Gschobe #10

Mark Streit – Hände hoch!

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 48, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

Tobias: Wer von euch hat noch Schlittschuhe und Hockey-Stock zu Hause rumliegen?

David: Ich. Warum?

Tobias: Dann hast du reelle Chancen auf eine Olympia-Teilnahme.

Flavio: Seit wann spielt man auf Barbados Eishockey?

Tobias: Nein. Mit der Schweizer Nati natürlich.

Pius: Willst du damit etwa sagen, David hätte noch das Zeug, um mit der Nati an den Olympischen Spielen teilzunehmen?

Tobias: Klar. Er kann gut Schlittschuh laufen, ist fit, hat ein feines Händchen. Er müsste lediglich fünf Kilo Muskelmasse zulegen. Aber das kriegen wir bis Februar bestimmt noch hin.

François: Nein, echt jetzt. Bei allem Respekt!

Tobias: Wieso? Oder kennt jemand von euch etwa Michael Fora?

Pius: Flora oder Fora?

Tobias: Fora.

Pius: Sagt mir nichts.

Flavio: Mir auch nicht.

Tobias: Eben. Michael Fora ist Verteidiger bei Ambri und steht im 33-Mann-Aufgebot der Nati. Damit will ich sagen: Trainer Patrick Fischer hat eben für den Karjala-Cup von nächster Woche
so ziemlich jeden Schweizer aufgeboten, der a) selbstständig die Schlittschuhe schnüren kann, b) unfallfrei Schlittschuhlaufen kann, c) einen flexiblen Arbeitgeber hat, d) die Pflichten zu Hause delegieren kann, e) einen gültigen Schweizer Reisepass hat, f) nicht per internationalem Haftbefehl gesucht wird und g) Lust auf Eishockey hat. Verlockend, oder?

David: Das ist jetzt massiv überzeichnet. Ganz so schlimm steht es um unser Eishockey bestimmt nicht.

Der Schweizer Eishockey-Star Mark Streit

Der Schweizer Eishockey-Star Mark Streit

Pius: Da ist ja noch Mark Streit, auf den man im Notfall zurückgreifen könnte.

Flavio: Ist der nicht eben zurückgetreten? Sprich: keine Lust auf Eishockey.

Pius: Schon. Aber man könnte Mark Streit zwingen, für die Schweiz an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

Tobias: Wie willst du das bewerkstelligen? Seine Frau als Geisel nehmen? Ihm drohen, das Helden-Epos in der Boulevardzeitung nach
Folge 43 einzustellen?

François: Oder ein paar böse Buben vorbeischicken, die dann sagen: «Hände hoch, Herr Streit! Entweder Sie folgen uns nach Südkorea oder wir bringen das jetzt gleich hier, an Ort und Stelle hinter uns.»? Nein, das führt doch zu nichts, solange er keine Lust hat.

Flavio: Nichts für ungut. Aber lieber ein lustloser Streit als unseren Freund David in der Schweizer Nati.

David: Muss ich das jetzt persönlich nehmen?

Pius: Nein. Aber Flavio hat recht. Es muss doch einen Weg geben, Streit zu einem letzten Tango auf Eis zu bewegen.

Pius: Ich weiss jetzt, wie wir das schaffen. Die Frau als Geisel wäre zwar starker Tobak. Aber Streit vermutet bestimmt, dass der Berner Töfflibueb, der Ex seiner Frau, dahintersteckt. Das kann er nicht ernst nehmen. Und das Ende der Lobhudelei sowie die Einschüchterung – das ist alles Kindergeburtstag im Vergleich zu meiner Idee.

François: Und was ist deine Idee?

Pius: Wir drohen Streit, seinen eingravierten Namen auf der Stanley-Cup-Trophäe unkenntlich zu machen, wenn er nicht zur Nati kommt.

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François Schmid-Bechtel

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