Schweiz

Marvin Spielmanns Schuss ins Glück und zum ersten YB-Double nach 62 Jahren

Der Glückspilz: Marvin Spielmann mit der Sandoz-Tropähe.

Der Glückspilz: Marvin Spielmann mit der Sandoz-Tropähe.

Die Berner schlagen den FC Basel im 95. Cupfinal 2:1 und holen zum siebten Mal die Sandoz-Trophäe. Damit ist die Saison 2019/20 nach mehr als 13 Monaten endgültig abgeschlossen. Kurios: Für die Young Boys hat in der letzten Woche mit der Qualifikation zur Champions League die neue Spielzeit schon begonnen.

Eigentlich hat das Drehbuch ja eine andere Geschichte vorgesehen: Kultfigur Guillaume Hoarau wird eingewechselt und für die Young Boys zum umjubelten Matchwinner. So jedenfalls hat es sich Trainer Gerardo Seoane zwei Tage vor dem Spiel ausgemalt. Aber der französische Stürmer, der bei den Bernern keinen neuen Vertrag erhält und nach 82 Minuten eingewechselt wird, trifft drei Minuten später nur den Pfosten. Man denkt: Was ist das bloss für eine schlechte Laune des Fussballgotts!
Doch dieser hat seinen eigenen Plan. Es ist Marvin Spielmann, auch er spät und zusammen mit Hoarau erschienen, der die Geschichte des Tages schreiben darf und sich zum Mann des Spiels schiesst. Ausgerechnet der 24-jährige Solothurner, der vor einem Jahr als Topskorer des FC Thun zu YB gekommen ist, dann aber mit nur einem Tor in 22 Einsätzen in der Super League, vielen Spielen auf der Ersatzbank oder gar auf der Tribüne nahe der Verzweiflung ist und gewiss von einer Saison zum Vergessen gesprochen hätte, wäre ihm nun nicht an diesem vorletzten Augusttag dieser Schuss aus über zwanzig Metern gelungen. Der Schuss ins Glück, der Schuss zum siebten Cupsieg von YB, dem ersten seit 33 Jahren und der Schuss zum ersten Double nach 62 Jahren.

Zehn Minuten nach dem Abpfiff steht er dann zum Interview bereit und man braucht nicht ganz genau hinzuschauen, um zu sehen, wie es in seinen Augen wässrig glitzert. «Ich habe eine ganz schwierige Saison mit vielen Enttäuschungen hinter mir», sagt Spielmann. «Aber ich habe nicht aufgegeben. Und wer nicht aufgibt, bekommt im Leben immer etwas zurück.»

Ein Schuss, den Nikolic hätte halten müssen

Basels Goalie Djordje Nikolic hätte den Schuss zweifellos abwehren müssen und wird nun hören, seinem zu Montpellier abgewanderten Vorgänger Jonas Omlin wäre dies niemals passiert. Aber irgendwie passt dieses Tor halt wie die Faust aufs Auge zu dieser verkorksten Saison des Zirkus Burgener. Es ist ja schon fast ein Wunder, dass diese Mannschaft unter diesen haarsträubenden Umständen, von der Trainerposse um Marcel Koller und Patrick Rahmen im letzten Sommer bis zur Wahl des neuen Trainers Ciriaco Sforza und dem Abgang des brüskierten Alex Frei, dem Meister im Cupfinal bis in die Schlussminuten wenigstens resultatmässig Paroli bieten kann. «Wir sind bestraft worden, weil wir unsere zwei grossen Chancen zuvor nicht genützt haben», sagt Koller nach seinem allerletzten Spiel für den FCB mit dem so bitteren Ausgang.

YB: Eine Ersatzbank vom Feinsten

Gerardo Seoane auf der anderen Seite ist an diesem Abend der weitaus glücklichere Trainer. Zuerst mit YB Meister geworden, und jetzt auch noch das Double geholt, was für eine Bilanz. «Wer eine solche Ersatzbank hat, kann nicht viel falsch machen», sagt der 41-Jährige. Wie wahr: Mit Vincent Sierro, Gianluca Gaudino, Hoarau und Spielmann kann er Akteure einwechseln, die bei keinem anderen Team auf der Bank sässen.
Der Sieg von YB ist am Ende verdient. Durch ein Kopftor von Basel Innenverteidiger Omar Alderet e nach einem Corner vor der Pause in Rückstand geraten, dreht das Heimteam auf dem vertrauten Kunstrasen des Wankdorfstadions danach das Spiel. Super-League-Torschützenkönig Jean-Pierre Nsame schliesst den schönsten Angriff der Partie zum 1:1 ab, ehe in der vorletzten Minute eben dieser Spielmann für die Pointe sorgt.

Es ist das letzte Tor der 95. Austragung des Schweizer Cups. Mehr als drei Monate nach dem ursprünglich dafür vorgesehenen Termin ist dieser Wettbewerb zu Ende und schliesst nach über 13 Monaten die wegen der Coronapandemie so aussergewöhnliche und rekordverdächtig lange Saison 2019/20 ab. Dass der Cupsieger vier Tage zuvor in der Qualifikation zur Champions League bereits in die neue Spielzeit gestartet ist, kann in dieser so chaotischen Spielzeit aber niemanden mehr wirklich überraschen.
Dass die YB-Feierlichkeiten im fast leeren Stadion zwar fröhlich, aber äusserst kurz ausfallen und Captain Fabian Lustenberger es den abtretenden Marco Wölfli und Hoarau überlässt, als erste den Pokal zu stemmen, ist indes kein schlechter Schlusspunkt.

Basel - Young Boys 1:2 (1:0)
Wankdorf, Bern – Sr. Schärer.
Tore: 42. Alderete (Frei) 1:0. 50. Nsame (Aebischer) 1:1. 89. Spielmann (Camara) 1:2.
Basel: Nikolic; Widmer, Van der Werff, Alderete, Petretta; Frei, Marchand (80. Cömert); Stocker (86. Campo), Van Wolfswinkel, Pululu; Ademi.
Young Boys: Von Ballmoos; Lefort, Camara, Lustenberger (49. Zesiger), Garcia (82. Spielmann); Sulejmani (66. Gaudino), Aebischer, Martins (66. Sierro), Moumi Ngamaleu (82. Hoarau); Fassnacht, Nsame.
Bemerkungen: Basel ohne Cabral, Ramires (Quarantäne), Xhaka und Zuffi (beide verletzt). Young Boys ohne Meschack, Lauper und Petignat (alle verletzt). – 85. Kopfball von Hoarau an den Pfosten. – Verwarnungen: 5. Martins (Foul). 12. Widmer (Foul).
62. Marchand (Foul). 68. Ademi (Foul).
69. Garcia (Foul). 74. Moumi Ngamaleu (Reklamieren). 74. Van der Werff (Foul).

Autor

Markus Brütsch

Meistgesehen

Artboard 1