Motorrad
Die neue Saison steht vor der Türe: Für Tom Lüthi gibt es keine Ausreden mehr

Am Sonntag beginnt die Moto2-WM. Mit 35 Jahren steht Tom Lüthi vor der schwierigsten Saison seiner Karriere.

Klaus Zaugg
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Die vergangene Saison lief für Tom Lüthi nicht wie gewünscht.

Die vergangene Saison lief für Tom Lüthi nicht wie gewünscht.

Bild: Marcel Bieri/KEY (Jerez, 21. Februar 2020)

Tom Lüthi ist kürzlich gefragt worden, ob die Zeit gekommen sei, an den Rücktritt zu denken. Seine Antwort: «Daran denke ich nicht einmal im Traum.» So ist es: Wenn einer in seinem Beruf an Rücktritt denkt, ist die Karriere zu Ende. Lüthi wird im September 35-jährig und übt einen Extremsport aus. In jedem Training und in jedem Wettkampf tanzt er auf einer Rasierklinge und riskiert Gesundheit und Leben.

Nun mag man einwenden, das sei beispielsweise auch bei Beat Feuz der Fall, dem anderen populären Emmentaler Extremsportler. Der Skirennfahrer ist ein Jahr jünger und rast nicht im Kreis herum. Sondern steile Berge hinab. Aber auf eine Saison hochgerechnet tanzt er vielleicht eine Stunde lang auf der Rasierklinge. Gegner rempeln ihn auch keine. Lüthi hingegen fährt an einem Wochenende länger am Limit als Feuz während einer ganzen Saison.

Braver Schweizer als Opfer in einem deutschen Team?

Am Sonntag beginnt in Katar seine 20. und schwierigste Saison. Ein WM-Titel ist so unwahrscheinlich wie für Roger Federer die Rückkehr an die Spitze der Tennis-Weltrangliste. Federer sind inzwischen unabhängig von seinen Resultaten Respekt, Wohlwollen und Medienpräsenz sicher. Vom Weltmeister von 2005 werden hingegen Spitzenresultate erwartet.

Für die enttäuschende vergangene Saison mit der schwächsten Karriere-Klassierung in der Moto2-WM (10.) hat er eine gute Erklärung: Die technische Betreuung funktionierte nicht. Salopp erklärt: ein braver Schweizer als Opfer in einem deutschen Team. Was wohl auch mehr oder weniger der Wahrheit entspricht. Sein Freund und Manager Daniel Epp hat es nach den internen Auseinandersetzungen und der Trennung vom Team im November griffig formuliert:

«Wir werden die Antwort in der neuen Saison auf der Rennpiste geben.»

Diese Antwort ist bisher ausgeblieben. Vor einem Jahr hatte Lüthi die Vorsaison-Tests teilweise nach Belieben dominiert. Er galt als einer der Titel-Anwärter. Nun spricht erstmals seit Menschengedenken niemand mehr von Lüthi. Bei den letzten Vorsaison-Tests kam er unter den 30 Piloten gerade noch auf Position 20. Ausreden hat er keine mehr. Er fährt nun für das Team des Spaniers Eduardo Perales und rühmt die technische Zusammenarbeit. Epp ist es auch noch gelungen, die finanzielle Situation auf hohem Niveau zu stabilisieren.

Ein langjähriger Werbepartner kehrt zurück

Lüthi ist nach der enttäuschenden vergangenen Saison nicht mehr ein bezahlter, sondern ein zahlender Pilot. Er wird nicht mehr sechsstellig gelöhnt, um in einem Team zu fahren. Er muss eine sechsstellige Summe mitbringen, um in einem Team fahren zu können. Aber er hat Glück: Er muss diesen Betrag nicht aus seinen Werbeeinnahmen – sie dürften mehr als eine halbe Million betragen – bestreiten. Epp hat einen langjährigen Werbepartner zur Rückkehr bewogen. Theoretisch stimmt also alles: Team, Technik und Töff. Und trotzdem ist er bei allen Tests hinterhergefahren.

Tom Lüthi bei Testfahrten in Katar.

Tom Lüthi bei Testfahrten in Katar.

Bild: Freshfocus

Lüthi ist in der zweitwichtigsten WM-Kategorie nach wie vor einer der begabtesten Piloten. Bisher ist es ihm gelungen, mit Intelligenz und Talent weitgehend wettzumachen, was ihm die neue Generation an Wagemut, Rücksichtslosigkeit und Risikobereitschaft voraushat. Angst hat Lüthi keine, motiviert und topfit ist er auch. Aber die Leistungsdichte wird immer extremer. Die Moto2-WM ist mehr denn je bloss die Durchgangsklasse auf dem Weg zu Millionen und Glamour, die es nur in der Königskategorie gibt.

Lüthi tritt inzwischen gegen Konkurrenten an, die bis zu 16 Jahre jünger sind. Die mit allen Mitteln nach oben wollen. Jedes Jahr schaffen es zwei oder drei in die Königsklasse. Sie werden sogleich ersetzt durch noch wildere Heisssporne aus der Moto3-WM. Sie rempeln auch einen Titanen wie Lüthi respektlos. Irgendwann mag einer nicht mehr alles riskieren. Ist dieser Zeitpunkt da, sind die Chancen auf Spitzenklassierungen dahin. Vieles spricht dafür, dass dieser Zeitpunkt für Lüthi nicht mehr fern ist. Ein Fehler, ein Zögern – und ein Rennen ist verloren. Wenn es diese Saison nicht klappt, garantiert ihm im nächsten Herbst auch der Zweijahresvertrag mit seinem neuen Team keine Karrierefortsetzung. Lüthi ist am Ende aller Ausreden, aber noch nicht am Karriereende angelangt.