Snowboarder und Musiker
Mit Board und Gitarre nach ganz oben – Pat Burgerner steht neben der Piste gerne auf der Bühne

Pat Burgener gewinnt in Laax die Halfpipe-Qualifikation vor dem 29-jährigen Olympiasieger Iouri Podladtchikov und ist einer der Topfavoriten auf den Sieg am Snowboard-Freestyle-Event. Noch am Freitagabend stand er auf der Bühne.

Sébastian Lavoyer
Merken
Drucken
Teilen
Pat Burgener auf der Bühne des Jazzfestival in Montreux im Sommer 2016

Pat Burgener auf der Bühne des Jazzfestival in Montreux im Sommer 2016

Keystone

Da sitzen sie also zusammen im Jacuzzi in Breckenridge, Colorado. Es ist Mitte Dezember 2015. Eben hat Iouri Podladtchikov die Dew Tour, einen der höchstdotierten Snowboard-Wettkämpfe in den USA, auf Platz 3 beendet.

Pat Burgener aber ist am Boden. Als er mit 15 Jahren als Profi anfängt, gilt er als Supertalent, als künftiger Olympiasieger wird er gar gehandelt. Aber er verpasst sowohl Vancouver als auch Sotschi aufgrund von Verletzungen. Immer wieder wird er ausgebremst, immer wieder spielt er mit dem Gedanken, zurückzutreten. So auch an diesem Abend.

«Du bist einer der talentiertesten Snowboarder»

«Ich war voll im Tief. Da sagt Iouri zu mir: ‹Du bist einer der talentiertesten Snowboarder in unserem Team. Du brauchst drei Tage, dann bist du wieder auf dem Niveau, um Wettkämpfe zu gewinnen.›», erinnert sich Burgener. Lange reden sie, über das Snowboarden, das Leben, Gott und die Welt. Wenige Wochen später steht Burgener am Laax Open auf dem Podest, einzig geschlagen von Japans Ausnahmetalent Ayumu Hirano.

Hier fliegt Burgener 2012 auf seinem Snowboard durch die Luft

Hier fliegt Burgener 2012 auf seinem Snowboard durch die Luft

Keystone

Wenn sich Burgener heute in die Halfpipe in Laax wirft, dieses 200 Meter lange, 22 Meter breite und fast 7 Meter hohe Monstrum, dann tut er dies als einer der Topfavoriten. Die Qualifikation entschied er für sich, direkt vor Podladtchikov, seinem «grossen Bruder». Und er sagt: «Den Erfolg, den ich heute habe, verdanke ich zu einem grossen Teil Iouri. Ohne ihn hätte ich mich kaum durchgebissen, wäre vielleicht nicht mehr zurückgekommen.»

An einem Tag wie dem vergangenen Donnerstag, wo Burgener Podladtchikov um Haaresbreite (nur ein Punkt trennte die beiden) hinter sich lässt, da gehen sie auf Distanz. Burgener: «Iouri geht voraus, wie das ein grosser Bruder eben macht. Und dahinter kommen wir. Manchmal da schafft es einer von uns, sich vor ihm zu platzieren, so wie mir das am Donnerstag gelang. Dann ist er ein bisschen angepisst. Es setzt ihn unter Druck, aber das braucht er auch.»

Erst Bühne, dann Pipe

Die Schweizer Halfpipe-Spezialisten David Hablützel (21), Jan Scherrer (23), Pat Burgener (23) und Iouri Podladtchikov (29) sind während einer Saison so oft zusammen unterwegs, dass sie wie eine kleine Familie funktionieren. Mit allem, was dazugehört. Mal geht man sich auf die Nerven, mal feiert man zusammen und lacht. Jetzt, so kurz vor Olympia, da gingen sie alle ein bisschen mehr auf Distanz, sagt Burgener. Der Druck, die Erwartungen, die eigenen Ziele – jeder ist mehr auf sich fokussiert. Jeder zieht sein Ding durch.

Ein waghalsiger Sprung mit dem Snowboard von Burgener

Ein waghalsiger Sprung mit dem Snowboard von Burgener

Keystone

Für Burgener heisst das, dass er am Abend vor dem grossen Finale in Laax um 21 Uhr auf der Bühne stehen wird. Als Musiker, mit Gitarre, Band und seiner Stimme. Und irgendwann wird er «Korea» singen. Eben erst hat er den Song veröffentlicht. Inspiriert von seinen Erlebnissen vergangenes Jahr in der Olympia-Halfpipe.

Musik ist seine Leidenschaft

«Ich war so nahe am Sieg, dann stürzte ich, brach mir fast das Schlüsselbein. Danach ging ich ins Hotelzimmer und schrieb diesen Song», erzählt Burgener. Er hatte Zweifel, hinterfragte sich. Dann merkte er, dass er nach vorne schauen muss, aufstehen, stärker werden und bei Olympia allen zeigen, dass er es kann. Darum geht es in diesem Song, darum geht es ihm.

Die Musik ist Burgeners (r.) Leidenschaft

Die Musik ist Burgeners (r.) Leidenschaft

Keystone

Während sich andere am Tag vor einem Wettkampf zurückziehen, geht Burgener auf die Bühne. Denn er will als Musiker mindestens so erfolgreich werden, wie er es als Snowboarder schon ist. «Ich glaube, dass das möglich ist», sagt er.

Und seine braunen Augen funkeln unter den langen Haaren hervor. Seine Träume abseits der Pipe verfolgt er mit einer Konsequenz, die an Podladtchikov erinnert. Er mit der Gitarre, Iouri mit der Kamera. Bei Olympia wollen sie beide ganz nach oben – so wie heute in Laax.