Schon die Ankündigung einer ausserordentlichen Pressekonferenz Anfang der Woche versetzte die Sportwelt in Aufruhr. Würde die 28-jährige, oft von Verletzungen geplagte Maria Scharapowa ihr Karriereende verkünden, fragten sich vor allem russische Sportjournalisten besorgt. Die Realität jedoch übertraf die schlimmsten Befürchtungen: «Ich habe meine Fans enttäuscht und dem Sport geschadet», gestand die Ex-Wimbledonsiegerin unter Tränen die Einnahme des Medikaments Meldonium.

Meldonium ist ein als Mildronat bekanntes Herz- und Kreislaufmittel, das in den baltischen Staaten und Russland gehandelt wird. Seine Heilwirkung ist allerdings umstritten, in den meisten europäischen Ländern ist es nicht zugelassen. Seit Jahresbeginn steht das Medikament auf der schwarzen Liste der Internationalen Dopingagentur Wada, weil es – vergleichbar mit Insulin – die Blutversorgung und Ausdauer der Athleten verbessern soll.

In Scharapowas Fall stammt die Blutprobe vom Australian Open, wo die Weltranglistensechste im Januar wenig erfolgreich bereits im Viertelfinal ausschied. Die Russin rechtfertigte die Einnahme mit Nachlässigkeit. Sie habe einfach nicht gewusst, dass das Mittel auf die Dopingliste gesetzt worden sei. «Am 22. Dezember habe ich ein E-Mail der Wada bekommen, in dem mitgeteilt wurde, welche Änderungen es auf der Liste der verbotenen Präparate gegeben hat. Über einen Link konnte man sich anschauen, wie die Liste aussieht, aber ich habe nicht draufgeklickt», sagte sie. Nach eigenen Angaben hat ihr ein Arzt Meldonium schon vor zehn Jahren wegen einer Diabetes-Erkrankung verschrieben.

Nike, TAG Heuer, Porsche sind weg

Nicht nur der Imageverlust, sondern auch der wirtschaftliche Schaden für die Athletin ist gewaltig: Sportartikel-Hersteller Nike, der Schweizer Uhrenfabrikant TAG Heuer und Porsche haben ihre Sponsorenverträge auf Eis gelegt. Weitere Sponsoren könnten folgen. Scharapowa war bislang die bestverdienende Tennisspielerin der Welt: 2015 erzielte sie Einnahmen von über 29,7 Millionen Dollar, davon waren nur 6,7 Millionen Dollar Preis- und Antrittsgelder. Erste Folge: Zumindest die 300 000 Dollar für ihren Auftritt in Melbourne muss sie wohl nun zurückzahlen.

Sportartikel-Hersteller Nike hat sein Sponsorenvertrag auf Eis gelegt

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Das Ausmass der sportlichen Folgen ist unklar. Scharapowa ist vorläufig ab dem 12. März gesperrt. Während die Sperre im schlimmsten Fall vier Jahre betragen könnte, hofft der russische Tennisverband, dass Scharapowa im Sommer bei Olympia antreten kann. Verbandschef Schamil Tarpischtschew, einst Trainingspartner von Boris Jelzin, bezeichnete die Vorwürfe als Unsinn. «Sportler nehmen, was ihnen Physiotherapeuten und Ärzte verschreiben». Demnach sei Scharapowa kein Vorwurf zu machen. Vor vier Jahren gewann die meist in den USA lebende Russin Olympiasilber für ihr Heimatland.

Zweite Hiobsbotschaft

Für die russischen Sportfunktionäre war es die nächste Hiobsbotschaft: Kurz zuvor hatte schon Eiskunstläuferin Jekaterina Bobrowa eine positive Dopingprobe eingeräumt. Auch sie war positiv auf das Medikament Meldonium getestet worden. Im Gegensatz zu Scharapowa streitet die Eistanz-Europameisterin von 2013 die Einnahme allerdings ab. Sie habe seit November gewusst, dass das Medikament auf der Liste stehe und seitdem darauf verzichtet. «Wir achten immer streng darauf, was wir essen und welche Medikamente wir nehmen. Derzeit tun wir gemeinsam mit der Föderation alles, um die Lage aufzuklären», erklärte die 25-jährige Moskauerin. Inzwischen sind auch noch der Olympiasieger von Sotschi im Shorttrack Semjon Jelistratow und der fünffache Eisschnelllaufweltmeister Pawel Kulischnikow des Mildronat-Dopings überführt worden.

Mildronat Finger weg, wenn man Spitzensport treibt

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Dazu kommt der Skandal um den russischen Leichtathletikverband, der wegen des Verdachts auf flächendeckendes Doping und Korruption vorläufig für alle Wettbewerbe, inklusive Olympia, gesperrt ist. Zudem hat die Wada dem Moskauer Dopinglabor die Akkreditierung entzogen und die russische Anti-Doping-Agentur Rusada suspendiert.

«Traurigere Zeiten in der Geschichte unseres Sports hat es seit seinem Gang aus der Selbstisolation vor 70 Jahren nicht gegeben», konstatierte Sportkommentator Oleg Schamonajew. Diese Fälle seien dazu angetan, die Reputation des russischen Sports «endgültig zu begraben», kritisierte er und forderte ein Grossreinemachen.

Doch dazu wird es wohl kaum kommen. Sportminister Witali Mutko räumte zwar ein, dass es in den kommenden Monaten noch weitere Dopingfälle in Russland geben werde. Einen Systemfehler wollte er darin allerdings nicht sehen. Es seien nur Einzelne schuld, sagte er. Auch im Fall Scharapowa hätte jemand aus ihrem Tross darauf achten müssen, was sie zu sich nimmt. «Für Mascha ist das sehr traurig. Ich hoffe, wir sehen sie noch mal auf dem Court, wir sind bereit, sie zu unterstützen», sagte er.

Die ARD-Reportage: «Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht»

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