Mit Martina Hingis, Bier und Bratwurst: Der Tennis-Interclub ist der grösste jährlich stattfindende Breitensportanlass der Schweiz

Vier Monate später als üblich findet der Tennis-Interclub statt. Mit knapp 30'000 Teilnehmenden im Alter von 12 bis 89 Jahren ist es der grösste jährlich stattfindende Breitensportanlass der Schweiz. Mit Martina Hingis spielt beim TC Zug sogar eine ehemalige Weltnummer 1 mit.

Simon Häring
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Ausgelassene Stimmung beim Interclub-Finalturnier in Winterthur – auch bei Belinda Bencic (rechts).

Ausgelassene Stimmung beim Interclub-Finalturnier in Winterthur – auch bei Belinda Bencic (rechts).

Bild: Freshfocus (8. August 2020)

An diesem Wochenende zischen die Filzkugeln wieder über die Netzkanten, die Temperaturen klettern auf über 20 Grad, Sonnenschein am Samstag, etwas Regen am Sonntag. Es wird die Laune kaum trüben. Der Duft von Bratwurst und Bier liegt in der Luft, man wird sich vielleicht nicht gerade umarmen, aber man wird sich wieder nahe sein in der Tennis-Familie. Vier Monate später als ursprünglich findet der Interclub statt. Mit seinen knapp 30'000 Teilnehmenden verteilt auf 3400 Teams ist es der grösste jährlich stattfindende Breitensportanlass der Schweiz. Der Interclub ist das Herzstück der nationalen Tennis-Saison. Es schlägt überall im Land - von Liestal im Baselbiet bis Caslano im Tessin, von Müllheim im Thurgau bis Meyrin im Kanton Genf. Mit Teilnehmenden im Alter von 12 bis 89.

Je nach Alterskategorie besteht eine Begegnung in diesem Jahr aus vier bis sechs Einzeln und mindestens zwei, und maximal drei Doppel-Partien. Innerhalb einer Mannschaft werden die Spieler in der Reihenfolge ihrer Klassierung gemäss Lizenz für die laufende Saison aufgestellt – heisst: der am besten klassierte Spieler des einen Teams misst sich mit dem am besten klassierten Spieler des anderen Teams, der am zweitbesten Klassierte mit dem am zweitbesten Klassierten des Gegners und so weiter. Doppel-Paare können beliebig gebildet werden. Jeder Erfolg wird mit einem Punkt honoriert. Gespielt werden die fünf bis sechs Runden an fünf Wochenenden zwischen Ende August und Ende September.

Einzig in der Nationalliga B wird jeweils bei Frauen und Männern je ein Aufsteiger ermittelt. In allen anderen Ligen entfällt die Relegation. Es ist die grösste Konzession an die Corona-Pandemie. «Es sind besondere Umstände, und wir wollen keine Teams bestrafen, wenn sie über keine Halle verfügen und es wäre auch nicht fair, dieses Jahr den bisherigen Modus mit Auf- und Absteiger beizubehalten», sagt Gregor Hauser, Leiter Breitensport bei Swiss Tennis. Der Interclub sei eine wichtige soziale Stütze des Klublebens in der Schweiz «und das wollen wir möglichst rasch wieder herstellen.» Beim Interclub wird aus dem Einzelsport Tennis für einmal ein Teamsport. Gespielt wird ohne Schiedsrichter, mitmachen darf jeder, der eine Lizenz gelöst hat. Im Vordergrund steht das Miteinander.

Dieses Credo ist unverrückbar und sogar im Reglement festgehalten. Die Heimteams sollen für ihre Gäste bereits während der Spiele kostenlose Getränke bereitstellen, die Abgabe von Verpflegung ist erwünscht. Und steht an der Tagesordnung. Nach dem Kräftemessen auf dem Platz wird gemeinsam gegessen, getrunken und gelacht. Eigenheit des Interclubs ist es auch, dass hier, beim Breitensportanlass, auch ehemalige Grössen der nationalen Tennis-Szene mittun. Severin Lüthi zum Beispiel. Der Captain des Davis-Cup-Teams und Trainer von Roger Federer spielte 2017 bei den Jungsenioren des TC Thun (Altersklasse 35+) in der NLB und gewann sein Einzel gegen Bonmont. Die Waadtländer wiederum wurden angeführt von Paradiesvogel George Bastl, der einstigen Weltnummer 71.

Grosse Namen, doch keiner ist so gross wie jener von Martina Hingis. Die 39-Jährige gewann zwischen 1997 und 2017 insgesamt 25 Grand-Slam-Titel - 5 im Einzel, 13 im Doppel, 7 im gemischten Doppel. Mit 16 Jahren führte sie als Jüngste der Geschichte die Weltrangliste an. Neben ihrem Idol Martina Navratilova und Arantxa Sanchez Vicario ist sie eine von nur drei Spielerinnen, die sowohl im Einzel (209 Wochen) als auch im Doppel gleichzeitig an der Spitze der Weltrangliste stand. Im Oktober 2017 trat sie zum dritten und letzten Mal zurück. 2018 heiratete sie, 2019 wurde sie Mutter einer Tochter. Für sie schliesst sich ein Kreis. Letztmals spielte sie 1995 für den TC Schützenwiese im Interclub. Zwei Jahre zuvor hatte sie die Winterthurer Equipe im alter von 12 Jahren zum Meistertitel geführt.

Beim TC Zug spielt Hingis an der Seite von Geraldine Dondit, ehemals Direktorin des WTA-Turniers in Lugano, der Polizistin Barbara Suter-Keller und Nadine Kenzelmann, die 1994 wie Hingis ein Teil des Winterthurer Meisterteams war, inzwischen in Zug lebt und als Chief Operating Officer bei einem auf Krypto-Währungen spezialisierten Unternehmen arbeitet. Die vier Spielerinnen mit Jährgängen von 1976 bis 1980 hätten auch in der Kategorie 40+ mittun können, bei den Seniorinnen also. Doch dafür sind sie zu ehrgeizig. Hingis ist mit 39 Jahren die Jüngste unter ihnen, aber nicht der ganzen Equipe: Mit Julia Stusek (Jahrgang 2008) und Isabella Kellenberger (2007) zählen auch zwei Juniorinnen dazu. Auch das ist eben typisch Interclub, es ist ein sportlicher Wettbewerb für Jung und Alt.

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