Roger Federer
Mit Bauchgefühl von der Blondine zum Weltstar

Dort, wo Roger Federer als Junior zur Nummer 1 aufstieg, schreibt er ein weiteres Erfolgskapitel.

Simon Häring
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Roger Federer 1998 nach dem Sieg der Orange Bowl.

Roger Federer 1998 nach dem Sieg der Orange Bowl.

Roger Federer 1998 nach dem Sieg der Orange Bowl.

Es gibt Orte auf dieser Welt, mit denen verbindet Roger Federer nicht viel mehr als Siege und Pokale. Und es gibt Orte, die für seine Karriere definierenden Charakter. Wimbledon ist so eine Station, oder die Swiss Indoors Basel. Und Miami, wo der 35-Jährige am Sonntag seinen dritten Titel in diesem Jahr gewinnt.

«Hier spielte ich 1995 mit der Orange Bowl mein erstes internationales Turnier. Es war auch meine erste längere Reise ins Ausland und das erste Mal alleine im Hotel», erinnert sich Federer am Tag, nach dem er zum dritten Mal nach 2005 und 2006 mit den Erfolgen in Indian Wells und Miami das «Sunshine Double» bewerkstelligt hatte.

Ein vielversprechendes Talent: Roger Federer 1998 an den Swiss Indoors in Basel.

Ein vielversprechendes Talent: Roger Federer 1998 an den Swiss Indoors in Basel.

Keystone

Auf Key Biscayne vor Miami macht Federer drei Jahre später richtig auf sich aufmerksam, als er bei der U18 mit einem Erfolg gegen den Argentinier David Nalbandian die renommierte Orange Bowl, die inoffizielle Weltmeisterschaft, gewinnt und das Jahr als Weltranglistenerster der Junioren beendet.

«Er ist schnell, kräftig, spielt ein einfaches und effizientes Tennis und spielt dann am besten, wenn es zählt. Sein Potenzial ist riesig. Er kann ein ganz grosser Spieler werden», sagt Stéphane Oberer, der damals technischer Direktor beim Schweizer Tennisverband ist.

Braun gebrannt, blond gefärbt

Als er am Tag vor Heiligabend am Euroairport in Basel von seinen Eltern Robert und Lynette sowie Schwester Diana in Empfang genommen wird, ist er braun gebrannt. Sein Haar hat er nach einer verlorenen Wette blond gefärbt, was er mit einer Baseball-Mütze zu kaschieren versucht.

«Er lungerte rum und wollte seine Mütze nicht ausziehen. Bis ich ihn fragte, wieso er nicht nach Hause gehe. Da sagte er: ‹Ich traue mich nicht, ich habe mir die Haare blondiert›», erzählt seine erste Trainerin, Madeleine Bärlocher. Es ist das Jahr 1998, Federer 17 Jahre alt und eigentlich längst nicht mehr bei den Old Boys.

Das sind alle Turniersiege von Roger Federer:

103. Titel, Basel 2019 Alex de Minaur, 6:2, 6:2
103 Bilder
102. Titel, Halle 2019 David Goffin 7:6, 6:1
101. Titel, Miami 2019 John Isner, 6:1, 6:4
100. Titel, Dubai 2019 Stefanos Tsitsipas, 6:4, 6:4
99. Titel, Basel 2018 Marius Copil, 7:6, 6:4
98. Titel, Stuttgart 2018, Milos Raonic, 6:4, 7:6
97. Titel, Rotterdam 2018, Grigor Dimotrov, 6:2, 6:2
96. Titel, Melbourne 2018 Marin Cilic, 6:2, 6:7, 6:3, 3:6, 6:1
95. Titel, Basel 2017 Juan Martin del Potro, 6:7,6:4,6:3
94. Titel, Shanghai 2017 Rafael Nadal, 6:4, 6:3.
93. Titel, Wimbledon 2017 Marin Cilic, 6:3, 6:1, 6:4
92. Titel, Halle 2017 Alexander Zverev, 6:1, 6:3
91. Titel, Miami 2017 Rafael Nadal, 6:3, 6:4
90. Titel, Indian Wells 2017 Stan Wawrinka, 6:4, 7:5.
89. Titel, Australian Open 2017 Rafael Nadal, 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3.
88. Titel, Basel 2015 Rafael Nadal, 6:3, 5:7, 6:3.
87. Titel, Cincinnati 2015 Novak Djokovic, 7:6 (7:1), 6:3.
86. Titel, Halle 2015 Andreas Seppi, 7:6 (7:1), 6:4
85. Titel, Istanbul 2015 Pablo Cuevas, 6:3, 7:6 (13:11)
84. Titel, Dubai 2015 Novak Djokovic, 6:3, 7:5.
83. Titel, Brisbane 2015 Milos Raonic, 6:4, 7:6, 6:4. - Es war Federers 1000. ATP-Karriere-Sieg.
82. Titel, Basel 2014 David Goffin, 6:2, 6:2.
81. Titel, Schanghai 2014 Gilles Simon, 7:6 (8:6), 7:6 (7:2)
80. Titel, Cincinnati 2014 David Ferrer, 6:3, 1:6, 6:2.
79. Titel, Halle 2014 Alejandro Falla, 7:6, 7:6
78. Titel, Dubai 2014 Tomas Berdych, 3:6, 6:4, 6:3.
77. Titel, Halle 2013 Michail Juschni, 6:7 (5:7), 6:3, 6:4.
76. Titel, Cincinnati 2012 Novak Djokovic, 6:0, 7:6 (9:7)
75. Titel, Wimbledon 2012 Andy Murray 4:6, 7:5, 6:3, 6:4
74. Titel, Madrid 2012 Tomas Berdych 3:6, 7:5, 7:5.
73. Titel, Indian Wells 2012 John Isner, 7:6, 6:3.
72. Titel, Dubai 2012 Andy Murray, 7:5 6:4.
71. Titel, Rotterdam 2012 Juan Martin Del Potro, 6:1, 6:4.
Federer feiert 2011 an den ATP World Tour Finals in London den 70. Titel im 100. Final Jo-Wilfried Tsonga, 6:3, 6:7, 6:3
69. Titel in Paris-Bercy Jo-Wilfried Tsonga, 6:1, 7:6
68. Titel in Basel 2011 Kei Nishikori, 6:1, 6:3
67. Titel in Doha 2011 Nikolay Davydenko, 6:3, 6:4
66. Titel an den World Tour Finals in London 2010 Rafael Nadal, 6:3, 3:6, 6:1
65. Titel in Basel 2010 Novak Djokovic, 6:4, 3:6, 6:1
64. Titel in Stockholm 2010 Florian Mayer, 6:4, 6:3
63. Titel in Cincinnati 2010 Mardy Fish, 6:7, 7:6, 6:4
62. Titel: Federer gewinnt die Australian Open 2010 Andy Murray, 6:3, 6:4, 7:6
61. Titel in Cincinnati 2009 Novak Djokovic, 6:1, 7:5
60. Titel: Wimbledon 2010 Andy Roddick, 5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14
59. Titel: Ein emotionaler Titel! Federer gewinnt 2009 endlich die French Open in Paris Robin Söderling, 6:1, 7:6, 6:4
58. Final in Madrid 2009 Rafael Nadal, 6:4, 6:4
57. Final in Basel 2008 David Nalbandian, 6:3, 6:4
56. Titel: Federer gewinnt die US Open 2008 Andy Murray, 6:2, 7:5, 6:2
55. Titel in Halle 2008 Halle. Philipp Kohlschreiber, 6:3, 6:4
54. Titel in Estoril 2008 Nikolay Davydenk0, 7:6, 1:2 (w.o.)
53. Titel in Schanghai 2007 David Ferrer, 6:2, 6:3, 6:2
52. Titel in Basel 2007 Jarkko Nieminen, 6:3, 6:4
51. Titel: US Open-Sieg 2007 Novak Djokovic, 7:6, 7:6, 6:4
50. Titel in Cincinnati 2007 James Blake, 6:1, 6:4
49. Titel: Skpektakulärer Wimbledon-Triumph 2007 Rafael Nadal, 7:6, 4:6, 7:6, 2:6, 6:2
48. Titel in Hamburg 2007 Rafael Nadal, 2:6, 6:2, 6:0
47. Titel in Dubai 2007 Mikhail Juschni, 6:4, 6:3
46. Titel: Federers Sieg an den Australian Open 2007 Fernando Gonzalez, 7:6, 6:4, 6:4
45. Titel in Schanghai 2006 James Blake, 6:0, 6:3, 6:4
44. Titel in Basel 2006 Fernando Gonzalez, 6:3, 6:2, 7:6.
43. Titel in Madrid 2006 Fernando Gonzalez, 7:5, 6:1, 6:0
42. Titel in Tokio 2006 Tim Henman, 6:3, 6:3
41. Titel: Federer gewinnt 2006 auch die US Open Andy Roddick, 6:2, 4:6, 7:5, 6:1
40. Titel in Toronto 2006 Richard Gasquet, 2:6, 6:3, 6:2
39. Titel, Federer gewinnt 2006 Wimbledon Rafael Nadal, 6:0, 7:6, 6:7, 6:3
38. Titel in Hamburg 2006 Tomas Berdych, 6:0, 6:7, 6:2
37. Titel in Miami 2006 Ivan Ljubicic, 7:6, 7:6, 7:6
36. Titel in Indian Wells 2006 James Blake, 7:5, 6:3, 6:0
35. Titel: Ein emotionaler Titel: Federer gewinnt 2006 die Australian Open Marcos Baghdatis, 5:7, 7:5, 6:0, 6:2
34. Titel in Doha 2006 Gaël Monfils, 6:3, 7:5
33. Titel in Bangkok 2005 Andy Murray, 6:3, 7:5
32. Titel: Federer gewinnt 2005 die US Open Andre Agassi, 6:3, 2:6, 7:6, 6:1
31. Titel in Cincinnati 2005 Andy Roddick, 6:3, 7:5
Federer gewinnt Wimbledon 2005, sein 30. Titel Andy Roddick, 6:2, 7:6, 6:4
29. Titel in Halle 2005 Marat Safin, 6:4, 6:7, 6:4
28. Titel in Hamburg 2005 Richard Gasquet, 6:3, 7:5, 7:6
27. Titel in Miami 2005 Rafael Nadal, 2:6, 6:7, 7:6, 6:3, 6:1
26. Titel in Indian Wells 2005 Lleyton Hewitt, 6:2, 6:4, 6:4
25. Titel in Dubai 2005 Ivan Ljubicic, 6:1, 6:7, 6:3
24. Titel in Rotterdam 2005 Ivan Ljubicic, 5:7, 7:5, 7:6
23. Titel in Doha 2005 Ivan Ljubicic, 6:3, 6:1
22. Titel in Houston 2004 Lleyton Hewitt, 6:3, 6:2
21. Titel in Bangkok 2004 Andy Roddick, 6:4, 6:0
Federer gewinnt zum ersten Mal die US Open, sein insgesamt 20. Titel Lleyton Hewitt, 6:0, 7:6, 6:0
19. Titel in Toronto 2004 Andy Roddick, 7:5, 6:3
18. Titel in Gstaad 2004 Igor Andrejev, 6:2, 6:3, 5:7, 6:3
Der zweite Wimbledon-Titel 2004: Sein insgesamt 17. Titel Andy Roddick, 4:6, 7:5, 7:6, 6:4
16. Titel in Halle 2004 Mardy Fish, 6:0, 6:3
15. Titel in Hamburg 2004 Guillermo Coria, 4:6, 6:4, 6:2, 6:3
14. Titel in Indian Wells 2004 Tim Henman, 6:3, 6:3
13. Titel in Dubai 2004 Feliciano Lopez, 4:6, 6:1, 6:2
Der erste Autralian Open-Sieg: Jahr 2004, sein 12. Titel Marat Safin, 7:6, 6:4, 6:2
11. Titel in Houston 2003 Andre Agassi, 6:3, 6:0, 6:4
10. Titel in Wien 2003 Carlos Moya, 6:3, 6:3, 6:3
Federers erster Grand Slam-Sieg: Wimbledon 2003 Mark Philippoussis, 7:6, 6:2, 7:6
8. Titel in Halle 2003 Nicolas Kiefer, 6:1, 6:3
7. Titel in München 2003 Jarkko Nieminen, 6:1, 6:4
6. Titel in Dubai 2003 Jiri Novak, 6:1, 7:6
5. Titel in Marseille 2003 Jonas Bjorkman, 6:2, 7:6
4. Titel in Wien 2002 Jiri Novak, 6:4, 6:1, 3:6, 6:4
3. Titel in Hamburg 2002 Marat Safin, 6:1, 6:3, 6:4
2. Titel in Sydney 2002 Juan Ignacio Chela, 6:3, 6:3
Roger Federers erster Titel auf der ATP-Tour, Mailand 2001 Julien Boutter, 6:4, 6:7, 6:4

103. Titel, Basel 2019 Alex de Minaur, 6:2, 6:2

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Im Jahr darauf gibt er in Miami dank einer Wildcard sein Debüt im Hauptfeld. 2005 ist er bereits die Nummer 1 der Welt, als er im Final gegen Rafael Nadal einen 0:2-Satz- und Breakrückstand in einen Sieg verwandeln kann. Es ist zugleich die Geburtsstunde einer der prickelndsten Rivalitäten des Weltsports. «Damals einer meiner wichtigsten Siege», sagt Federer, der im Jahr darauf seinen Titel verteidigt.

Mit einem Finalerfolg gegen seinen heutigen Trainer Ivan Ljubicic. «Hier ist schon sehr, sehr viel passiert. Dass ich wieder hier sein darf, ist unglaublich. Ich kann es mir nicht wirklich erklären», sagt Federer. Eine von vielen Erklärungen ist seine Konsequenz, die sich wie ein roter Faden durch seine Karriere zieht.

Ein erstes Mal zeigt sich das 1999, als er sich bei der Wahl seines Privattrainers gegen seinen Förderer Peter Carter entscheidet und den jovialen Peter Lundgren vorzieht. Der Schwede wird 2003 selber Opfer davon, dass Federer es wie kein Zweiter beherrscht, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen, Türen zu schliessen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Im Sommer hatte er in Wimbledon das erste seiner 18 Grand-Slam-Turniere gewonnen, trotzdem trennt er sich von Lundgren.

Die Jahreswertung der besten Tennisspieler:

Zwei Monate Pause bis Paris

19 Jahre später ist der einst beste Junior der erfolgreichste Spieler der Geschichte und der beste Spieler des ersten Quartals. «Viele Jahre bleiben mir nicht. Ich muss es unbedingt geniessen. Ich habe eine gute Balance zwischen dem Tennis, dem Privatleben, dem Training und allem, was dazugehört, gefunden», sagt Federer und kündigt an, dass er erst beim French Open (ab 28. Mai) wieder ins Geschehen eingreifen werde.

«Ich bin nicht mehr 24. Ich muss meine Momente herauspicken und auf meine Gesundheit achten. Ich fühle mich sehr müde. Körper und Kopf brauchen eine Pause. Und meine Familie braucht mich. Ich will jetzt bei ihr sein.»

Roger Federer bejubelt seinen Sieg am Miami Open gegen Rafael Nadal.

Roger Federer bejubelt seinen Sieg am Miami Open gegen Rafael Nadal.

Keystone

Die Jahresrangliste führt Federer nach seinem besten Saisonstart seit elf Jahren klar an. «Was ich geschafft habe, habe ich nur in meinen besten Jahren geschafft.» Zahlreiche Beobachter sind der Auffassung, dass Federer besser denn je ist. «Ich sah Roger erstmals 1998 spielen und bin der Meinung, dass er so gut ist wie noch nie», sagt Brad Gilbert, der als Trainer von Andre Agassi grosse Erfolge feierte.

Ist Federer mit bald 36 Jahren die beste Version seiner selbst? «Ich spiele anders. In der Defensive bin ich vielleicht nicht mehr so gut, dafür spiele ich cleverer. Der Roger von heute hätte sicher eine Chance gegen den Roger von damals», mutmasst der 91-fache Turniersieger, der seinen achten Erfolg in Wimbledon als nächstes grosses Ziel proklamiert.

Die Rückeroberung der Weltranglistenspitze hat für ihn keine Priorität. Vielmehr sei wichtig, dass er sich und seinem Körper Pausen gönne. Er wolle nicht ausbrennen, und auch seine Familie solle nicht zu kurz kommen. Dabei verlässt er sich einmal mehr auf sein Bauchgefühl. «In einer Traumwelt wäre ich gerne wieder die Nummer 1.

Ich möchte einfach jedes Turnier geniessen. Mir ist es lieber, eine Pause einzulegen und mit neuem Verlangen durchzustarten. Wenn ich noch einmal die Nummer 1 werde, wäre das grossartig.» Die Aussichten, dass ihm das gelingt, sind gut. Fünf Mal beendete er ein Jahr auf dem Thron, vier Mal davon führte er die Jahreswertung nach Miami an. Daran erinnert sich Türschliesser Federer nicht. Er war schon immer vorbildlich, wenn es darum ging, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

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