Schwingfest 2016

Mit dieser Taktik wurde Matthias Glarner Schwingerkönig

König Matthias Glarner erhält seine Krone.

König Matthias Glarner erhält seine Krone.

Der Berner Matthias Glarner lässt sich in Estavayer überraschend zum neuen Schwingerkönig krönen. Und das, obwohl er bei den Bernern nominell «nur» als Nummer 4 ans Eidgenössische reiste.

Payerne. Auf dem Militärflugplatz. Die Titanen der Berner stürzen aus dem Himmel der königlichen Hoffnungen. Einer nach dem anderen. Zuerst Kilian Wenger, der König von 2010. Dann Christian Stucki, der Schlussgangverlierer und König der Herzen von 2013. Kurz darauf Matthias Sempach, der König von 2013. Und Remo Käser reicht es auch nicht für den Schlussgang. Die Berner beim Eidgenössischen 2016 in Estavayer-le-Lac besiegt?

Nein. Matthias Glarner wird König. Auch er ein Berner. Ausgerechnet Matthias Glarner. Die meisten Bernerinnen und Berner, die sich im Schwingen nicht auskennen, kannten bis gestern seinen Namen gar nicht. Sein Manager Beni Knecht vermarktet auch Kilian Wenger. Die Kunden, die nicht das Budget für den König von 2010 haben, buchten bisher in Gottes Namen halt den billigeren Matthias Glarner.

Mancher Sportsfreund im Bernbiet dachte beim Namen Glarner an Stefan Glarner, den Läufer auf den Aussenbahnen beim FC Thun. Und tatsächlich ist der Fussballer Stefan Glarner der Bruder des neuen Königs. Und seine Schwester spielt beim Frauenteam des FC Thun.

Angestachelt durch Konkurrenzkampf

Nach diesen Zeilen mag der Eindruck aufkommen, Matthias Glarner sei ein «Verlegenheits-König». Also kein grosser oder zumindest kein charismatischer König. Dieser Eindruck ist richtig und falsch. Richtig, weil der Sportlehrer (mit Masterarbeit über Schwingen) keine mediale Figur mit der Ausstrahlung und der Popularität und dem sechsstelligen Vermarktungswert von Jörg Abderhalden, Matthias Sempach, Kilian Wenger oder Christian Stucki sein wird.

Falsch, weil Matthias Glarner im Schatten der Berner Titanen längst einer der meistunterschätzten Bösen aller Zeiten geworden ist. Mit seiner Bilanz vor Estavayer 2016 – 103 Kränze, davon drei Eidgenössische – wäre er in jedem anderen Teilverband als einer der grossen Favoriten aufs Festgelände auf dem Militärflugplatz Payerne gefahren. Aber bei den Bernern war er bis gestern nominell hinter Matthias Sempach, Christian Stucki, Kilian Wenger und Remo Käser «nur» die Nummer vier.

Das Interview des Siegers, kurz nach dem Schlussgang:

Matthias Glarner ist der neue Schwingerkönig!

Matthias Glarner ist der neue Schwingerkönig!

Estavayer-le-Lac – 28.08.2016 – Der 30-jährige Matthias Glarner aus Heimberg (BE) ist der neue Schwingerkönig am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2016 in Estavayer-le-Lac. Er gewinnt den Kranz-Ausstich gegen Armon Orlik. Kurz nach seiner Krönung steht er Red und Antwort.

Aber durch die schier unüberwindliche Konkurrenz im eigenen Teilverband hat er seit Jahren gelernt, dass Mut, Kraft und Technik alleine nicht zum Sieg reichen. Dass es auch die taktische Intelligenz braucht.

Matthias Glarner hat uns den spektakulärsten, dramatischsten eidgenössischen Schlussgang seit 1989 in Stans beschert. Armon Orlik war klarer Favorit. Nicht ganz so klar wie Eugen Hasler 1989 in Stans gegen Adrian Käser zwar. Aber von seiner Kampfweise her schien auch er, wie damals Hasler, alle Vorteile auf seiner Seite zu haben. Und zudem die Geschichte. Noch nie ist einer in der Neuzeit nach seinem 30. Geburtstag König geworden. Matthias Glarner ist am 19. Dezember 30 geworden.

Der Panzergrenadier hat im Schlussgang jeder Attacke seines Gegners standgehalten und ist gleich zum Gegenangriff übergegangen. Und es war förmlich zu spüren, dass es so kommen musste. Der Nachteil des Offensiv-Schwingers: seine Angriffe werden von Mal zu Mal ein bisschen weniger explosiv und können immer besser gekontert werden. So hat Adrian Käser 1989 im Schlussgang den ungeduldigen, ungestümen Geni Hasler ausgekontert.

König der Taktik

Taktisch durchaus ähnlich hat nun Matthias Glarner mit einem Gegenschwung einen wuchtigen Kurz-Angriff aufgefangen, seinen Gegner im Kreuz zu fassen bekommen und mit einem Fussstich in der 14. Minute den Wurf zum Sieg vollendet. Die Kampfdauer war auf 16 Minuten angesetzt. Armon Orliks Angriff war zu ungestüm, sichtlich stärker geprägt von Verzweiflung (die Zeit lief davon) als von Zielstrebigkeit. Bei einem Unentschieden hätte Samuel Giger den ersten Rang geerbt und wäre zum König ausgerufen worden.

Matthias Glarner ist also kein so charismatischer König wie seine Vorgänger Kilian Wenger und Matthias Sempach. Das kann er von seiner Schwingweise her auch gar nicht sein. Aber er ist ein grosser, ein verdienter König. Kein König der Emotionen und der Herzen. Er ist ein König des Verstandes, der schlauen Taktik, des Selbstvertrauens und der harten Arbeit. Keiner, der auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten eine Bude aufstellen wird. Aber ein authentischer, bodenständiger, unaufgeregter, freundlicher König.

Das sagt Orlik zu seiner Finalniederlage:

Armon Orlik scheitert an Glarner

Armon Orlik scheitert an Glarner

Estavayer-le-Lac – 28.08.2016 – Der 30-jährige Matthias Glarner ist der neue Schwingerkönig am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2016 in Estavayer-le-Lac. Trotz der abschliessenden, sogar etwas unglücklichen Niederlage ist Armon Orlik aber der Mann des ersten Tages am Eidgenössischen Schwingfest in Estavayer. Der Bündner Jungspund räumt im Interview aber auch gewisse Fehler ein.

Es ist eine bittere Niederlage für Armon Orlik, die er lange nicht überwinden wird und die ihm vielleicht während der ganzen Karriere wie Schwefelgeruch in den Zwilchhosen haften bleibt wie Geni Hasler jener verlorene Schlussgang von 1989. Der «Flachland-Bündner» aus Maienfeld hat die Zukunft immer noch vor sich. Aber die Geschichte lehrt uns, dass ein Verlierer eines eidgenössischen Schlussganges nie mehr König werden kann. Das Bündnerland wartet weiterhin auf seinen ersten König.

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