Es war einmal ein Schweizer Skispringer, dem grosses Talent attestiert wurde. Was wie ein Märchen beginnt, entwickelte sich für dessen Hauptdarsteller in den letzten Jahren zum Melodrama. Dieser Hauptdarsteller beginnt seine internationale Karriere vor rund zehn Jahren mit der wohl schwierigsten Nebenrolle. Denn das Scheinwerferlicht gehört zu dieser Zeit zwei charismatischen Stars. Die ungleichen Zwillinge Simon Ammann und Andreas Küttel prägen das Skispringen hierzulande. Gregor Deschwanden ist der Erste der nächsten Generation. Er soll einmal das Erbe dieser Olympiasieger und Weltmeister antreten, darf sich aber nach seinem Weltcup-Debüt im Dezember 2011 erst einmal im Schatten der unangefochtenen Hauptfiguren entwickeln.

Stets im Schatten von Ammann

Sechs Jahre später gehört Simon Ammann noch immer die Hauptrolle. Und Gregor Deschwanden steht nach wie vor in dessen Schatten. Dass der inzwischen 26-jährige Luzerner in den Saisons 2013/14 und 2014/15 insgesamt 33-mal in die Weltcupränge sprang, rückte angesichts der elf Podestplätze Ammanns in der gleichen Zeitspanne in den Hintergrund und ging angesichts der monumentalen Baisse der Schweizer Skispringer in den letzten zwei Wintern vergessen. Deschwanden qualifizierte sich in der letzten Weltcupsaison gerade noch ein einziges Mal für den zweiten Durchgang. Wer vom Skispringer Deschwanden sprach, der erinnerte sich höchstens an dessen Potenzial. Die effektive Leistungskurve hingegen machte nach 2015 einen bedrohlichen Knick in Richtung Bedeutungslosigkeit. Und dennoch sah man den grossgewachsenen Innerschweizer meistens mit einem Lächeln den Kameras zuwinken – selbst nach Leistungen zum Abwinken. Wäre da nicht einmal ein Zähnefletschen des Athleten angebracht gewesen, ein Peitschenknallen des Trainers?


Der Schweizer Skisprungchef Berni Schödler verneint: «Zu viel Druck raubt die Zuversicht. Skispringen ist kein Kampfsport. Verbissenheit geht auf Kosten der Lockerheit», sagt der Bündner. Und doch ist die Botschaft in Richtung Deschwanden deutlich: «Gregor weiss, dass er an einer Weiche steht.» Schödlers Frage richtet sich direkt an den Athleten: «Hast du den Hunger, um den entscheidenden Schritt nach vorne zu machen?»


Deschwanden glaubt nach Jahren der Unkonstanz daran. Mit dem siebten Rang beim Weltcup in Nischni Tagil vor zwei Wochen verbuchte er den ersten Top-10-Platz eines Schweizers seit Simon Ammann am 20. März 2016. Und dreimal Weltcuppunkte in Serie schaffte er seit Dezember 2015 nicht mehr. An diesem Wochenende folgt sein Heimspiel in Engelberg.

Jedes Jahr besser werden

Der Schlaks spricht vom roten Faden, den er und das Team gefunden haben. Von der verschwundenen Angst, es nicht zu packen. Von der Gewissheit, dass ein guter Sprung für die Top 30 reicht. Von der Motivation, angreifen zu wollen. «Als Skispringer muss man jedes Jahr besser werden. Das ist mir zuletzt zweimal nicht gelungen.»


Der Wendepunkt folgte mit der gründlichen Nachbetrachtung des Teams nach der missratenen letzten Saison. Dafür wurde eine externe Person einbezogen, die den Springern den Spiegel vorhielt. «Dort sind sie ziemlich durchgerüttelt worden», sagt Ex-Weltmeister Andreas Küttel, der neu zum Trainerstab gehört. Gregor Deschwanden musste sich die Frage stellen: «Wo will ich überhaupt hin?» Er glaubt, die Antwort gefunden zu haben.