Ski alpin
Mikaela Shiffrin will Lara Gut die grosse Kristallkugel streitig machen

Mikaela Shiffrin nimmt in ihrer noch jungen Karriere das nächste Ziel ins Visier: Den Sieg im Gesamtweltcup

Konstantin Furrer, Altenmark
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Mikaela Shiffrin
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Jede Milisekunde zählt: Slalom-Spezialistin Shiffrin wirft sich ins Ziel.
Shiffrin darf sich im Zeilraum über jede Menge guter Zeiten freuen.
2015 holt sich die Amerikanerin die kleine Kristallkugel im Slalomweltcup.
Shiffrin startet am Samstag in Sölden im Riesenslalom in die Saison.
Elegant: Shiffrin im Gespräch mit den Journalisten

Mikaela Shiffrin

Keystone

Man vergisst oft, dass Mikaela Shiffrin erst 21 Jahre alt ist. Nicht nur ist sie eine begnadete Skifahrerin, die schon fast alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt. Sie versteht es auch, sich medial zu inszenieren. Während sich die meisten Athletinnen und Athleten am Medientag von Atomic im österreichischen Altenmark zu verstecken versuchen, blüht Shiffrin auf.

Unbekümmert plaudert die US-Amerikanerin aus dem Nähkästchen. Von ihren Anfängen im Skisport, vom Verhältnis zu ihrer Mutter, sogar über ihre Musikpräferenzen – und stets mit einem gewinnenden Lächeln im Gesicht. Nichts bringt die 21-Jährige aus der Ruhe. Die wenigen kritischen Fragen lacht sie weg. Sie ist das Rampenlicht gewohnt.

Das Gespräch mit den Journalisten scheint für sie ein Spiel zu sein. Shiffrins mediale Erfahrung kommt nicht von irgendwoher: Schon als Teenagerin sorgte sie mit ihren Leistungen auf der Piste für Rummel. Bereits mit 16 Jahren steht sie zum ersten Mal auf dem Podest – im Slalom in Lienz wird sie Dritte. Mit 17 gewinnt sie ihr erstes Weltcup-Rennen – den Slalom in Åre. Es ist der Beginn einer steilen Karriere, die nur eine Richtung kennt: aufwärts. Ein Jahr später steht sie an den Weltmeisterschaften in Schladming ganz oben: Gold im Slalom.

Gold in Sotschi

In ihrer Paradedisziplin im Stangenwald folgen eine Goldmedaille an den Olympischen Spielen in Sotschi, eine weitere WM-Goldmedaille in Beaver Creek und der Sieg in der Slalomgesamtwertung. Das, worauf unzählige Athletinnen während ihrer ganzen Karriere hinarbeiten, gelingt Shiffrin mit einer unvergleichlichen Leichtigkeit. Wie überlegen Shiffrin im Slalom auftritt, verdeutlichte die vergangene Saison. In Aspen gewann sie mit über drei Sekunden Vorsprung den Slalom – ein Rekord. Und trotz Knieverletzung, die sie drei Monate ausser Gefecht setzte, holte sie sich in der Slalomgesamtwertung den vierten Platz.

Angriff im Speed-Bereich

Mit Slalom und Riesenslalom will sich Shiffrin aber nicht mehr länger zufriedengeben. Jetzt setzt sich die Amerikanerin das nächste Ziel: den Sieg im Gesamtweltcup. Bereits in der Saison 2015/16 war die grosse Kugel ein Thema, aber eher für die Medien, wie Shiffrin sagt. In der am Wochenende mit dem Riesenslalom von Sölden startenden Saison sieht das anders aus: «Ja, der Gesamtweltcup gehört zu meinen Zielen», gibt sie zu. Wie realistisch dieses ambitionierte Unterfangen ist, weiss sie noch nicht: «In der Mitte der Saison werde ich die Situation nochmals genau analysieren.»

Was bereits klar ist: Shiffrin wird neu auch an den Speed-Rennen teilnehmen – zumindest an einigen. «Slalom und Riesenslalom haben Priorität», sagt Shiffrin. Es sei unmöglich, alle Rennen zu fahren. Aber wenn es das Programm zulasse, werde sie auch an einigen Abfahrten und Super-G teilnehmen. Dass bei diesen Rennen auch Punkte den Weg auf ihr Konto finden, ist essenziell für ihre Ambition auf den Gesamtweltcupsieg. Nur so kann sie zur aussichtsreichen Konkurrentin für ihre Landsfrau Lindsey Vonn, die Schweizerin Lara Gut und die nach ihrer einjährigen Verletzungspauseauf die Piste zurückkehrende Österreicherin Anna Veith (vormals Fenninger) werden.

Von einem internen Kampf im US-Team mit Vonn um den Gesamtweltcup will Shiffrin nichts wissen: «Ich hoffe, dass Lindsey dieses Jahr unverletzt bleibt und wirviele spannende Rennen erleben werden.»Shiffrins Fokus liegt vorerst auf dem Saisonstart vom Wochenende. «Das Rennen in Sölden wird zeigen, wo ich stehe», sagt sie.Auch die Weltmeisterschaften vom Februar 2017 in St. Moritz sind für Shiffrin noch in weiter Ferne. «Es wäre falsch, nur auf die WM zu trainieren. Ich nehme es Schritt für Schritt.» Trotzdem bleibt St. Moritz in ihrem Hinterkopf. Nach den Slalom-Goldmedaillen 2013 und 2015 freut sich Shiffrinauf die anstehende WM: «Aller guten Dinge sind drei», sagt sie schmunzelnd.

Den Grundstein für eine erfolgreiche Saison hat Shiffrin im Sommer gelegt. Lediglich eine Ferienwoche auf Hawaii hat sie sich gegönnt. Ansonsten verbrachte sie die Zeit im Fitnessstudio und feilte an ihrer Kondition und Kraft. «Ich fühle mich stark. So viele Klimmzüge wie jetzt habe ich noch nie geschafft», sagt Shiffrin mit einem breiten Lachen im Gesicht. Dass sie eine Perfektionistin ist, gibt Shiffrin offen zu. War sie nicht im Kraftraum, so stand sie auf ihren Ski. In Chile und Neuseeland trainierte sie während des Sommers auf den Abfahrtski. «Noch ist es nicht ganz perfekt. Aber ich bekomme ein immer besseres Gefühl.» Anfang Dezember, wenndie ersten Speed-Rennen der Saison in Lake Louise auf dem Programm stehen, wird sich zeigen, ob sich die Slalomkönigin auch auf den schnellen Pisten zurechtfindet – an Talent wird es nicht fehlen.