Was gibt es Schöneres, als sich mit einem Meistertitel von der grossen Bühne zu verabschieden? Die HC-Davos-Legende Reto von Arx erlebte im Frühling 2015 einen hollywoodreifen Abgang.

Er schoss seinen HCD im fünften Spiel der Finalserie gegen die ZSC Lions zum vierten und entscheidenden Sieg. Mit der Schlusssirene stand damals fest, dass die grosse Karriere des Emmentalers zu Ende geht.

Reto von Arx war zwar nie der Captain des Rekordmeisters, aber während fast zwei Jahrzehnten der Leader, der seine Mannschaft zu insgesamt sechs Meistertiteln führte. Das C auf der Brust benötigte er nicht, um seine Führungsqualitäten auszuspielen. Er war der verlängerte Arm von Trainer Arno Del Curto.

So, wie RvA funktionierte, so funktionierte in der Regel auch das Davoser Team. Und zwar bis zum sportlichen Happyend. Selbst wenn der Emmentaler mit seinen 38 Jahren im Frühling 2015 auf dem Eis nur noch eine Nebenrolle spielte, so war seine schiere Präsenz in der Garderobe Gold wert.

So wurden die Von-Arx-Brüder vom HC Davos verabschiedet:

Seger kämpft sich zurück

Dasselbe lässt sich jetzt, zwei Jahre später, auch von Mathias Seger sagen. Der Captain der ZSC Lions dreht spielerisch in den Reihen seiner Mannschaft nicht mehr am grossen Rad. Während der Saison musste der Verteidiger bisweilen sogar als Stürmer aushelfen, seine Eiszeit überstieg öfter nur noch knapp die Zehnminutenmarke.

Wie bei Reto von Arx konnte man auch hier dem sportlichen Zerfall und der Degradierung einer Legende zusehen. Doch der 39-Jährige hat sich festgebissen, zurück in eine relevantere Rolle gekämpft – und kurz vor dem Startschuss zu den Playoffs gar einen neuen Vertrag für die kommende Saison unterschrieben.

Das Leadership-Vakuum

Auch Mathias Segers Wert lässt sich nicht auf die rein sportlichen Kriterien beschränken. Seger ist in Zürich Oerlikon eine Institution, sein Einfluss in der Kabine unverändert gross. Und vor allem: Es ist weit und breit kein Spieler da, der ein eventuelles Leadership-Vakuum kompensieren könnte.

König der Löwen: Mathias Seger weist seine Teamkollegen zurecht.

König der Löwen: Mathias Seger weist seine Teamkollegen zurecht.

Auch deshalb war es der Lions-Führungsetage letztlich wichtig, dass dieser diffizile Personalentscheid vor dem Startschuss zur entscheidenden Meisterschaftsphase gefällt wird. Unsicherheiten betreffend der Zukunft des Löwenkönigs hätten auch die Mannschaft aus der Balance bringen können. Und das will zum jetzigen Zeitpunkt selbstredend niemand riskieren.

«Eigentlich war schon länger klar, dass ich weitermachen werde. Aber wir haben es jetzt, kurz vor den Playoffs, kommuniziert, damit wir Ruhe haben», sagt Seger, der aber gleichzeitig betont: «Es geht nicht um mich, sondern um das Wohl der Mannschaft.»

Ungewohnte Situation

Das Wohl der Mannschaft ist dem gebürtigen Uzwiler schon immer zuallererst am Herzen gelegen, bei ihm ist das keine Floskel. Kaum ein anderer Spieler in der Schweiz ist derart wichtig für das Innenleben des Teams wie Mathias Seger.

Auch deshalb tut er sich schwer, im Zusammenhang mit seiner lange Zeit ungewissen Zukunft über seine Gefühlswelt zu sprechen. Der sonst so leutselige Lions-Captain wird dann ungewohnt schmallippig: «Letztlich ist das ein Teil des Sportbusiness. Und sobald man in den Playoffs steht, geht es sowieso nur noch darum, was auf dem Eis passiert.»

Seger und seine ZSC Lions wurden 2014 zum letzten Mal Schweizermeister.

Seger und seine ZSC Lions wurden 2014 zum letzten Mal Schweizermeister.

Trotzdem: Für einen Spieler wie Mathias Seger, der sich in den vergangenen 20 Jahren seines Profidaseins nie Gedanken um seine sportliche Zukunft machen musste, war die Situation, so kurz vor dem Auftakt zu den Playoffs noch nicht zu wissen, ob und wie es danach weitergeht, ungewohnt.

Plüss ohne Vertrag für die nächste Saison

Dasselbe gilt für den Mann, bei dem man noch viel weniger erwartet hat, dass es so kommen würde: Berns Captain Martin Plüss. Noch im Januar hätte kaum jemand darauf gewettet, dass beim Playoff-Auftakt Mathias Seger derjenige sein würde, der seine sportliche Zukunft geregelt hat, und Plüss derjenige sein würde, der noch ohne Arbeitgeber für die kommende Saison ist.

Im Gegensatz zu Reto von Arx und zu Mathias Seger ist Martin Plüss auch sportlich noch derart wertvoll, dass man sich das erfolgreiche Berner Ensemble ohne ihn kaum vorzustellen vermag.

Mehr noch: Plüss ist auch mit 39 noch so gut, dass er sogar von Nationaltrainer Patrick Fischer gefragt wurde, ob er sich ein Comeback auf internationaler Bühne vorstellen könnte. Und doch geht der SCB-Captain heuer zum ersten Mal in seiner über 20 Jahre dauernden Profi-Karriere in die Playoffs, ohne zu wissen, wie es nach dem Ende der Meisterschaft weitergeht.

Letzte Chance auf den Meistertitel

Aus der Ruhe bringen lässt er sich dadurch aber nicht: «Ich habe alle möglichen Verhandlungen auf die Zeit nach dem Saisonende verschoben. So kann ich mich am besten auf die Playoffs fokussieren», sagt er und fügt an: «Ich habe ja schon in den vergangenen Wochen und Monaten während meiner Gespräche mit Bern immer meine Leistung gebracht. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich diese Situation ausblenden kann.» Man nimmt dem Berner Captain ab, dass er Profi genug ist, die unsichere Lage zu meistern.

Botschaft der SCB-Fans an Martin Plüss.

Botschaft der SCB-Fans an Martin Plüss.

Trotzdem ist er sich bewusst, dass er in dieser Saison vermutlich die letzte Chance in seiner Karriere hat, noch einmal den Meisterpokal in die Höhe zu stemmen: «Je älter man wird, umso geringer werden diese Gelegenheiten. Aber unabhängig davon war ich schon immer ein Spieler, der sich auf den begrenzten Zeitrahmen der Playoffs eingestellt hat. Deshalb glaube ich nicht unbedingt, dass ich in diesem Jahr mit einer anderen Einstellung in diese Phase gehe. Ich habe sie schon immer genossen. Fakt ist aber, dass ich in diesem Jahr die letzte Chance habe, in so einem coolen Team zu spielen.»

Vollprofi aus dem Bilderbuch

Während man in Zürich also alles daransetzte, die Team-Chemie mit der Vertragsverlängerung des Captains nicht zu stören, ist man in Bern einen anderen Weg gegangen. Was aber ebenso erklärbar ist: Mathias Segers ist so etwas wie Herz und Seele der ZSC Lions.

Weist er in seiner letzten Saison beim SC Bern seinen Mitspielern noch einmal den Weg zum Meistertitel? Captain Martin Plüss (rechts).

Weist er in seiner letzten Saison beim SC Bern seinen Mitspielern noch einmal den Weg zum Meistertitel? Captain Martin Plüss (rechts).

Martin Plüss ist ein Vollprofi aus dem Bilderbuch, hat sich emotional beim SCB aber nie auf einer Ebene bewegt wie sein Captain-Kollege bei den Lions. Entsprechend waren die Verhandlungen beiderseits auch eher von rationalem Denken dominiert, während im Fall Segers in Zürich die sogenannten «Softfaktoren» eine grössere Rolle spielten.

Wer wird aber Mitte April den Meisterpokal in die Luft stemmen dürfen? Ist es Urgestein Mathias Seger, der seine Mitspieler kraft seines Charakters nach zwei enttäuschenden Playoff-Kampagnen wieder auf den Thron führt. Oder ist es doch Martin Plüss, der in den Spuren von Reto von Arx wandelt und – mit der Meistertrophäe im Gepäck – ins Abendrot seiner Karriere reitet?