Von einer Sekunde auf die andere ist alles anders. Nun geht es nicht mehr um Fragen, wie gut der König in Form ist. Warum Matthias Glarner (31) als König diese Saison noch kein Fest gewonnen hat. Nun geht es nur noch darum, wann der Berner Oberländer wieder ganz gesund sein wird. Der Unfall ereignet sich gestern kurz nach 8 Uhr. Um 14.24 Uhr meldet «Die Nordwestschweiz» den Sturz von der Gondel exklusiv, kurz vor 15 Uhr folgt die offizielle Meldung:

Matthias Glarner verunfallt

Der amtierende Schwingerkönig Matthias Glarner hat sich bei einem Arbeitsunfall Brüche am Fuss und am Beckenring zugezogen. Er wird heute noch im Inselspital von einem spezialisierten Orthopädie-Team operiert.

Matthias Glarner ist heute Morgen während der Arbeit zwölf Meter in die Tiefe gestürzt. Er wurde ins Universitäre Notfallzentrum des Inselspitals gebracht. Dort wurden schwerere Verletzungen an Fuss und Hüfte diagnostiziert: Eine vordere Beckenringsprengung (Symphysensprengung) und eine schwere Sprunggelenksverletzung. Beide Verletzungen werden heute noch operiert. Die Operation leitet Prof. Dr. med. Klaus Siebenrock, Direktor und Chefarzt der Universitätsklinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie am Inselspital. Der Hüftspezialist stabilisiert die Verletzung am Beckenring. Fuss-Experte PD Dr. med. Fabian Krause, Teamleiter Fuss am Inselspital, versorgt mittels einer Gelenksspiegelung und Schrauben ebenfalls operativ die Sprunggelenksverletzung. Matthias Glarner befindet sich in einem stabilen und allgemein guten Zustand.

Was nicht in der Meldung steht: Nach Aussagen von Augenzeugen stieg der König offenbar für ein cooles Foto auf das Dach der Gondel, ohne sich genügend zu sichern. Manager Beni Knecht bestätigt lediglich, sein Klient sei bei einem Fototermin mit der «Schweizer Illustrierten» aus der Gondelbahn in Brünig-Hasliberg abgestürzt. Die Saison des Königs ist zu Ende. Und im schlimmsten Fall die Karriere. Wenigstens hat er Glück im Unglück gehabt. Die Folgen des Sturzes aus zwölf Metern Höhe hätten viel schlimmer sein können.

Glarners Sieg am Schwingerfest 2016:

Hinter dieser offiziellen Meldung über den tragischen Augenblick im Leben eines Spitzensportlers verbirgt sich eine Geschichte, die viel über eine neue Sport- und Medienwelt sagt. Schwingen ist populär wie nie. Die besten «Bösen» verdienen sechsstellige Summen mit persönlicher Werbung, die seit 2010 erlaubt ist. Die Werbeindustrie investiert jährlich etwas mehr als 1,5 Millionen Franken in die Sägemehl-Titanen.

Glarner nach Sturz schwer verletzt

Glarner nach Sturz schwer verletzt

Fotoshooting in Hasliberg: Der 31-jährige Schwingerkönig stürzte aus einer Gondel rund 12 Meter in die Tiefe. Er zog sich dabei mehrere Brüche zu.

Spezielle Wünsche erfüllen

Der Sauerstoff des Werbebusiness ist Medienpräsenz. Vierfarbige Abbildungen in der «Schweizer Illustrierten» sind überaus geschäftsfördernd. Wenn spezielle Wünsche für spezielle Bilder kommen, sagt keiner ab. Um es drastisch zu formulieren: Der König ist ein Opfer des Kommerzes, des Geldes geworden. Chefredaktor Stefan Regez bestätigt, dass der Unfall «nach einem Fotoshooting» passiert sei. Er drückt sein Bedauern aus und ist zugleich erleichtert, dass die Folgen nicht noch schlimmer sind.

Auf der Gondel Twing-Käserstatt kam es zum Unfall.

Auf der Gondel Twing-Käserstatt kam es zum Unfall.

Der Unfall bringt ihn in eine delikate Lage: Soll er nun in seinem Medium darüber berichten oder nicht? Es gibt ja nur zwei Varianten: Vornehm verschweigen oder ausführlich in Wort und Bild rapportieren. Es mag Zeiten gegeben haben, da hätte es sich ein Chefredaktor erlauben können, zu schweigen. Aber diese gute alte Zeit ist durch den «Medien-Kapitalismus» beendet worden.

Es muss ja nicht gleich sein wie in Billy Wilders bitterbösem Klassiker «Reporter des Satan». In dem preisgekrönten Filmdrama macht ein skrupelloser Reporter, gespielt von Kirk Douglas, das Unglück eines in einer Höhle eingeschlossenen Mannes zu einem Medienspektakel. Ob wir es nun zynisch finden oder nicht – es ist nun mal, wie es ist: der Absturz des Königs der Schwinger aus einer Gondel, dieses Drama in den Bergen um einen der populärsten Einzelsportler des Landes, ist ganz einfach eine zu gute Story.

Zumal Schicksalsgeschichten die DNA der «Schweizer Illustrierten» sind, einem Produkt aus dem Hause Ringier. Und so sagt Stefan Regez: «Ja, wir bringen die Geschichte. Das wird von uns erwartet, nachdem ja bekannt ist, dass der Unfall nach einem Shooting mit uns passiert ist.» Aber leichten Herzens hat er diesen Entscheid offenbar nicht gefällt. Er sagt: «Wir sind uns sehr wohl bewusst, wie heikel diese Angelegenheit ist.» Bilder vom Sturz gebe es keine.

Der ganze Fall wird aber auch Juristen beschäftigen. Der Zuger Rechtsanwalt Reto Steinmann ist spezialisiert auf Arbeits- und Strafrecht. Er sagt: «Auch ohne genaue Kenntnis der Sachlage lässt sich sagen, dass es sich hier um einen heiklen Fall handelt.»

Ein juristisch heikler Fall

Schwingerkönig Matthias Glarner ist beim Betreiber der Bergbahn angestellt, aus der er in die Tiefe gestürzt ist. Steinmann erklärt, bei einem Arbeitsunfall werde offiziell untersucht, ob Sicherheitsvorschriften verletzt worden seien, womöglich fahrlässig. «Ein Sturz aus einer Gondel ist, wenn alle Vorschriften eingehalten worden sind, recht ungewöhnlich.» Es sei nicht einmal sicher, ob die «Schweizer Illustrierte» juristisch aus dem Schneider sei. Stefan Regez sagt wohl nicht zufälligerweise, dass sich der Unfall nach dem Shooting ereignet habe.