Motorrad
Mit einer weltmeisterlichen Rechnung fährt Töff-Star Lüthi zum Sieg

Eine Woche nach dem GP von Japan kann der Schweizer auch den GP von Australien gewinnen. Sein grösster Sieg. Sein 14. GP-Sieg. Dank einer strategischen Meisterleistung rettet sich Tom Lüthi zehn Hundertstelsekunden vor dem Italiener Morbidelli ins Ziel.

Klaus Zaugg
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Tom Lüthi kann sich über seinen 14. GP-Sieg freuen - reicht es doch noch zum WM-Titel?

Tom Lüthi kann sich über seinen 14. GP-Sieg freuen - reicht es doch noch zum WM-Titel?

Keystone

Am Ende verliert, wer mit zu knappem Vorsprung auf das Ziel zurast. Deshalb kann es ein Vorteil sein, im Windschatten des Führenden zum Schlussspurt anzusetzen. Wie beim Spurt im Radrennsport. So hat Tom Lüthi gestern gewonnen. Eine taktische Meisterleistung. Er hat das Rennen dominiert und während 21 der ersten 23 Runden angeführt. Aber bei der zweitletzten Zieldurchfahrt führt Franco Morbidelli. Doch Tom Lüthi packt den Italiener auf den letzten Metern und gewinnt mit zehn Hundertstelsekunden Vorsprung.

Er sagt, er habe seinem Rivalen in der Schlussphase den Vortritt gelassen. Das sei zwar riskant gewesen. Franco Morbidellis Maschine erreichte im Rennen mit 280,30 km/h die leicht höhere Maximalgeschwindigkeit als der Feuerstuhl von Tom Lüthi (279,40 km/h). Aber die Rechnung ist aufgegangen. Es ist auch ein Triumph der Zusammenarbeit mit dem Team. Der Fahrer wusste dank den Anzeigen seiner Boxencrew, dass hinter ihm mit Morbidelli nur noch ein Siegesanwärter war. Wären es zwei oder mehr gewesen, wäre es zu riskant gewesen, die Führung abzugeben.

Schlussspurt: Tom Lüthi will es nach seinem zweiten Sieg in Serie nochmals wissen.

Schlussspurt: Tom Lüthi will es nach seinem zweiten Sieg in Serie nochmals wissen.

KEYSTONE

Dass Tom Lüthi den Titel durch die drei Nuller in Assen, auf dem Sachsenring und in Brünn verschenkt hat, schien längst klar. Aber Titelverteidiger und WM-Leader Johann Zarco ist gestern nur auf Platz 12 gefahren. Nun hat Tom Lüthi doch noch eine Titelchance. Das grosse Rechnen kann beginnen.

Zarco immer noch im Vorteil

Beschränken wir uns auf das einfachste Rechenbeispiel. Tom Lüthi gewinnt am nächsten Sonntag auch in Malaysia (Sepang) und am 13. November in Valencia. Das ist durchaus möglich. Er hat 2011 in Malaysia und 2014 in Valencia gewonnen. Gewinnt er zweimal, dann kommt er auf ein Total von 254 Punkten. In diesem Falle muss Johann Zarco, weil bei Punktgleichheit Tom Lüthi mehr Siege aufzuweisen hat, 29 Punkte holen. Das ist, wenn Tom Lüthi zweimal gewinnt, mit folgenden Platzierungen möglich. 2. und 7. (20 und 9 Punkte) oder 3. und 4. (16 und 13 Punkte)

Es gibt noch eine viel einfachere Rechnung. Wenn Johann Zarco noch eines der beiden ausstehenden Rennen gewinnt, dann ist er Weltmeister. Denn mit einem Sieg kommt er auf 251 Punkte und Tom Lüthi, selbst wenn er Zweiter wird, nur auf 224. Den dadurch eingehandelten Rückstand von 27 Punkten kann er in einem Rennen nicht mehr aufholen. Johann Zarco kann also den Titel schon am nächsten Sonntag holen.

Somit kündigt sich ein Drama an. Vor einem Jahr hat der Franzose in Malaysia vor Tom Lüthi gewonnen. Nun ist aber die Strecke neu asphaltiert worden und die Anpassung an den neuen Belag wird bei der Abstimmung der Maschine und der Reifenwahl entscheidend sein.

Johann Zarco kann aus eigener Kraft als erster Pilot der Geschichte den Moto2-Titel verteidigen. Tom Lüthi muss alles in die Waagschale werfen – und vor allem rechnen. Leider müssen im Sport in der Regel die Verlierer rechnen.