Niels Hintermann grinst. Seine Mission hat er erfüllt. Schneller als gedacht: Weltcupsieger! «Für mich als Zürcher ist es enorm schön, den Berglern zu zeigen, dass auch wir aus dem Flachland schnell Ski fahren können.»

Als Hintermann das zum ersten Mal beweisen wollte, erntete er Spot dafür. Als kleiner Bub ist er mit der Familie in die Berge gereist, um ein Skirennen zu fahren. «Und wir haben brutal eins aufs Dach bekommen», erzählt er gestern. Sein Rückstand auf die Gleichaltrigen war enorm. «Doch dann haben wir begonnen, härter zu trainieren.»


Der Aufwand, sich als Flachländer den Traum als Skiprofi zu erfüllen, ist riesig. Gestern wurde der 21-Jährige belohnt mit dem Sieg in der Kombination am Lauberhorn in Wengen.
Der Skisport ist in Hintermanns Familie wichtig. Seine Mutter, eine Slowenin, ist selbst FIS-Rennen gefahren. Sein Vater war Trainer im Zürcher Ski-Verband und hatte einst den heutigen Swiss-Ski-Präsidenten Urs Lehmann betreut. Lehmann hat es als Aargauer geschafft, Weltmeister zu werden. Damit ist er ein Vorbild für Hintermann.

Genau wie Peter Müller, der als Zürcher Flachländer ebenfalls Weltmeister wurde. Lehmann sagt: «Für mich ist dieser Sieg von Niels sehr emotional. Ich kenne die Familie schon sehr lange. Ich weiss, welch grossen Aufwand sie für den Skisport betreiben.»

Wetterglück ausgenutzt

Schon mit 10 Jahren verlies Niels Hintermann sein zu Hause, um in Österreich die Skihauptschule zu besuchen. Dort fand er ideale Bedingungen, um seine Mission, es den Berglern zu zeigen, voranzutreiben. Nach der Hauptschule folgte der Übertritt ans Skigymnasium, aber weil es ihm dort nicht gefiel, die Rückkehr in die Schweiz.

Seine Ausbildung setzte Hintermann dann an der Sportmittelschule in Engelberg fort, wo er im Sommer die kaufmännische Ausbildung abschliessen wird. «Danach will ich die Rekrutenschule absolvieren», sagt Hintermann, der sich als ruhigen Menschen beschreibt.

«Ob dieser Sieg jetzt etwas bewirkt und ich zu einem Höhenflug ansetze, wird sich bald zeigen», sagt er bescheiden und im Wissen, dass er am Freitag auch etwas Glück hatte. In der Abfahrt am Nachmittag hatte er mit einer tiefen Startnummer deutlich bessere Bedingungen als die meisten seiner Konkurrenten.


«Das tut mir schon etwas leid, vor allem für Justin Murisier», sagt Hintermann fair. Murisier hatte nach dem Slalom geführt, blieb aber wie Carlo Janka und Mauro Caviezel auf der mit Neuschnee bedeckten Piste chancenlos.

«Ich könnte jetzt weinen», sagt Murisier. «Aber wir betreiben unseren Sport draussen und da gehört Wetterglück dazu.» Murisier beendete das Rennen auf Rang 7. Caviezel auf Rang 12 erklärte später, warum er im Rennen chancenlos blieb: «Der Neuschnee machte die Piste so langsam, ich hätte unterwegs locker einen Kaffee trinken können.»

Gefährlich waren die Bedingungen für die Athleten allerdings nie. Darum sah die FIS sich auch nie veranlasst, das Rennen abzubrechen. Urs Lehmann sagt: «Wir müssen den Sieg realistisch sehen. Es war Glück dabei. Aber vor und hinter Niels sind Fahrer gestartet, die gleich gute Verhältnisse hatten. Niels hat es anders als viele ausgenutzt.»

Das haben auch der Franzose Maxence Muzaton auf Rang zwei und der Österreicher Frederic Berthold auf Rang drei, die zuvor ebenfalls nie auf dem Podest eines Weltcuprennens gestanden sind. Nils Mani auf Rang 5 gehörte gestern ebenfalls zu den Profiteuren. Für den Berner war es das bisher beste Weltcupresultat.

An der WM dabei

Wie aber geht es nun weiter mit Niels Hintermann? Als Kombi-Sieger hat er sich für die WM in St. Moritz qualifiziert. «Ich wusste ehrlich gesagt nicht einmal, dass es an einer WM eine Kombi gibt», sagt der 21-Jährige. «Unglaublich, dass ich nun dabei bin.»

Normalerweise ist er weit abseits des Rummels unterwegs: im Europacup. Dort wird er langsam aufgebaut. Im Weltcup bestritt Hintermann gestern erst sein 12. Rennen. Zuvor war Rang 21 in der Abfahrt in Chamonix im Februar 2016 sein Bestresultat.

Den langsamen Aufbau will Hintermann nun auch trotz des Sieges weiterführen. Schliesslich soll es gestern nicht das letzte Mal gewesen sein, wo er es den Berglern gezeigt hat.

Das sind alle Sieger der Lauberhornabfahrt seit 1997: