Olympia-Serie

Mit den Fischen per Du – Benjamin Wegers eigene Traumwelt beim Fliegenfischen inmitten der Natur

Der Oberwalliser Biathlet Benjamin Weger ist ein passionierter Fliegenfischer – er richtet einen Grossteil seiner Freizeit nach dem Hobby aus und beschäftigt sich sogar nach seinen Wettkämpfen damit.

Wenn Benjamin Weger hoch oben am Nufenenpass ins Wasser blickt, dann liegt eine besondere Energie in der Luft. Es gibt Hobbys, die sind viel mehr als eine nette Freizeitbeschäftigung. Wegers Leidenschaft fürs Fliegenfischen gehört ohne Zweifel dazu.

Die Szenerie erscheint mystisch. Die Herbststimmung in den mächtigen Walliser Alpen, das leise Plätschern des sanften Bergbachs, der dominante Brückenbogen im engen Talkessel, der Tanz der Mücken über dem klaren Wasser. Benjamin Weger freut sich über die Insekten, die aussergewöhnlich seien für diese Stelle. Er ist längst in seiner Welt des Fliegenfischens gefangen.

«Wir standen vor dem Fernseher bereit und haben die Rennstarts nachgeahmt»

«Wir standen vor dem Fernseher bereit und haben die Rennstarts nachgeahmt»

Biathlet Benjamin Weger über olympische Erinnerungen und die bevorstehenden Winterspiele.

Der 27-Jährige kramt eine Holzschachtel hervor. Darin befinden sich viele verschiedene Köder. Mücken, Fliegen, Larven – viele davon selber hergestellt. Die Präparation und die Auswahl des richtigen Köders – im Fachjargon eben Fliegen genannt – sind Teil der Faszination bei Wegers Hobby. Oft hilft ihm die Fertigung einer neuen Fliege, um im Winter nach einem Wettkampf abzuschalten.

Am Anfang war ein Angelset von Ebay

Der beste Schweizer Biathlet steht im Bach, fängt eine tanzende Maifliege ein, vergleicht sie mit den Exemplaren in seiner Schatulle. Er dreht Steine im Wasser um, auf der Suche nach Larven. Nur was der Fisch kennt, frisst er auch.

Ein weiteres Merkmal beim Fliegenfischen ist die feinere Angelrute, die ohne Hightech auskommt. Sie ist quasi der verlängerte Arm des Fischers. «Man spürt den Fisch intensiv, wenn er an der Angel zappelt», sagt Weger.

Der Oberwalliser mit dem auffallenden Bart spricht von der Eleganz des Fliegenfischens. Er sucht nach geeigneten Stellen im Bachlauf. Geschickt schwingt er die Sehne übers Wasser, lässt den Köder an der Wasseroberfläche bachabwärtstreiben und wartet geduldig.

Benjamin Weger fischt, seit er ein Teenager ist. Als ihm damals wieder einmal alles zu viel geworden sei, bestellte er sich auf Ebay ein Angelset. «Natürlich hatte ich damals noch keine Ahnung vom Fliegenfischen.» Erst beim fünften Anlauf, als er schon ans Aufhören dachte, erlebte er erstmals diesen Moment des Erfolgs. Und es war um ihn geschehen.

Reisen um die halbe Welt

Noch heute lerne er jedes Mal dazu, wenn er seiner Leidenschaft frönt. Ein richtiger Fliegenfischer studiert die Bewegungen der Insekten, berücksichtigt den Wind, die Temperatur und die Fliessgeschwindigkeit des Wassers.

Benjamin Weger während dem Biathlon Weltcup Sprint in Oberhof.

Benjamin Weger während dem Biathlon Weltcup Sprint in Oberhof.

«Je mehr man weiss, umso mehr versteht man», sagt Weger, dem es bei seinem Hobby auch wichtig ist, «zwei, drei Stunden ganz für mich allein zu sein. Jeder Moment beim Fischen ist ein ganz spezieller Moment. Ich befinde mich dann in einer Art Traumwelt», sagt Weger.

Aber natürlich schätzt der Weltklassebiathlet auch das Drumherum, das Zusammensein mit den Kollegen, das Fachsimpeln, die lustigen Abende nach einem Angelausflug. Seine Ferien plant er meistens ums Fischen herum. Im letzten Sommer war Weger auf Island, im Frühling in Slowenien.

Auch der mächtige Yukon-River im Westen Kanadas, Gewässer in Norwegen, in Neuseeland oder auf Kuba gehörten in den letzten Jahren zu den Destinationen der Schweizer Olympiahoffnung.

Dem Tier das Leben schenken

Steht Benjamin Weger irgendwo in der Welt an einem Gewässer und fängt einen Fisch, dann ereignet sich Aussergewöhnliches. Der Biathlet befreit den Fisch vom Haken, an dem sich bewusst keine Widerhaken befinden, und setzt ihn zurück ins Wasser. Dem Tier das Leben zu schenken, ist für ihn ein bewusster Teil des Geschehens.

Nur in der Schweiz wird ihm dies nicht erlaubt, das Tierschutzgesetz verbietet das Freilassen von gefangenen Fischen. Dafür hat Benjamin Weger kein Verständnis. Ihm geht es bei seiner grossen Leidenschaft nicht darum, möglichst viele Fische zu fangen. Er freut sich an einem schönen Wurf der Angelschnur, sucht die Perfektion in der Ausführung.

Genauso wie beim Biathlon und hoffentlich wie in Pyeongchang. Nach seinen starken Leistungen in diesem Winter darf er bei den Olympischen Spielen sogar leise von einer Medaille träumen.

Etwas ist gewiss: Kaum haben Schnee und Eis die Berglandschaft in einen sanften Winterschlaf versetzt, träumt Benjamin Weger auch schon vom ersten Fliegenfischen im nächsten Frühling.

Und sollte es mit dem Exploit in Südkorea nicht klappen, dann weiss Weger, in welchen Gedanken er Trost findet. «Es ist halt nicht einfach nur ein Hobby», sagt der 27-Jährige. Nach zwei Stunden am Bach nimmt man ihm dies ohne Widerspruch ab.

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