Das graue Entlein. Ein Märchen von Hans Christian Andersen. Es war einmal. So müsste diese Geschichte beginnen. Es war einmal. 1996. Die Chaos-Spiele von Atlanta. Ein schüchternes Mädchen, 15 Jahre alt, sieht mit staunenden Augen in die Welt hinaus. «Mach doch du über die Hingis ein Gschichtli», sagen meine Kollegen.

Ach, ich weiss doch kaum etwas über Tennis. Ich habe lediglich davon gehört, dass eine gewisse Martina Hingis ein Jahrhunderttalent sein soll. Ich habe wieder einmal Glück. Mein Chef ist eine Ikone des Journalismus. Ein Titan des geschriebenen Wortes. Mario Widmer. Er übernimmt den Fall. Erst denke ich, Mario habe eben das Gespür für grosse Geschichten. Ein paar Tage später ahne ich, dass es wohl noch andere Gefühle gibt. Er sitzt ganz verträumt mit Melanie Molitor, Martinas Mutter, auf der Tribüne. Ist da am Ende…? Ja, es ist. Melanie Molitor wird die Lebenspartnerin von Mario Widmer.

Ich habe Martina Hingis damals in Atlanta auf dem Platz gesehen. Sonderlich beeindruckt war ich nicht. Sie ist, soweit ich mich erinnere, in der zweiten Runde gegen eine Japanerin ruhmlos ausgeschieden. Am 31. März 1997 ist sie die jüngste Nummer 1 der Welt.

Die Antwort auf Wilhelm Tell
20 Jahre nach Atlanta sehe ich Martina Hingis wieder beim olympischen Turnier. Ganz im Sinne von Hans Christian Andersen ist aus dem grauen, kleinen olympischen Entlein ein wunderschöner Schwan, eine strahlende, lorbeerumkränzte olympische Königin geworden. Zusammen mit Timea Bacsinszky spielt Martina Hingis heute gegen die Russinnen Jekaterina Makarowa / Jelena Wesnina um Gold.

Rio 2016 sind erst ihre zweiten Spiele nach 1996. 2000, 2004, 2008 und 2012 hat sie ausgelassen oder verpasst, weil sie gerade nicht aktiv war. Zwischen 1996 und 2016 liegt eine grandiose Karriere. Sie stieg zur besten, charismatischsten Spielerin der Welt, ja, zu einer der besten aller Zeiten auf. Zweimal tritt sie zurück. 2003 wegen einer Verletzung und 2007 – wie bitterböse Spötter sagen – wegen einer verschnupften Party-Nase (positiv auf Kokain getestet). Im Juli 2013 kehrt sie zurück und ist mit 35 immer noch die beste Doppel-Spielerin der Welt.

1996 ist so lange her, dass sie sich kaum zu erinnern vermag. «Das ist ja 20 Jahre her!», ruft sie auf eine entsprechende Frage aus. Rio 2016 sei ein ganz anderes Erlebnis. Von den Spielen in Atlanta sind ihr vor allem die langen Busfahrten zu den Tennisplätzen in Erinnerung geblieben.

Im fast dreistündigen Halbfinal-Drama in der Nacht auf gestern wird Hingis sozusagen zur weiblichen Antwort auf Wilhelm Tell. Andrea Hlavackova und Lucie Hradecka haben zwei Matchbälle. Bei der Abwehr des zweiten schlägt Hingis Hlavackova den Filzball ins Gesicht. Die Tschechin sinkt nach diesem «Kopfschuss» zu Boden und muss sich rund zehn Minuten verarzten lassen. Drama. Hlavackova erzählt später: «Ich habe nichts mehr gesehen.» Erst nach zehn Minuten sei das Sehvermögen zurückgekehrt. Aber nicht ganz. «Bis zum Ende des zweiten Satzes habe ich die Bälle doppelt gesehen.»

Es ist die spektakuläre Wende in einem Spiel, das aus Schweizer Sicht verloren schien. Und damit wird dieser Abend vielleicht zum Vorboten eines weiteren Märchens. Mit goldenem Ende.

Bessere Ansicht für PC-Nutzer: Klicken Sie in der Grafik auf dieses Symbol Fullscreen, um die Karte in voller Grösse zu sehen.


Grafik: Elia Diehl

Cartodb: Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro

Eine Anleitung für die interaktive Olympia-Karte finden Sie hier.