Maurizio Jacobacci als Trainer mit Lugano im Hoch – doch das war nicht immer so: «Ich habe sogar Spieler massiert»

Maurizio Jacobacci spricht über seine Ochsentour als Fussballtrainer, verkohlte Spiegeleier, Christian Constantin und den erfolgreichen Weg mit seinem aktuellen Arbeitgeber FC Lugano.

François Schmid-Bechtel
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Trainer Maurizio Jacobacci ist mit Lugano seit 13 Partien ungeschlagen.

Trainer Maurizio Jacobacci ist mit Lugano seit 13 Partien ungeschlagen.

Bild: Keystone

Maurizio Jacobacci? War mal ein guter Stürmer. Und dann? Trainer in unteren Ligen. Erfolgreich. Aber nicht im Scheinwerferlicht der grossen Klubs, sondern in Baden, in Mendrisio, in Schaffhausen oder in Kriens. Er musste 55 werden, ehe er erstmals eine Chance in der Super League erhielt. Dass er lange der meistunterschätzte Fussballtrainer der Schweiz war, beweist er seit einem Jahr in Lugano. In dieser Zeit hat er weniger Spiele verloren als Meistertrainer Gerardo Seoane mit YB.

Es kursiert eine Anekdote von 1989: Vor dem Uefa-Cup-Rückspiel mit Wettingen in Neapel sollen Sie sich geweigert haben, in den Bus einzusteigen, weil Sie nicht für die Startformation vorgesehen waren.

Maurizio Jacobacci: Ich habe mich nicht ins Zimmer eingeschlossen, sondern kam leicht verspätet zum Bus. Meine Familie stammt aus Süditalien. Viele Verwandte waren im Stadion. Und da hätte ich mir schon gewünscht, spielen zu dürfen. An meiner Stelle spielte Roland Häusermann. Eine taktische Massnahme. Er sollte Diego Maradona kontrollieren. Besonders bitter für mich: Maradona spielte gar nicht.

Sie erzielten knapp 100 Tore in der Nationalliga A. Aber ein Länderspiel haben Sie nie bestritten.

Ganz einfach, weil ich bis heute nicht den Schweizer Pass habe.

Warum?

Ich wollte nicht ins Militär. Damals gab es noch keine Sportler-RS. Und ich hatte lange Haare. Diese zu schneiden kam nicht in Frage. Heute würde ich anders entscheiden. Denn der Fussballverband hat mich einige Male darum gebeten, mich einbürgern zu lassen.

Waren Sie ein Nonkonformist?

Nein. Aber ich wollte meine Chance bei YB unbedingt nutzen. Die RS hätte mich mindestens ein halbes Jahr in der fussballerischen Entwicklung gekostet. In nächster Zeit möchte ich mich gerne einbürgern lassen.

Warum jetzt?

Als ich 2016 von Innsbruck verpflichtet worden bin, wurde mir vor Augen gehalten, welche Vorteile ein Schweizer Pass für mich hätte. Ich besitze eine C-Aufenthaltsbewilligung. Das heisst: Melde ich mich für ein Jahr in der Schweiz ab, verliere ich meinen Status. Ich könnte schon zurückkehren, hätte aber nur noch die B-Aufenthaltsbewilligung. Als Fussballtrainer ist das so eine Sache. Da muss man damit rechnen, dass man auch mal ein paar Monate keinen Job hat. In diesem Fall müsste ich das Land, in dem ich geboren wurde, wo meine Kinder und Enkelkinder leben, wieder verlassen.

Neben dem FC Vaduz (06/07) war die Station in Österreich bei Wacker Innsbruck (16/17) seine bisher einzige im Ausland.

Neben dem FC Vaduz (06/07) war die Station in Österreich bei Wacker Innsbruck (16/17) seine bisher einzige im Ausland.

Bild: Freshfocus

Hatten Sie je Existenzängste?

Nein. Es ist nicht schön, wenn man sich auf der Arbeitslosenkasse anmelden muss. Aber ich habe stets versucht, so schnell wie möglich wieder einen Trainerjob zu finden.

Als Spieler waren Sie in neun, als Trainer in 15 Klubs engagiert.

Ja, ich kenne die Schweiz ziemlich gut.

Zur Person

25 Jahre, 15 Trainerstationen

Zwischen Origlio und Lugano liegen ­keine 10 Kilometer. Aber aus der Optik von Maurizio Jacobacci sind es 15 Trainerstationen. In Origlio startete er vor 25 Jahren seine Karriere als Coach in der 3. Liga. Davor war er ein sehr guter NLA-Stürmer. Karrierehöhepunkte: Meistertitel mit Xamax, Torschütze beim 2:0-Sieg der Neuenburger gegen Real Madrid und Uefa-Cup-Teilnahme mit Wettingen gegen Maradonas Napoli. Jacobacci ist in Bern aufgewachsen und hat zwei erwachsene Kinder. Der 57-Jährige lebt mit Ilona Hug,
der Witwe von Kickboxer Andy Hug, in Zug. (fsc)

Bedauern Sie, dass Sie schon mit 20 YB verlassen haben und nie mehr zurückgekehrt sind, also keine Spuren hinterlassen haben?

Keine Spuren hinterlassen stimmt so nicht. Aber für meine Entwicklung war es gut, mit 20 zu Vevey Sports zu wechseln und erstmals auf den eigenen Füssen zu stehen. Ich weiss noch, wie ich das erste Mal gekocht habe – Spiegelei. Leider habe ich nicht gewusst, dass man vorher Öl in die Pfanne geben sollte.

Vevey Sports war damals ein NLA-Klub. Wie viel haben Sie verdient?

Etwa 4000 Franken.

Danach spielten Sie drei Jahre beim damaligen Topklub Xamax. Legendär ist der 2:0-Sieg im Uefa-Cup gegen Real Madrid. Ein Tor haben Sie erzielt, das andere vorbereitet. Ich kann mir vorstellen, dass Sie ein reicher Mann geworden sind.

Nein, vergessen Sie es. Auch dort hatte ich einen Grundlohn von 4000 Franken. Mit Prämien kam ich vielleicht auf maximal 9000 Franken.

In den wilden Jahren keinen Porsche gekauft?

Nein, wo denken Sie hin. Ich musste 53 werden, ehe ich mir einen Porsche geleistet habe.

Sie mussten nach dem Ende Ihrer Profikarriere vor 25 Jahren arbeiten, um die Familie mit zwei Kindern zu ernähren.

Ja. Und das ist bis heute so geblieben. Es gibt Trainer, die sehr gut verdienen und sich auch mal eine längere Auszeit leisten können. Ich bin noch nicht in dieser Kategorie, will mich aber nicht beklagen. Ich bin sehr dankbar, dass ich nach etwas mehr als 20 Jahren – die meisten davon in der Challenge League – einen Super-League-Klub trainieren kann.

Drei Jahre lang war Jacobacci beim SC Kriens engagiert. Hier 2009 vor dem Cup-Viertelfinal gegen den FC Thun. Kriens siegte 2:1, schied aber im Halbfinal gegen Basel aus.

Drei Jahre lang war Jacobacci beim SC Kriens engagiert. Hier 2009 vor dem Cup-Viertelfinal gegen den FC Thun. Kriens siegte 2:1, schied aber im Halbfinal gegen Basel aus.

Roger Zbinden (neue Lz) / Neue Luzerner Zeitung

Haben Sie je gehadert, weil immer wieder andere Trainer eine Chance in der Super League erhielten?

Man macht sich schon Gedanken. Aber ich bin froh um meinen Weg, der zwar hart, aber auch lehrreich war. Am Anfang gab es Stationen, da war ich für alles zuständig und habe sogar die Spieler massiert. Oder in Schaffhausen: Da war ich Trainer, Konditionstrainer und Sportchef zugleich. Ich habe vieles alleine gemacht: Spieler verpflichtet, Spieler betreut, Spieler trainiert, Spieler gecoacht und wir hatten auch noch sportlichen Erfolg, sind zweimal aufgestiegen. Darauf bin ich stolz.

Warum mussten Sie 55 werden, ehe Sie in Sion erstmals Super-League-Trainer wurden?

Wahrscheinlich hatte ich nicht die beste Lobby.

2008 waren Sie in Sion der Lizenzgeber für Charly Rössli. Eine unbefriedigende Situation. Trotzdem sagten Sie zehn Jahre später wieder zu, als Christian Constantin anfragte.

Beim zweiten Mal habe ich in Sion als U21-Trainer angeheuert, weil es mich gereizt hat. Als es aber in der 1. Mannschaft nicht gut lief, die Trainer Tramezzani und danach Gabri entlassen wurden, bat mich Constantin im Februar 2018, die Profis zu übernehmen. Sion war Letzter und hatte sechs Punkte Rückstand auf Luzern.

Maurizio Jacobacci als Trainer beim FC Sion, den er vor dem Abstieg bewahrt hat.

Maurizio Jacobacci als Trainer beim FC Sion, den er vor dem Abstieg bewahrt hat.

Bild: Ralph Ribi

Sie retteten Sion, führten den Klub auf Platz 6 und bekamen von Constantin zu hören, geldgierig und überheblich zu sein.

Hören Sie: Als Constantin mich fragte, ob ich die Profis übernehmen wolle, willigte ich ein, ohne über Geld zu reden. Ich habe weiter für den Lohn als U21-Trainer gearbeitet. Eine Prämie für den Klassenerhalt erhielt ich auch nicht, weil vertraglich nichts festgehalten war.

Aus Dankbarkeit hätte er trotzdem eine zahlen können.

Ja, so etwas würde man wohl grosse Klasse nennen. Schliesslich habe ich einen grossen Beitrag dazu geleistet, dass 30 oder mehr Arbeitsplätze in Sion gerettet werden konnten.

Und dann war wenige Wochen später bereits wieder Schluss. Würden Sie ein drittes Mal unter Constantin im FC Sion arbeiten?

Kein Kommentar.

In Lugano haben Sie mit Angelo Renzetti ebenfalls einen gnadenlosen Präsidenten. Aber irgendwie scheint es zu funktionieren.

Die Resultate stimmen und der wöchentliche Austausch funktioniert.

Und hier können Sie bei der Kaderplanung mitreden?

Eigentlich nicht gross. Es ist hauptsächlich der Präsident, der die Mannschaft zusammenstellt. Und er macht das ja in der Regel gut.

Spüren Sie hier Vertrauen?

Ja, eigentlich schon. Ich weiss aber auch, dass die Stimmung nach negativen Resultaten kippen kann.

Die Zahlen sind beeindruckend, seit Sie vor einem Jahr in Lugano übernommen haben. 13 Spiele ungeschlagen. Seit November 2019 keine Heimniederlage. Von 29 Super-League-Spielen mit Lugano haben Sie nur fünf verloren. Damit überflügeln Sie sogar YB-Trainer Gerardo Seoane, der im gleichen Zeitraum sechsmal verloren hat.

Wir sind solid. Unangenehm für jeden Gegner. Wir zeigen zielstrebigen, vertikalen Fussball. Wir setzen nicht auf Ballbesitz, weil Ballbesitz allein nicht viel bringt. Meine Maxime lautet: Der kürzeste Weg zum Tor ist der beste Weg. Ich habe mich mit den Spielern zu Beginn meiner Arbeit auf drei wesentliche Punkte geeinigt: Wir wollen heimstark sein, wir wollen eine der besten Verteidigungen im Land stellen und wir wollen effizienter sein im Abschluss.

Werden Sie nun an der Zielsetzung etwas ändern?

Wir können zum jetzigen Zeitpunkt kein anderes Ziel verfolgen, als die 39 Punkte zu erreichen, die es für den Klassenerhalt braucht.

Die Rolle, wie sie St. Gallen letzte Saison gespielt hat, liegt nicht drin?

Klar sollten wir auch Ambitionen haben. Aber im Moment denken wir nur an das eine Ziel, und das ist der Klassenerhalt. Wir wollen versuchen, die Serie fortzusetzen und das Momentum zu nutzen. Wir müssen demütig bleiben und dürfen nicht vergessen, wie wir das erreicht haben, was wir bis jetzt haben.

Sehen das alle auch so im Verein?

Ja, ich glaube schon.