Mein Weg nach Tokio
Nicola Spirig in Olympia-Serie: «Ich merke, dass ich jetzt sehr konsequent bin – aber Schokolade oder ein Nussgipfel liegt drin»

Triathletin Nicola Spirig ist eine von nur vier Schweizerinnen, die an Olympischen Sommerspielen eine Goldmedaille gewinnen konnten. Hier erzählt die 39-Jährige regelmässig exklusiv, was sie in den letzten Wochen vor ihrer fünften Olympia-Teilnahme in Tokio beschäftigt.

Nicola Spirig
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Nicola Spirig steht vor ihren fünften Olympischen Spielen.

Nicola Spirig steht vor ihren fünften Olympischen Spielen.

CH Media

Meine Vorbereitung auf die Olympischen Spiele geht in die entscheidende Phase, und ich merke, dass ich jetzt in allem, was ich tue noch eine Spur seriöser und konsequenter und zu hundert Prozent darauf fokussiert bin. Beispielsweise achte ich darauf, dass ich den Multivitamin-Mix, den ich nutze, nicht vergesse, was sonst im Alltag gerne einmal untergehen kann. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich gross einschränken muss. Die Hauptmahlzeiten sind gesund, aber zwischendurch ein Stück Schokolade oder ein Nussgipfel liegen immer drin. Vor dem Training esse ich ab und zu ein Stück Schokolade, die gut verträglich ist und sofort Energie gibt, die ich im Training wieder verbrauche.

Einen Ernährungsplan habe ich aber nicht, ich esse mehr oder weniger nach Lust und Laune. Wichtiger ist das Körpergefühl, und das ist derzeit sehr gut. Ich spüre, dass ich in eine Phase komme, in der ich sehr fit bin, und in der mein Körper sehr viel leisten kann. Meine Basis ist so gut, dass ich auch an einem schlechteren Tag noch ein gutes Training absolvieren kann, und das ist natürlich ein sehr positives Gefühl. Vor den Olympischen Spielen in London und Rio de Janeiro war das ähnlich. Damals habe ich zu meinem Mann Reto einmal gesagt: «Es ist wie in einem Computer-Spiel. Manchmal denke ich nach einem harten Training, ‹Game over, jetzt bin ich kaputt und nicht mehr›, und dann hast du immer noch ein Leben und der Körper kann trotzdem noch leisten.

Wer wie Nicola Spirig viel trainiert, darf sich auch etwas gönnen: zum Beispiel Schokolade oder einen Nussgipfel.

Wer wie Nicola Spirig viel trainiert, darf sich auch etwas gönnen: zum Beispiel Schokolade oder einen Nussgipfel.

Keystone

Müde zu sein, ist ein Dauerzustand

Ganz so schlimm, wie das klingt, ist es natürlich nicht. Aber müde zu sein, ist in dieser Phase für mich ein Dauerzustand. Ich bin nie ausgeruht und bin immer müde vom vorherigen Tag. Ausgeruht zu sein, ist ein Zustand, den es nicht mehr gibt. Mein Trainer Brett Sutton vergleicht das mit einer Batterie, die nie vollständig aufgeladen ist, die man aber schnell wieder aufladen kann. Und voll aufgeladen sein muss diese Batterie erst bei den Olympischen Spielen. Mental ist das manchmal eine Herausforderung, weil ich in diese Phase keine persönlichen Bestleistungen abrufen kann, und nie das Gefühl habe, ich sei ausgeruht und könne im Training die beste Leistung bringen. Mir hilft aber, dass ich diesen Zustand bereits kenne.

Deshalb kann ich auch den vierten Platz bei den Super-Sprint-EM in Kitzbühel einordnen: Erstens habe ich an den Wettkampftagen auch noch jeweils drei Trainings absolviert, zweitens ging ich in der Qualifikation wie vorgesehen mehr an die Grenzen, als es für ein gutes Resultat notwendig gewesen wäre, und habe dadurch Energie verbraucht, und drittens war die Distanz (500 Meter Schwimmen, 12 Kilometer auf dem Rad, 3 Kilometer Laufsprint) nicht auf meine Stärken ausgelegt. Natürlich hätte ich trotzdem gerne eine Medaille geholt, aber an diesem Tag hatte ich die Schnelligkeit nicht. Und unter diesen Gesichtspunkten war es ein guter Wettkampf.

Bei der Super-Sprint-EM in Kitzbühel hatte Spirig den Auftrag ihres Trainers, Brett Sutton, auf dem Fahrrad an die Grenzen zu gehen.

Bei der Super-Sprint-EM in Kitzbühel hatte Spirig den Auftrag ihres Trainers, Brett Sutton, auf dem Fahrrad an die Grenzen zu gehen.

Expa/Johann Groder / APA/APA

Die vergangene Woche trainierte ich in St. Moritz, am Freitag fuhr ich nach Walchsee, wo ich einen Halb-Ironman (1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Rad, 21,1 Kilometer Rennen) bestreite. Auch das ist Teil der Vorbereitung, den Trainingsumfang reduzierte ich nicht. Ich werde dort mit dem Strassenvelo fahren, während die Langdistanz-Triathleten mit dem Zeitfahrvelo antreten. Während das Rennen in Kitzbühel für mich zu kurz war, ist jenes in Walchsee eigentlich zu lang. Das macht aber Sinn, und ist nichts Neues. Schon vor den letzten Olympischen Spielen habe ich längere Rennen absolviert. Sie geben mir die nötige Ausdauer. Denn in Tokio muss ich am Schluss der zehn Kilometer noch stark laufen können.