Handball

Michael Suter – der Mann für die schwierigsten Fälle

Michael Suter: Der Trainer hat dem Schweizer Handball neues Leben eingehaucht.

Michael Suter: Der Trainer hat dem Schweizer Handball neues Leben eingehaucht.

Seine Frau hat er an Olympia 1996 kennengelernt. Seine Kinder sprechen Deutsch, Indonesisch und Französisch. Und sonst? Wie tickt der Trainer, der den Schweizer Handball aus der Versenkung gelotst hat?

Michael Suter blickt auf die Uhr. Zehn vor Zwölf. «Ui, schon so spät? Sorry, ich muss dringend los. Die Frau ist bei der Arbeit und meine drei Kinder kommen von der Schule. Ich muss ihnen unbedingt das Essen zubereiten.» So ist das, mit einem Besessenen. Taucht er erst mal in seine Leidenschaft ab, spielen Raum und Zeit keine Rolle mehr. Und Suter ist besessen. Von Handball. Seit er als Teenager erstmals ein Training besuchte. Heute ist der 44-Jährige A-Nationaltrainer. Er ist der Mann, der den Schweizer Handball aus dem Sumpf der Depression befreite.

Suter stand schon im CL-Viertelfinal

Er wächst in Winkel bei Bülach auf. Fährt mit dem Rad täglich zur Kantonsschule Bülach. Zieht nach der Matur vom Elternhaus in eine WG in Winterthur, weil er vor allem ein Ding im Kopf hat: Handball. Suter etabliert sich bei Pfadi als Flügel. Was nicht selbstverständlich ist. Damals war Pfadi auch dank des phänomenalen Südkoreaners Jae-won Kang ein ruhmreicher Klub. Serienmeister in der Schweiz. Und auch europäisch mit aufsehenerregenden Darbietungen. Zweimal stösst Suter mit seinem Team bis in den Champions-League-Viertelfinal. Und mit der Nationalmannschaft qualifiziert er sich für Olympia 1996 und die EM 2002.

Michael Suter (rechts) - hier im Jahr 2002 - war selbst langjähriger Nationalspieler.

Michael Suter (rechts) - hier im Jahr 2002 - war selbst langjähriger Nationalspieler.

Wie so üblich im Handball setzt auch Suter nicht allein auf den Sport. Er lässt sich zum Lehrer ausbilden, studiert später Journalismus und Kommunikation. Den Journalisten Suter gab es aber nie und wird es wohl auch nie geben. Aber den Lehrer. Und zwar einer für die speziellen Fälle. Suter unterrichtet eine Werkklasse. Die 20 schwierigsten Schüler des Kantons pro Jahrgang, was kaum ein Lehrer freiwillig tut. Nicht Suter. «Es geht in solchen Klassen weniger um Stoffvermittlung, sondern viel mehr um Aspekte der Führung. Die Frage lautet: Wie mache ich aus dieser schwierigen Klasse eine funktionierende Gemeinschaft? Dieser Job war gleichermassen faszinierend wie prägend und wichtig für meine spätere Karriere. Denn im Sport ist es doch häufig so, dass die Leistungsträger nicht die einfachsten Charaktere sind.»

Nach drei Jahren bereits Nachwuchstrainer beim Verband

Die schwierigen Verhältnisse, in denen die Schüler teilweise aufwachsen, lassen Suter nicht kalt. Distanz gewinnt er aber, in dem er nach der Schule ins Training fährt. Nicht mehr nach Winterthur, sondern nach Schaffhausen. Doch dort verletzt er sich schwer. Die Versicherung käme zwar für den Lohnausfall auf. Aber Suter will kein Geld fürs Nichtstun. Und so steigt er 2004 als Assistent im Kadetten-Nachwuchs ins Trainermetier ein. Schnell wird offensichtlich, dass Suter ein grosses Trainertalent ist. 2007 wird er Nachwuchstrainer im Verband und coacht das Schaffhauser NLB-Team der Kadetten. Und als Schaffhausens Präsident Giorgio Behr seine Vision einer Handball-Academy umsetzt, kommt für ihn nur einer infrage, der diese leiten soll: Michael Suter.

Giorgio Behr, Präsident der Kadetten Schaffhausen, hat Michael Suters Trainertalent früh erkannt.

Giorgio Behr, Präsident der Kadetten Schaffhausen, hat Michael Suters Trainertalent früh erkannt.

Was er übrigens noch heute macht. Selbst am Tag nach seinem bislang grössten Triumph als A-Nationaltrainer, der Qualifikation für die EM 2020. So steigt er unmittelbar nach der Rückkehr aus Serbien am Flughafen Zürich ins Auto, um ein Junioren-Training der Swiss Handball Academy in Schaffhausen zu leiten.

Bis es indes so weit war, brauchte es ganz viel Michael Suter. Als er im Verband als Nachwuchstrainer startete, glich der Schweizer Handball einem Gemälde von HR Giger, dem Meister der Finsternis. Weder existieren beim Verband Konzepte, noch Strukturen und erst recht keine Vision. Für Suter bedeutete dies einerseits, ein Aufbau von ganz unten. Andererseits ein Aufbau auch nach seinem eigenen Gusto. Was etwas überspitzt bedeutet: Handball, Handball, nichts als Handball. Suter sagt: «Ich brauchte eine Horde verrückter Typen. Das ist alternativlos.» Nicolas Raemy, heute A-Nationalspieler, erinnert sich: «Suter erwartete, dass wir alles dem Sport unterordnen. Er hat uns mit seinem Ehrgeiz angesteckt.» Prompt kehrt die Schweiz rekordverdächtig schnell in die erweiterte Weltspitze zurück. Zumindest im Nachwuchs. Unter Suter qualifizieren sich die U19 und U21 für zehn von zwölf möglichen Endrunden. Fünfmal platziert man sich sogar unter den besten Sechs.

Die grosse Liebe bei den Olympischen Spielen gefunden

Als wir bei unserer Begegnung auf eine andere Leidenschaft, Jazz-Platten zu sammeln (über 1000 Scheiben) zu sprechen kommen, sagt Suter: «Ich habe eine Platte von 1959, die tönt, als ob sie frisch gepresst worden ist. Ich mag Dinge, die perfekt sind. Auch ich will etwas schaffen, das die Zeit überdauert. Ich will Teams prägen, an die man sich auch später noch erinnert. Wegwerfmentalität und Eintagsfliegen mag ich nicht.» Das gilt auch in der Beziehung.

Seine heutige Frau Santi Wibowo, eine in Genf aufgewachsene Indonesierin, lernte Suter an den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta kennen. Die Liebesgeschichte zwischen der langjährigen Nummer 1 im Schweizer Badminton und dem Handballer ging aber erst zwei Jahre später los. «Dazwischen haben wir uns Briefe geschrieben – ja, das hat man damals noch gemacht.» Heute leben sie in der Nähe von Winterthur, haben drei Kinder zwischen Zehn und Sechs, die mit der Mutter Französisch, mit den Grosseltern Indonesisch und mit dem Vater Deutsch reden.

Michael Suter mit seinen drei Kindern anlässlich eines Länderspiels.

Michael Suter mit seinen drei Kindern anlässlich eines Länderspiels.

Die Schweiz zu vertreten: Eine grosse Verantwortung für Suter

Es ist 2016, als auch der letzte im Verband realisiert: So kann es nicht weitergehen. Selbst die renommiertesten Trainer wie Goran Perkovac oder der Deutsche Rolf Brack, in seiner Heimat der «Handball-Professor», scheiterten beim Versuch, das A-Nationalteam wiederzubeleben. «Suter mit den Jungen» lautete schon früher Pascal Jennys Leitsatz. Aber erst am Tiefpunkt findet der frühere Nationalspieler und heutige Tourismusdirektor von Arosa und Vizepräsident des Handballverbands mit seiner Idee eine Mehrheit.

Michael Suter bei seiner Vorstellung im Frühling 2016 als neuer Nationaltrainer der Schweizer Handballer

Michael Suter bei seiner Vorstellung im Frühling 2016 als neuer Nationaltrainer der Schweizer Handballer

Trotz der sportlichen Tristesse empfindet Suter die Beförderung zum A-Nationaltrainer als riesen Ding. Er nehme es als grosse Verantwortung wahr, die Schweiz zu vertreten. Auch wenn Handball nicht die Schweizer Hauptsportart ist. Und trotz der Unerfahrenheit und Jugendlichkeit seiner Mannschaft formuliert er ambitionierte Ziele: 2020 bei der EM dabei zu sein und mit der Nati statt Turnhallen Eishockeyarenen zu füllen. Nur wenige Monate danach schauen sich 10'000 Zuschauer im Hallenstadion die Partie gegen Deutschland an. Und SRF 2 überträgt live.

Aber bis etwas Zählbares resultiert, dauert es. Heute sagt er: «Wir wären auch auf dem richtigen Weg gewesen, wenn wir die Qualifikation für die EM nicht geschafft hätten. Aber jetzt ist die positive Entwicklung quasi amtlich.» Und weil ihn langfristige Projekte faszinieren, hat er jüngst seinen Vertrag bis 2024 verlängert. Also bis zu den übernächsten Olympischen Spielen. «Um uns für Paris zu qualifizieren, müssten wir unter den Top 5 Europas sein. Aber es bringt nichts, jetzt schon über Olympia zu reden. Das würde alles nur komplizierter machen. Was aber nicht bedeutet, dass wir nicht die höchsten Ziele anpeilen. Nur machen wir das auf die gutschweizerische Art. Wir wollen ohne grosse Worte über uns hinaus wachsen.» Was natürlich auch für diese EM gilt.

Hat an der EM grosse Ziele: Nationaltrainer Michael Suter

Hat an der EM grosse Ziele: Nationaltrainer Michael Suter

Eineinhalb Stunden nachdem er nach Hause zu den Kindern hetzte, schreibt Suter per WhatsApp: «Sorry für den abrupten Abgang. Rufen Sie mich an, wenn Sie noch etwas brauchen.» Ich: «Kein Problem. Hoffe, die Kinder mussten nicht zu lange warten.» Suter: «Gab Bratwurst halt eine Viertelstunde später…und mein Sohn war bei den Nachbarn.»

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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