In der Wirtschaft boomt das Geschäft mit mentalem Training. Viele Sportpsychologen haben sich deshalb ein zweites berufliches Standbein aufgebaut und subventionieren ihre Kerntätigkeit quer. Im Sport diktieren die knapper werdenden finanziellen Ressourcen der Verbände das Tätigkeitsfeld. Der Markt ist überschaubar. Um darin zu bestehen, muss der Psychologe nicht nur in die Köpfe der Sportler, sondern immer mehr auch in jene der Funktionäre vordringen.

Zufriedene Kunden sind die beste Werbung. Dies gilt speziell auch für die angewandte Sportpsychologie. Sagt der deutsche Leichtathletik-Weltmeister Robert Harting, «im Sport ist 90 Prozent mental, der Rest ist Kopfsache» oder beantwortet der Schweizer Serien-Olympiassieger Simon Ammann die Frage, wie viel sich beim Skispringen im Kopf abspielt, mit der Feststellung, «die Frage ist vielleicht eher, wie viel anderes noch dabei ist», tauchen diese Sätze schnell einmal in Beiträgen über erfolgreiches Mentaltraining auf. Denn in der Regel kämpfen die Sportpsychologen mit anderen Schwierigkeiten.

Hemmungen bei Athleten ...

Ihr Metier ist eine diskrete Angelegenheit, ihr Anteil am Erfolg in Zahlen nicht messbar. Das Berufsethos verbietet es, mit der prominenten Kundschaft öffentlich zu hausieren. Welcher Sieg dank welchem mentalen Beistand zustande kam, ist statistisch nicht erfasst und wird selten kundgetan. Die Hemmschwelle der Athleten bleibt hoch. Zu sehr lastet das Dogma von Krankheit über der Psychologie. Der Gang zum Mentaltrainer gilt noch immer als Eingeständnis von Schwäche. Und Schwächen darf sich der Spitzensportler nicht erlauben.

Oft wird mentale Hilfe von den Athleten dann in Anspruch genommen, wenn sie in einer Krise stecken, ihre Leistung nicht mehr bringen. Dabei verfolgt die angewandte Sportpsychologie primär ein anderes Ziel: «Wir sind nicht in erster Linie dazu da, um Athleten aus Krisen zu führen, sondern um erfolgreiche Sportler noch erfolgreicher zu machen», sagt der Stüssliger Sportpsychologe Jörg Wetzel. «Ich möchte den Athleten die nötigen Kompetenzen vermitteln, dass sie ihre persönliche Bestleistung erreichen können», ergänzt der Westschweizer Alexandre Etter.

... und Spardruck bei Funktionären

Der Weg der Sportpsychologie, um ihre Dienste erfolgreich anzubieten, ist nicht einfacher geworden. Denn der Sport-Dachverband Swiss Olympic hat 2014 seine Strategie geändert und das Förderkonzept für die Verbände umgebaut. Anstatt projektbezogener Beiträge spricht er neu Globalbudgets – je nach Bedeutung und Erfolge der einzelnen Sportverbände. Diese entscheiden dann autonom, wo und wie die Gelder eingesetzt werden.

«Was derzeit läuft, ist für die Sportpsychologie sehr ernüchternd. Die heutige Situation ist ein Rückschritt», sagt Jörg Wetzel, der für Swiss Olympic mehrmals als Psychologe bei Olympischen Spielen im Einsatz stand. Seit den Winterspielen 2006 in Turin gehört ein Sportpsychologe zur offiziellen Delegation von Swiss Olympic. «Wir haben im Sport ganz einfach ein Geldproblem. Gute Sportpsychologie hat seinen Preis und ist für die Verbände oft zu teuer.» Als Konsequenz hätten andere Nationen die Schweiz in den letzten Jahren beim Angebot der angewandten Sportpsychologie überholt, behauptet Wetzel.

Hanspeter Gubelmann hilft Simon Ammann.

Hanspeter Gubelmann hilft Simon Ammann.

Zwar bleiben Massnahmen im Mentaltraining dank erfolgreicher Lobbyarbeit der Swiss Association of Sport Psychologie (SASP) der einzige Bereich in der Unterstützung der Sportverbände, in welcher Swiss Olympic weiterhin direkt Gelder spricht. Damit unterstreiche man die Wichtigkeit der Sportpsychologie, heisst es beim Dachverband. Doch weil Swiss Olympic mit Projektanträgen geradezu überrannt wurde, muss er sich aus Kostengründen auf die Ausrichtung von sogenannten Einzelmassnahmen – maximale Beiträge in der Höhe von 1000 Franken pro Jahr und Athlet – zuhanden eines beschränkten Kreises von Elitesportlern beschränken.

Sportpsychologe als Konkurrent

Über die Zusammenarbeit mit Sportpsychologen für ein Team oder ein ganzes Kader und die begleitete Vorbereitung auf einen Grossanlass entscheidet nun der einzelne Sportverband. Genauer dessen unter Spardruck leidendes Budget. «Und wenn man den Skitrainer fragt, ob er in der Saisonvorbereitung eher ein Trainingslager in Südamerika oder die Begleitung durch einen Sportpsychologen wünscht, dann wird er sich für die Reise nach Südamerika entscheiden.

Denn dort ist der Effekt für ihn messbarer», sagt Hanspeter Gubelmann. Kommt dazu, dass vor allem ausländische Trainer den Einfluss des Sportpsychologen oft nicht als Chance, sondern als Einschnitt in die Beziehung zwischen Athlet und Trainer betrachten. «Vielleicht stecken dahinter aber auch Befürchtungen, dass etwas zu-
tage kommt, was nicht gut ist», sagt Gubelmann und verweist auf die Schilderungen von Ariella Käslin über die früheren Zustände im Nationalkader der Kunstturnerinnen.

Jörg Wetzel arbeitet unter anderem mit Moto2-Fahrer Tom Lüthi zusammen.

Jörg Wetzel arbeitet unter anderem mit Moto2-Fahrer Tom Lüthi zusammen.

Gubelmann ärgert sich auch über Aussagen von Funktionären, dass es die angewandte Sportpsychologie in den letzten zehn Jahren verpasst habe, ihre Wirksamkeit nachzuweisen. Sie basiere eben nicht auf exakt wissenschaftlichen, sondern primär sozial- und geisteswissenschaftlichen Theorien. Deren Kernthemen wie das Erreichen des optimalen Leistungszustandes, das Erarbeiten von Automatismen, der Aufbau von Selbstvertrauen und Konzentrationsfähigkeit oder der Umgang mit Stress und Emotionen sind nicht als Prozentzahlen im Erfolgspuzzle des Athleten messbar. «Aber letztlich für den sportlichen Erfolg entscheidend», sagt Gubelmann.

Neue Organisation auch im Baspo

In die Köpfe der Sportfunktionäre an den Hebeln der Macht müssen die Psychologen derzeit auch beim Bundesamt für Sport (Baspo) vordringen. Dort plant man im Sog der aktuellen Umwälzungen im Schweizer Sport die «Fachgruppe Mentale Stärke», in welcher sich 15 Fachleute mit den psychologischen Aspekten des Spitzensports beschäftigen, wegzurationalisieren. Gubelmanns Berufskollege Daniel Birrer sieht in der wahrscheinlichen Auflösung der Fachgruppe, welcher er vorsitzt, nicht unbedingt eine Schwächung.

Der Leiter des Fachbereichs Sportpsychologie an der Eidgenössischen Hochschule für Sport im Baspo sagt, die Fachgruppe habe zu viele Aufgaben unter einen Hut bringen müssen. «Vielleicht braucht es für eine wirkungsvolle Arbeit ein anderes Management, andere Instrumente und andere Gremien. Dies prüfen wir zurzeit.» Er habe in seiner Funktion im Gegensatz zu SASP-Verbandspräsident Gubelmann eine andere Perspektive. «Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht nicht der Sportpsychologe, sondern der Sport. Wir brauchen Trainer und Athleten, die mental stark sind.»

Auch Birrer gibt zu bedenken, dass der Sport für die Psychologie stets ein Nischenprodukt bleiben werde. «Der Markt ist begrenzt und zudem ist das System Spitzensport defizitär. Deshalb sei die Anzahl jener, die ihre Dienste im Leistungssport professionell anbieten, überschaubar. Was allerdings die Wichtigkeit dieser Facharbeit nicht einschränke. «Im mentalen Bereich wird bei Athleten und Trainer noch immer viel falsch gemacht. Deshalb braucht es unsere Arbeit.»

Bleibt als Gretchenfrage, wie sportpsychologische Leistungen im Spitzensport besser beworben werden können. «Sportpsychologen müssen sich vermehrt Gedanken darüber machen, wie sie sich zukünftig besser im Anwendungsfeld Sport positionieren – auch in der Konkurrenzsituation zu anderen sportnahen Anbietern wie etwa Sportwissenschaftern, Mentaltrainern oder Kinesiologen», schreibt Hanspeter Gubelmann im Fachorgan.

Die SASP lanciert auf Anfang 2016 eine neuartige Onlineplattform. Auf «die-sportpsychologen.ch» werden führende Köpfe Informationen und einen Wissenstransfer für verschiedene interessierte Kreise anbieten. «Wir wollen in Zukunft viel mehr informieren und in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden als bisher», sagt Gubelmann. Schliesslich geht es um die eigenen Errungenschaften.