FC Basel

Mit Georg Heitz ist Basel immer Meister geworden – ein Porträt in acht Kapiteln

Georg Heitz: «Ich bin nicht dafür bezahlt, gegen die vermeintliche Langeweile in der Super League etwas zu tun.» Keystone

Georg Heitz: «Ich bin nicht dafür bezahlt, gegen die vermeintliche Langeweile in der Super League etwas zu tun.» Keystone

Seit 2009 ist Georg Heitz Sportchef beim FC Basel. Ein Glücksfall: Seither hat der 46-Jährige zusammen mit FCB-Präsident Bernhard Heusler den Fussballklub modernisiert. Der ehemalige Journalist und Fifa-Mitarbeiter Heitz liebt den Fussball und wäre beinahe bei den Grasshoppers aus Zürich gelandet. Doch ein Anruf vom Marco Streller änderte so einiges. Seit Heitz am Ruder ist, hat der FCB einen Transfer-Reingewinn von mindestens 50 Millionen Franken erwirtschaftet. Das weckt auch Begehrlichkeiten anderer Vereine.

Wäre es nach dem Willen von Erich Vogel gegangen, hätte Georg Heitz (46) die Grasshoppers an die Spitze der Super League führen sollen. Doch es kam anders. Heitz, einst Journalist, bekam die Chance beim Klub seines Herzens – und nutzte sie. Zusammen mit Präsident Bernhard Heusler machte er aus dem FC Basel nicht nur einen Serienmeister, sondern einen Klub, der in Europa hohes Ansehen geniesst.

Der Fan

«Affinität mit Auswüchsen», umschreibt Georg Heitz seine frühe Liebe zum Fussball. Was so ausgesehen hat: Teenager Heitz sitzt in seinem Kinderzimmer, lost den Europacup aus und die Resultate gleich noch mit. Oder: Er lernt die Kaderlisten aller Nationalliga-Teams auswendig. Aber wieso ausgerechnet Fussball? Er kann es nicht erklären. Die Eltern – der Vater stammt aus dem appenzellischen Teufen und arbeitet als Pathologe – haben kein Flair für Fussball. Der kleinere Bruder auch nicht. Und der grössere spielt Volleyball.

Doch da ist ein Nachbar. Rot-Blau durch und durch. Es muss irgendwann um 1978 gewesen sein. Heitz ist acht. Und der Nachbar nimmt ihn mit ins alte Joggeli. Servette ist der Gegner. Das Resultat weiss Heitz heute nicht mehr. Aber dafür bleiben andere Erinnerungen haften. Von Regen und einem vollen Stadion. Und von dieser elektrisierenden Ambiance, die bis heute nichts von ihrer Sogwirkung verloren hat.

Karikatur von Georg Heitz

Karikatur von Georg Heitz

Der Realist

Heitz will selber Fussball spielen. Er tritt dem FC Therwil bei. Später spielt er für Oberwil. Es ist die Blütezeit des FC Liverpool. Die Magie der Reds erfasst auch Heitz. Als er während eines Juniorenturniers in Göteborg ein Autogramm von Kevin Keegan ergattern kann, ist dies der grösste Moment im Leben des 15-jährigen Jungen. Aber Heitz hat wie so viele andere nicht das Talent seines Idols. Was er klaglos hinnimmt, seine Leidenschaft für den Fussball aber in keiner Art und Weise beeinträchtigt. «Die Erkenntnis, dass es nicht für eine Profikarriere reicht, schmerzte nicht. Denn ich konnte mich schon damals sehr gut selber einschätzen», sagt er.

Heitz beginnt mit dem Studium. Recht und Englisch. Nebenbei ist er Ergänzungsspieler in der 2. Liga und mit 21 bereits Spielkommissions-Präsident beim FC Oberwil. Heitz findet Gefallen am «Mänätschen». Und er findet auch Gefallen, als freier Mitarbeiter für die «Basler Zeitung» das «Amateur-Spiel des Wochenendes» in Worte zu fassen. Was zwangsläufig darunter leidet, ist das Studium. Die logische Folge: Heitz hat bis heute keinen Uni-Abschluss.

Der Journalist

Als «bissiger Journalist, begabter Schreiber und hervorragender News-Jäger» beschreibt ihn der früherer FCB-Medienchef Josef Zindel. «Heitz hat schon damals wie kaum ein anderer Sportjournalist das Internet optimal genutzt. Er war trickreich, aber seriös.» Für andere war er ein journalistischer Lausbub. Heitz kann gut damit leben. Er sagt: «Es gibt viele Artikel, auf die ich heute nicht mehr stolz bin. Im jugendlichen Bemühen um Anerkennung waren meine Beiträge häufig mit einer gewissen Süffisanz gewürzt. Ich kam gewiss etwas naseweis rüber. Aber es ist das Los des Journalisten, dass ihm viele Fakten nicht bekannt sind oder nicht offengelegt werden.»

In der Szene sorgt Heitz für Aufsehen. Christoph Graf, heute Spielerberater, damals in leitender Funktion auf der «Blick»-Sportredaktion, macht dem Basler mehrmals ein Angebot. Doch Heitz lehnt ab. Zürich und der Boulevard schrecken ihn vorerst ab. «Ich musste später nicht leer schlucken, als ich hörte, dass aus dem Journalisten Heitz der Sportdirektor Heitz würde», sagt Graf. «Denn ich kannte seine Intelligenz und seine analytischen Fähigkeiten.»

2005 gelingt es dem Boulevardblatt trotzdem, Heitz zu engagieren. Er heuert als Blattmacher an. Es sind wenige Monate, in denen wir zusammenarbeiten. In Erinnerung bleibt mir, wie wir gemeinsam das Titel-Duell zwischen dem bereits grossen FC Basel und dem kleinen FC Thun als Asterix-&-Obelix-Comic inszenierten. «Für Klamauk muss man sich nicht schämen», sagt Heitz heute. Trotz der Episode fühlt sich Heitz beim «Blick» unwohl und schaut sich nach einer Alternative um. Gross ist seine Erleichterung, als es seinem Kumpel Andreas Werz gelingt, Heitz im Medien-Team der Fifa zu installieren.

Der Zürcher

«Ich habe in meinem ganzen Leben nie jemanden getroffen, der fussballverrückter ist als Heitz», sagt Werz. «Er hat ein unglaubliches Faible und Flair, Spieler richtig einzuschätzen. Ausserdem ist er ein loyaler, treuer Freund und ein ganz feiner Mensch. Selbst jetzt, wo er sich etwas einbilden könnte, veranstaltet er keinen Zirkus um seine Person.»

Ausgerechnet die Zeit in Zürich, der Stadt des Erzrivalen, erweist sich für Heitz als Glücksfall. Ohne Zürich gäbe es den FCB-Sportdirektor Heitz wohl kaum. Bei der Fifa erweitert er sein Netzwerk. Und der Abstand zum FCB erlaubt es ihm, den Kontakt mit dem heutigen FCB-Präsidenten Bernhard Heusler zu intensivieren. Die beiden begegnen sich erstmals 2005, als Heusler in den Vorstand gewählt wird.

Beim FCB schreiben wir das Zeitalter der Alphatiere: Trainer Christian Gross und Mäzenin Gigi Oeri. Für Heusler keine einfache Konstellation, sich in diesem Gebilde zu positionieren. Doch in Heitz findet er einen Sparringpartner und Berater, mit dem er sich fast täglich austauscht, der ihn darin bestärkt, alles zu unternehmen, um den Vertrag mit Matías Delgado zu verlängern. «Herausragend ist sein Fachwissen sowie seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge in kurzer Zeit zu entschlüsseln», lobt Heusler.

In Zürich trifft sich Heitz alle zwei Wochen mit Erich Vogel, dem Sportchef-Doyen, zum Abendessen. Es sind lange Abende. Denn Vogel weiss viel zu erzählen. Über die Aufgaben, Pflichten und die Fallen eines Sportchefs. Irgendwann reift bei Vogel die Erkenntnis: Heitz ist das grösste Sportchef-Talent, das die Schweiz je gesehen hat. Und weil Vogel nicht dafür bekannt ist, entdeckte Talente den anderen zu überlassen, will er Heitz bei GC installieren. Es gelingt ihm nicht. Heusler ist schneller.

Der Eindringling

«Ja, vermutlich wäre ich zu GC gegangen», sagt Heitz. «Schliesslich hat sich durch die Gespräche mit Vogel der Wunsch manifestiert, etwas in Richtung Sportchef zu machen. Man muss ziemlich borniert sein, wenn man beabsichtigt, nur beim Lieblingsklub arbeiten zu wollen. Aber ja: Ich bin ein Glückskind.»

Eigentlich ist nicht der FC Basel, sondern Marco Streller schneller als GC. 2004 verlässt der Stürmer den FCB. Nicht im Guten. In die Öffentlichkeit posaunt er, das Angebot von Frau Oeri nicht mal geprüft zu haben. Nur drei Jahre später will der Stürmer zurückkehren. Doch Zeit heilt nicht alle Wunden. Zumindest nicht jene von Gigi Oeri. Streller hat beim FCB keinen Ansprechpartner, den er einerseits gut kennt und der ihm andererseits gut gesinnt ist. Also ruft er Fifa-Mann Heitz an und fragt, ob nicht er etwas in die Wege leiten könne. Er habe doch einen guten Draht zu Heusler. Und: Es eile. Nürnberg erwarte in 24 Stunden einen Entscheid.

Marco Streller und FCB-Sportdirektor Georg Heitz: Der Anfang einer besonderen Geschichte.

Marco Streller und FCB-Sportdirektor Georg Heitz: Der Anfang einer besonderen Geschichte.

Heitz informiert Heusler. «Und plötzlich sitze ich mit Bernhard Heusler und Gigi Oeri in einem Flieger nach Sardinien, wo Streller Urlaub macht.» Hat er daran gedacht, aus Strellers Hilferuf Kapital zu schlagen? «Nein, damals nicht. Die ganze Sache war zu aufregend. Und ich wollte primär vermitteln und meinen Beitrag zur Zufriedenheit aller Parteien leisten.» Was ihm gelungen ist. Nur ein Jahr später kündigt Heitz bei der Fifa und lässt sich auf das Abenteuer FCB ein – als Berater auf Mandatsbasis.

Zürich als Glücksfall? «Ja, ich habe in dieser Stadt eine neue Perspektive gewonnen. Und Streller hätte mich wohl nicht angerufen, wenn ich noch bei der ‹Basler Zeitung› gearbeitet hätte», sagt Heitz.

Der Profi

Und wieder küsst ihn das Glück. Nach nur einem Jahr steigt er zum Sportkoordinator auf, 2012 gar zum Sportdirektor – wobei das Tätigkeitsfeld exakt dasselbe ist. Nur: Heitz ist kein Glücksritter, der sich blind auf sein Glück verlässt. Er tut etwas dafür. Aber sein Glück ist es, dass Oeri sich zurückzieht und das Tagesgeschäft Heusler überlässt. Und dass sich der FCB von Christian Gross trennt, wodurch im sportlichen Bereich ein Vakuum entsteht. Heitz soll dieses füllen.

Der Journalist als Leiter der Abteilung Sport beim FCB? «Ich hatte gar keine Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, wie das nach aussen wirkt», sagt Heitz. «Wir hatten einen neuen Trainer und mussten eine neue Mannschaft zusammenstellen. Da ist ziemlich viel auf uns eingeprasselt. Erst viel später wurde mir bewusst, dass meine Beförderung auch mit Skepsis begleitet wurde.»

Georg Heitz sagte einst über die Strukturen beim FCB: «Innerhalb von fünf Minuten bekomme ich das Okay, die Offerte zu erhöhen.»

Georg Heitz sagte einst über die Strukturen beim FCB: «Innerhalb von fünf Minuten bekomme ich das Okay, die Offerte zu erhöhen.»

Blender und Mauschler sind Vertraute des Fussballgeschäfts. Je höher einer fliegt, desto heller leuchtet er. Heitz widersteht dieser Versuchung bis heute. Warum? Weil er sich selbst nicht zu wichtig nimmt, sich weiterhin als Dienstleister am FCB versteht und seinen Job unendlich gerne macht. «Er fährt keine Luxuskarosse und kommt nicht in Designerklamotten daher», sagt Zindel. «Heitz ist sich selber treu geblieben. Er ist zuverlässig und nicht im Sinne versnobt, dass er sich nur noch für ausgewählte Menschen Zeit nimmt.» Graf sagt: «Es gibt viele in seiner Position, die glauben, zu wissen, wie alles funktioniert. Diese Leute machen keine Fortschritte mehr. Heitz indes kann auch gut zuhören und ist empfänglich für andere Meinungen und Ideen.»

Der Macher

Seit Heitz nach dem verpassten Titel 2009 als Sportdirektor eingesetzt wurde, ist der FCB jedes Jahr Meister geworden. Aber nicht nur das: Der FCB hat sich auch dank einer überragenden Transferpolitik zu einem 100-Millionen-Franken-Unternehmen entwickelt. Einer hat einen grossen Anteil an dieser Transferpolitik: Georg Heitz. Dragovic, Inkoom, Salah, Gonzalez, Elneny – alleine mit diesen fünf Spielern dürfte der FCB einen Transfer-Reingewinn von mindestens 50 Millionen erwirtschaftet haben. Dazu hat der FCB auch mit dem Verkauf der eigenen Spieler wie Embolo, Shaqiri, Sommer und Xhaka mächtig Geld verdient. Doch Heitz sorgt mit seinem Team um Chefscout Ruedi Zbinden dafür, dass die Vitrine der Juwelen nie leer ist. Die nächsten potenziellen Millionen-Abgänger heissen Balanta, Riveros, Elyounoussi, Fransson und Sporar.

FCB-Sportdirektor Georg Heitz hat den FC Basel mit seiner Transferpolitik geprägt.

FCB-Sportdirektor Georg Heitz hat den FC Basel mit seiner Transferpolitik geprägt.

Doch nicht jeder Transfer geht auf. Beispielsweise Yoichiro Kakitani. Der Japaner wurde als Attraktion angepriesen, konnte die Erwartungen indes nicht erfüllen, was auch auf Heitz zurückfiel. Nur: Alle waren von Kakitani überzeugt und glaubten an einen kometenhaften Aufstieg. Selbst der damalige Trainer Paulo Sousa sagte, Kakitani sei eher ein Spieler für den FC Barcelona als für Basel. Trotzdem war der Japaner beim FCB bestenfalls ein Komparse. Wie gross muss die Versuchung sein, den Trainer darauf hinzuweisen, dass er gerade ein Wertpapier des Klubs verbrennt? «Nie, nie, nie würden wir einem Trainer diktieren, wen er spielen lassen soll», sagt Heitz. «Wenn ein Transfer nicht aufgeht, tuts mir primär leid für den Spieler. Aber man muss bedenken, dass wir Kakitani schliesslich teurer abgegeben als gekauft haben.»

Der FCB kann sich Episoden wie jene mit Kakitani leisten. Auch dank Heitz hat er national kaum noch Konkurrenz. Stört ihn die Langeweile in der Super League? Verliert sein Job dadurch an Reiz? «Ich bin nicht dafür bezahlt, gegen die vermeintliche Langeweile etwas zu tun. Und glaub mir: Langweilig wird mir beim FCB nicht. Einerseits wollen wir immer wieder dem Publikum frische Gesichter präsentieren, andererseits aber auch Identifikation stiften. Dieser Spagat ist eine interessante Herausforderung.»

Der Begehrte

Aber wie lange noch? Mitte Oktober wird publik, dass sich der Hamburger SV mit Heitz beschäftigt. Zuvor war auch schon Mainz am Basler interessiert. Nur: Für Heitz ist ein Wechsel eine komplizierte Sache. Denn er ist nicht nur Sportdirektor, sondern auch Mitglied des Verwaltungsrats und er hält 25 Prozent der Aktien. Also ist Heitz im FCB gefangen? «Nein», sagt Präsident Heusler. «Niemand ist im FCB gefangen. Auch Georg Heitz nicht. Aber wie alle Entscheidungsträger beim FCB schätzt auch er die Kultur und die Entscheidungsmechanismen im Klub.»

Erfolg weckt Begehrlichkeiten: Georg Heitz stand zuletzt als potentieller Sportchef der Zukunft beim HSV im Fokus.

Erfolg weckt Begehrlichkeiten: Georg Heitz stand zuletzt als potentieller Sportchef der Zukunft beim HSV im Fokus.

Warum hat Heitz nicht umgehend jegliche Wechselabsichten im Keim erstickt? «Die Information ist aus Deutschland durchgesickert. Es gab aber nie ein konkretes Angebot vom HSV. Ich wollte nicht so tun, als hätte ich ein Angebot und dann erteile ich dem HSV über die Medien eine Absage. Das wäre überheblich.»

Ist ein Wechsel überhaupt eine Überlegung wert? «Schon», sagt Heitz: «Aber das ist eine Frage des Timings und der Strukturen, die im anderen Klub bestehen. Ich werde wohl kaum zehn weitere Jahre als Sportdirektor beim FCB arbeiten.» Es ist auch denkbar, dass er als Nächstes sein Versprechen einlöst und einen Krimi schreibt.

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