Der Schweizer Fussball steckt in einer tiefen Krise. Gemeint ist nicht die deutlich gesunkene Spielqualität, sondern das, was sich neben dem Rasen abspielt. Vor einem Jahr wurde in Lausanne in der zweitletzten Runde die Partie gegen Thun abgebrochen, weil nach dem feststehenden Abstieg der Waadtländer «Fans» randalierten.

Danach ging man zur Tagesordnung über, ganz nach dem Motto: «Ist ja nichts weiter passiert und Lausanne nach dem Abstieg ohnehin entsorgt.»

Die Vorgeschichten

Mitte Dezember randalierten dann GC-«Fans» nach einer Niederlage in Thun und verletzten Polizisten. Im März schossen sie in Sion Leuchtraketen auf den Platz und erzwangen einen Spielabbruch. Der Aufschrei war gross und die Sportministerin Viola Amherd sagte, sie wolle einen runden Tisch mit allen Beteiligten organisieren und die Fussballclubs in die Pflicht nehmen.

Passiert ist seither erwartungsgemäss nichts, sodass sich die GC-«Fans» nun auch heute ermuntert fühlten, ein nächstes Mal ihre Muskeln spielen zu lassen. Um ihren Verein für eine katastrophale Saison zu bestrafen, die ihn nach 70 Jahren Zugehörigkeit zur höchsten Spielklasse in die Challenge League führt. Wenn schon runter in die Zweitklassigkeit, dann mit Schande.

Polizei marschiert auf

GC, nach dem Sieg des FC Zürich am Vorabend mathematisch noch nicht relegiert, hatte am Sonntagnachmittag in Luzern den ersten Sieg im Kalenderjahr 2019 im Visier, spielte aber so schlecht, dass es nach 67 Minuten 0:4 im Rückstand lag. Die «Fans» der Grasshoppers rollten ihre Transparente ein und machten sich auf den Weg in Richtung Spielfeld. Schiedsrichter Alessandro Dudic erkannte die Gefahr und beorderte die beiden Mannschaften in die Katakomben.

Die Luzerner Klub-Security stand reglos, die aufmarschierte Polizei sicherte dahinter in einem Viertelkreis gegen das Spielfeld ab. Die Spieler und GC-Präsident Stephan Rietiker unternahmen den Versuch, die «Fans» zu beruhigen und zur Rückkehr in ihren Sektor zu bewegen, um die Partie zu Ende zu spielen. «Sie erklärten uns, das sei keine Option», sagte Goalie Heinz Lindner.

Sicherheit nicht gewährleistet

Das sah auch Dudic so. Der junge Schiedsrichter war schon als Vierter Offizieller beim Spielabbruch im Tourbillon dabei gewesen. Gestern sagte er: «Die Sicherheit für Zuschauer und Spieler war nicht gewährleistet.»

Die GC-«Fans» verlangten von den Spielern, die Trikots und Hosen auszuziehen und ihnen abzugeben, um dann dergestalt entblösst zurück übers Spielfeld in die Kabine zu kriechen. Sie wollten die Mannschaft auf diese Art demütigen und ihr zu verstehen geben, dass keiner es verdient, das GC-Trikot zu tragen.

Die Spieler zogen zwar ihre Hosen nicht aus, brachten aber je ein Trikot zu den «Fans». Sie wollten mit dieser Unterwürfigkeit wohl dafür sorgen, dass die Ereignisse nicht vollends eskalierten. Ein Triumph für die «Fans», die sich, nicht nur bei GC, viel zu wichtig nehmen, die aber viel zu selten aus dem Verkehr gezogen werden. Dass Rietiker für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung stand, war eine ganz schwache Haltung, das am Abend verschickte Communiqué eine Alibiübung.

Um es nicht zu vergessen: Fussball gespielt wurde in der Super League auch. Mit Siegen verschafften sich Thun (1:0 gegen Lugano), Zürich (2:1 gegen Xamax), Luzern (wird mit einem 3:0 Forfait gewertet) und der FC St. Gallen (2:1 gegen Sion) im Kampf gegen den Barrageplatz Luft. Immer dünner wird diese für den FC Sion, der am Mittwoch Xamax empfängt und bei einer Niederlage von den Neuenburgern überholt wird und sich auf dem Barrageplatz wiederfindet.