Kunstturn-EM
Mit eigener Sprung-Kreation zur Selbstverewigung

Giulia Steingruber will mit einem neuen Sprung Geschichte schreiben, wenn es in Rio im Kampf um die Olympia-Medaillen ernst wird.

Michael Forster
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Spätestens im Olympia-Final will Giulia Steingruber zum ersten Mal ihren neuen Sprung zeigen und sich den zweiten Eintrag in den «Code de Pointage» sichern.

Spätestens im Olympia-Final will Giulia Steingruber zum ersten Mal ihren neuen Sprung zeigen und sich den zweiten Eintrag in den «Code de Pointage» sichern.

Keystone

Es sieht alles so spielend aus, wenn die Athletinnen und Athleten an den Geräten ihre Künste vollbringen. Doppelte Salti am Boden, spektakuläre Flugelemente am Reck, Abgänge mit Überschlag und Schraube vom Balken. Doch nicht nur die Leichtigkeit der Übungen, welche bis zur Wettkampfreife mehrere Monate Training beanspruchen, ist trügerisch. Auch die Benotung durch die Kampfrichter ist knallhart und basiert auf einem sehr umfangreichen Regelwerk.

Grundlage für die Bewertung bildet die «Code de Pointage», die Wertungsvorschriften des Internationalen Turnverbands (FIG). Jedes einzelne Element ist auf den rund 200 Seiten in Wort und Bild festgehalten. Das Spezielle der sogenannten «Bibel der Turner» ist, dass darin auch jene Athletinnen und Athleten mit ihrem Namen verewigt sind, welche die entsprechenden Elemente zum ersten Mal an einem von der FIG anerkannten Wettkampf geturnt haben. Aufnahme findet also nur, wer seine Neuigkeit entweder an Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen präsentiert.
Obwohl es immer schwieriger wird, noch schwieriger zu turnen und entsprechend neue Elemente zu zeigen, kommen immer neue Einträge hinzu. Auch Giulia Steingruber hat bereits ihren persönlichen Eintrag in der «Code de Pointage». Dank ihres Abgangs vom Schwebebalken, einem gestreckten Auerbach-Salto mit ganzer Schraube.

«Es ist schon cool, ein eigenes Element zu haben», sagte das Schweizer Aushängeschild, nachdem sie den Abgang an der WM 2011 in Tokio zum ersten Mal gezeigt und damit den Eintrag geschafft hatte. Heute, fünf Jahre später, steht sie kurz davor, ein weiteres Kapitel Turngeschichte zu schreiben.

An der Kunstturn-EM vom kommenden Wochenende ist Giulia Steingruber die grosse Figur.

An der Kunstturn-EM vom kommenden Wochenende ist Giulia Steingruber die grosse Figur.

KEYSTONE/EPA/VASSIL DONEV

Alles muss sitzen

Spätestens im August, an den Sommerspielen in Rio, will Steingruber ihren neuen Sprung als Weltneuheit präsentieren. Seit Anfang Jahr ist sie zusammen mit ihrem Trainer Zoltan Jordanov daran, die neue Schwierigkeit zu perfektionieren.

Denn sie weiss genau: Die zusätzliche halbe Schraube in der zweiten Flugphase muss sitzen, die Orientierung in der Luft zu hundert Prozent vorhanden sein – so, wie es beim Tschussowitina, quasi dem Vorgänger, der Fall ist. «Sonst wird es ziemlich gefährlich und zu einem grossen Risiko für die Knie.»
Ein weniger grosses Risiko ging sie ein, als sie sich vor knapp vier Wochen outete und ihren «Neuen» im Schweizer Fernsehen präsentierte. Zum einen musste sie irgendwann mit ihren Plänen an die Öffentlichkeit, zumal bereits zuvor ein Video mit der Neuheit kursierte. Zum anderen erachtet sie es als wenig realistisch, dass in den verbleibenden gut zwei Monaten bis Rio eine andere Turnerin auf den Zug aufspringen wird. «Dass ihn jemand in dieser Zeitspanne kopiert, ist praktisch auszuschliessen.»

Steingruber ist die grosse Figur

«Der Fokus liegt auf dem Team. Wir wollen zeigen, was wir können», sagt Giulia Steingruber vor der Heim-EM in Bern, welche für die Frauen heute Donnerstag mit der Qualifikation beginnt. Dass der Teamfinal vom Samstag ein realistisches Ziel ist, bewiesen die Schweizerinnen am Testevent in Rio Mitte April, als sie Rumänien und Südkorea hinter sich liessen. Höhere Ambitionen hegt Steingruber selbst, welche die Qualifikation für drei Gerätefinals am Sonntag anstrebt. Gar Medaillenchancen darf sie an ihrem Paradegerät, dem Sprung, und am Reck hegen.

Die grosse Herausforderung beim neuen Sprung, welche die amtierende Mehrkampf-Europameisterin jeden Tag während einer halben Stunde speziell trainiert, liegt vor allem bei der Landung. Durch die zusätzliche halbe Drehung in der Luft landet Steingruber neu vorwärts, wodurch sie den Boden erst im allerletzten Moment sieht. Die blinde Landung verlangt ein aussergewöhnlich gutes Gefühl für den Sprung, doch das sei, bestätigt die 22-Jährige, schon vorhanden.

Premiere im Olympia-Final?
Trotzdem verlief die Vorbereitung im Hinblick auf die Premiere nicht ganz nach ihren Vorstellungen. Bereits Mitte April musste sie wegen des Test-Events in Rio fast drei Wochen auf die Automatisierung des Sprungs im Training verzichten. Einen Monat später wurde das Üben erneut unterbrochen. Trainer Jordanov entschied, am Weltcup in Varna teilzunehmen, damit seine Athletin im Wettkampfrhythmus bleibt. «Diese Trainingspausen habe ich deutlich gespürt», so die Ostschweizerin, «aber ich war bereits zuvor auf einem relativ hohen Niveau.»

Drei Jahre nachdem Giulia Steingruber zur Schweizer Sportlerin des Jahres gekürt wurde, schmiedet die Kunstturnerin grosse Pläne für Olympia.

Drei Jahre nachdem Giulia Steingruber zur Schweizer Sportlerin des Jahres gekürt wurde, schmiedet die Kunstturnerin grosse Pläne für Olympia.

Keystone

So steht einer baldigen Premiere nichts mehr im Weg. Die Frage ist einzig, wann Steingruber ihren Neuen zum ersten Mal präsentiert. Der Grundtenor: Spätestens im Olympia-Final, wenn Steingruber «all in» gehen muss, um eine reelle Medaillenchance zu haben, will sie ihn zeigen. Geht es nach ihrem Trainer, so soll sie ihn bereits vor Rio zumindest einmal wettkampfmässig turnen, damit zum speziellen Druck, der an einem solchen Grossanlass herrscht, nicht noch jener der Wettkampfpremiere kommt.
So gerne die Zuschauer bereits an der EM in Bern den «Steingruber» bejubeln würden: Dazu wird es nicht kommen. «Das Risiko, so kurz vor Olympia etwas zu riskieren, ist zu gross», sagt Steingruber. Und auch ihr Trainer wiegelt ab. «Wenn Giulia ihn vor Olympia turnt, dann in einem weniger wichtigen Wettkampf. An der EM geht es um Medaillen.»

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