Es ist kurz vor 15 Uhr, als das Abenteuer Frankreich beginnt. Die Schweizer Delegation ist in Montpellier gelandet. Mit dabei auch Nico Elvedi, der am Morgen noch eine KV-Prüfung absolvierte. Knapp 4000 Kilogramm an Material hat das Team mit an Bord. Aufgeteilt in 80 Kisten. 506 Spielshirts finden den Weg nach Frankreich, dazu 220 Trainingsshirts und 70 Bälle. Es ist eine Reise ohne Komplikationen.

Erwartet werden die Schweizer am Flughafen von Montpelliers Bürgermeister Philippe Saurel höchstpersönlich. Er möchte ein guter Gastgeber sein, wenn sich die Eidgenossen den letzten Schliff für die EM holen. In der Stadt wehen viele Schweizer Fahnen. Daneben italienische – auch die Squadra Azzura bereitet sich hier auf die EM vor. Später beim Hotel werden die Schweizer per Spalier erwartet. Am Abend haben die Schweizer ihren ersten öffentlichen Auftritt in Montpellier. Gut eine Stunde trainieren sie im Stade de la Mosson. Währenddessen trainiert ein Vater seinen Knirps draussen auf dem Kunstrasen – auf dass er zum Team des Europameisters 2032 gehört.

Saurel, der fussballbegeisterte Bürgermeister, macht seinen Gästen auch beim ersten Training seine Aufwartung. Während er die Szenerie verfolgt, sagt er: «Natürlich drücke ich den Franzosen die Daumen. Aber sobald sie ausgeschieden sind, bin ich für die Schweizer.» Als der Schweizer Gast enttäuscht dreinblickt, fügt er schnell an: «Wissen Sie eigentlich, dass Montpellier der Schweiz auf ewig Dankbarkeit schuldet? Zwei Basler Studenten waren es, welche die Geschichte von Montpellier als Studentenstadt begründeten.» Plötzlich kramt Saurel aus seinen Hosentaschen zwei kleine Gegenstände hervor. Einen kleinen Koran und eine kleine Tora. «Ich glaube an alle Menschen. Egal von welcher Religion sie stammen. Und so habe ich sie alle immer bei mir.» Und die Bibel? «Die brauche ich doch nicht. Diese Gedanken trage ich in meinem Herzen.» Gut möglich, dass die Schweizer auf ihrem Weg durch die Europameisterschaft etwas göttlichen Beistand gebrauchen können.

Die Bühne für den Dompteur

In diesen Tagen ist in Frankreich die Sicherheit immer wieder Thema. Aber damit können die Schweizer umgehen. «Wir sprechen darüber – aber es hat keinerlei negative Auswirkungen auf unseren Trainingsalltag», sagt Generalsekretär Alex Miescher. Auch im x-ten Interview gelingt es ihm, das Wort «Terror» zu vermeiden. Auf dem Podium bei der ersten Medienkonferenz in Montpellier sagt er: «Überlassen wir nun die Bühne dem grossen Dompteur.» Gemeint ist: Vladimir Petkovic.

Auch dieser wirkt gelassen und voller positiver Energie. Petkovic schwärmt geradezu von den Bedingungen in Montpellier. Einmal sagt er: «Am liebsten würden wir jeden Tag dreimal trainieren, so schön ist es.» Und er leidet aktiv mit, weil die Verantwortlichen in Montpellier nur für den viertbesten Rasen des Landes ausgezeichnet wurden. «Das Podest hätte es schon sein müssen.» Der Verein HSC Montpellier ist ein Mittelfeldklub in der Ligue 1. Seinen grössten Erfolg feierte er 2012, als er sensationell französischer Meister wurde. Mit dabei damals auch Olivier Giroud, der mit Frankreich an der EM auf die Schweiz treffen wird.

Für Petkovic ist die EM mehr als nur ein besonderes Abenteuer. Es ist nichts weniger als die grösste Herausforderung seiner Trainerkarriere. Über das erste Training, diesen Aufgalopp für die kommenden Tage, sagt Petkovic: «Der Spass stand im Vordergrund. Ab jetzt beginnen wir, die Spannung für das Spiel gegen Albanien aufzubauen.» Vier Tage sind es noch bis zum Schweizer EM-Auftakt.

Ganz am Ende dieses Trainings, in dem gymnastische Übungen im Vordergrund standen, nehmen die kreischenden Rufe im Stadion plötzlich zu. Die gut 300 Zuschauer, mehrheitlich Kinder, kommen noch in den Genuss eines kleinen Geschenks. Die Spieler kicken etwa vierzig Bälle ins Publikum. Nur für einen Jüngling ist das Geschenk etwas schmerzhaft – der Ball von Blerim Dzemaili fliegt ihm direkt ins Gesicht.