosten nicht nur Punkte. Sie können den Verlauf einer gesamten Saison beeinflussen - vor allem dann, wenn der Teamkollege weiterhin die Nase vorn hat.

Vettel als vierfacher Weltmeister in der Helferrolle für den Jungspund Leclerc? Im Moment ist das ein schwer nachvollziehbares Szenario, nicht nur für Vettels Anhänger aus dem eigenen Land. Noch ist es zu früh, um über einen internen Machtwechsel zu sprechen. Noch ist die Situation für Vettel nicht alarmierend. Schwierig ist die Aufgabe, den Tendenzen eine andere Richtung zu geben, aber allemal.

Der Abgeklärte

Leclerc ist ohne Verzögerung zum Gradmesser für Vettel geworden. Der Monegasse hat seine erste Phase im Sold von Ferrari ohne Fehl und Tadel hinter sich gebracht und sein Pensum im Stile eines Routiniers abgespult. Die Fähigkeit des schnellen Lernens und des Adaptierens hat ihm dabei geholfen. Von der im Vergleich zur Equipe von Alfa Romeo Sauber "neuen Dimension bei Ferrari" hat er sich von Anfang an unbeeindruckt gezeigt.

Das immense fahrerische Talent ist das eine, die Abgeklärtheit das andere. Leclercs sprichwörtliche Ruhe beschränkt sich nicht auf seine Arbeit. Er hat seine Emotionen und Gefühle auch ausserhalb des Cockpits des SF90 unter Kontrolle. Dabei hätte er zuletzt in Bahrain allen Grund gehabt, aus der Haut zu fahren. Nach dem durch einen Defekt im Antriebsstrang verpassten Sieg wäre eine verbale Eruption verständlich gewesen. Doch nichts von alledem. Kein Jammern, Hadern oder Fluchen. "Das kann passieren. Das gehört zum Automobilrennsport." Mehr hat Leclerc zu seinem Pech nicht sagen mögen.

Der Besonnene

Der Satz klingt vorbereitet, auswendig gelernt. Die Vermutung, Worte eines emotionslosen Fahrers gehört zu haben, liegt nahe. Bei Leclerc ist dem nicht so. Er hat gelernt, jede Lebenssituation, ob Hoch oder Tief, anzunehmen. Er hat im Alter von 21 Jahren nicht nur auf der Sonnenseite gestanden. Die Schicksalsschläge mit dem viel zu frühen Tod seines Vaters Hervé und seines besten Freunde Jules Bianchi haben ihn auf traurige Weise gelernt, nichts für selbstverständlich zu nehmen.

Leclerc nimmt deshalb die Dinge so, wie sie kommen. Er akzeptiert sie - als Mensch und als Sportler. Seine Besonnenheit ist augenfällig. Nervosität scheint er nicht zu kennen. Um dem stetig gestiegenen Druck gewachsen zu sein, arbeitet er schon seit seinem elften Lebensjahr mit einem Mentaltrainer zusammen. Leclerc wirkt wohl auch deshalb in sich gekehrt, zurückhaltend.

Die Zurückhaltung legt Leclerc einzig auf der Rennstrecke ab - und beim Deklarieren seiner sportlichen Ziele. "Ich fahre nicht für Ferrari, um Vierter zu werden." Die Worte wirken wie eine Drohung. Nicht nur, aber im Besonderen für Sebastian Vettel.