Admir Mehmedi ist in Form. Beruflich und privat. Nach einer schwierigen ersten Saison hat er bei Bayer Leverkusen Tritt gefasst und sich in der Schweizer Nati zu einem unverzichtbaren Wert entwickelt. Weil bei ihm aber das Klappern nicht zum Handwerk gehört, wird er von manchen noch immer etwas unterschätzt. Dabei spielt der 25-jährige Winterthurer konstant auf hohem Niveau; in der Bundesliga, in der Champions League und in der Nati. Frisch vermählt, wirkt der Offensivspieler vor seinem 48. Länderspiel reifer und ausgeglichener denn je.

Admir Mehmedi, Sie fliegen heute mit der Nati nach Ungarn. Was kommt am Freitag auf Sie zu?

Ein starker Gegner, der bei der EM den Achtelfinal erreicht hat und dann gegen Belgien ausgeschieden ist. So komisch es klingen mag: Für uns wird dieses Spiel schwieriger als jenes gegen Portugal. Da wusste jeder, dass es gegen den Europameister geht. Wir dürfen jetzt auf keinen Fall nachlassen. Zumal mit Xhaka in Budapest ein sehr wichtiger Spieler fehlt. 1:1 können wir ihn nicht ersetzen, wir müssen das im Kollektiv hinkriegen. Es ist eine sehr wichtige Partie. Wenn wir gewinnen, können wir einen riesigen Schritt in Richtung WM machen.

Bleiben wir noch einen Moment beim Spiel gegen Portugal und beim Tor zum 2:0. Nachdem Sie von Seferovic den Ball bekommen hatten …

… traf ich ihn super …

... Sie jubelten aber überhaupt nicht, als er im Netz lag. Die Schweiz erlegt den Europameister, Sie schiessen ein wichtiges Tor und jubeln nicht!

Ich kann allgemein nicht so gut jubeln, bin nicht der Jubelmeister. Mit ein Grund war, dass ich müde war …

Das Jubeln könnte Ihnen ganz leicht Ihr Leverkusener Teamkollege Chicharito beibringen.

Oh ja, der weiss, wie man das macht. Aber ich bin nun halt keiner, der viele Emotionen zeigt.

War das auch bei der Heirat so?

Nein, da war ich tatsächlich sehr nervös. Ich hätte nie gedacht, dass ich so nervös sein könnte.

Aber jetzt passt alles.

Seit der Hochzeit im Sommer läuft es super. Privat geht es mir sehr gut. Seit ich verheiratet bin, bin ich zwar kein anderer Mensch, aber viel ausgeglichener. Bei meinem Klub läuft es mir seit Wochen ebenfalls ausgezeichnet.

Durchleben Sie gerade die beste Phase Ihrer bisherigen Karriere?

Ja, ich würde schon sagen. Das Gute ist, dass ich gute wie auch schlechte Zeiten erlebt habe. Ich weiss, dass ich mich nicht zurücklehnen darf.

Hat Ihnen die gute EM geholfen, Ihr Standing bei Ihrem Verein und Trainer Roger Schmidt zu erhöhen?

Das kann sein. Aber ich denke, dass ich meine tolle Form vor allem der guten Vorbereitung verdanke, die ich mit Leverkusen gemacht habe. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich plötzlich wieder spiele. Und auch gut spiele. Ich musste mir alles hart erarbeiten.

Haben Sie nach der enttäuschenden letzten Saison über einen Vereinswechsel nachgedacht?

Natürlich macht man sich ab und zu seine Gedanken. Es war aber überhaupt nicht so, dass ich um jeden Preis wegwollte. Ich habe mittlerweile viele Freunde in Düsseldorf und Leverkusen. Ich fühle mich auch ausserhalb des Platzes gut. Und Bayer Leverkusen ist ja auch ein attraktiver Klub mit sehr hohem Ansehen.

Was hat Sie zum Bleiben bewegt?

Es gibt viele Spieler, die dem Trainer die Schuld geben, wenn sie nicht spielen. Ich habe mich auch hinterfragt, was falsch gelaufen ist. Ich habe sicherlich nicht die beste Leistung erbracht. Es wurde mir klar im Kopf, dass es an mir liegt, ob ich auf dem Platz stehe oder nicht. Viele geben in einer solchen Situation auf. Ich habe mich explizit damit befasst, was ich ändern muss.

Was denn?

Ich musste mich anders präsentieren. Auch im Training. So, wie es Trainer Schmidt eben verlangt. Er will einen anderen Fussball, einen aggressiven Stil, Pressing halt. Ich wusste, dass ich mich in diesem Bereich verbessern musste. Das habe ich entsprechend versucht. Es lief gut in der Vorbereitung.

Sie laufen extrem viel und arbeiten wie verrückt nach hinten. Haben Sie sich auch schon mal Gedanken darüber gemacht, dies etwas weniger intensiv zu tun, um dann vorne, wenn es ums Toreschiessen geht, frischer und konzentrierter zu sein?

Das könnte ich natürlich machen. Und es könnte sein, dass ich dann das eine oder andere Tor mehr erzielen würde. Aber das ist nicht mein Stil. Bei den Junioren war es noch anders. Da war ich eher der Regisseur und auch etwas dicker. Aber jetzt mache ich es gern, das Laufen und Grätschen. Ich investiere lieber in diese Belange als in den fotogenen Torjubel …

Wie weit laufen Sie denn in einem Spiel?

Zuletzt gegen Dortmund waren es 13 Kilometer (Mehmedi war der Laufstärkste seines Teams; die Red.). Ich bin
topfit und in einer super Verfassung. Auch dank der EM und der EM-Vorbereitung. Wir hatten mit Konditionstrainer Olivier Riedwyl sehr gut gearbeitet.

In diesem Trainingslager in Lugano ging es aber längst nicht nur um die Kondition. Es heisst, es sei sehr wichtig gewesen für den Geist dieser Mannschaft und ihr Sozialleben.

Wir hatten zuvor in den Testspielen gegen Irland und Bosnien eine Phase gehabt, während der es nicht gut aussah. Wir waren vor der Europameisterschaft ein bisschen down. Das EM-Trainingslager in Lugano hat uns als Mannschaft dann sehr stark zusammengeschweisst. Auch ausserhalb des Platzes. Wir hatten ein super Trainingslager und sprachen auch Dinge an, die vielleicht nicht so gut waren.

Worum ging es da?

Dass wir kompakter auftreten müssen, keine Einzelkämpfer sein dürfen, sondern als Mannschaft zusammenhalten müssen.

Ging es auch um Zwischenmenschliches?

In diesem Bereich hatten wir nie wirklich Probleme. Wir verstanden uns immer gut. Mit Behrami, Fernandes, Lichtsteiner und Dzemaili haben wir erfahrene Spieler, die auch mal den einen oder anderen rausnehmen und ihm sagen, dies und das müsse er anders machen. Wir haben eine gute Mischung zwischen jungen und erfahrenen Spielern. Auch ganz jungen, die wie Elvedi im Ausland schon auf einem hohen Niveau spielen.

Sprechen auch Sie mit den Jungen?

Weniger. Das sollen jene machen, die länger dabei sind als ich. Wenn diese sich einen Jungen zur Brust nehmen, zeigt es Wirkung. Aber wenn jemand Rat von mir will, verschliesse ich mich selbstverständlich nicht.

Wäre es für das Mannschaftsleben, für die soziale Konstellation, schlecht gewesen, wenn Inler wieder zur Mannschaft gestossen wäre?

Das weiss ich nicht. Zum Glück bin ich nicht Nationaltrainer. Was ich aber weiss: Zum Abschluss meiner Karriere werde ich noch ein Jahr beim FC Winterthur spielen. Bei diesem habe ich bis zur U15 gespielt. Ich bin in Winterthur aufgewachsen, meine Familie lebt da und ich fühle mich in der Stadt wohl.