Manch einer in den Reihen des FC Basel dürfte sich gestern wehmütig an Marco Streller erinnert haben. Vielleicht, vielleicht wären die Bebbi in Israel ja mit «Pipi» um eine Champions-League-Bruchlandung herumgekommen. Einer wie er hätte die Waagschale im vermurksten Millionen-Showdown gegen Maccabi Tel Aviv mit seinem Torinstinkt und der Routine von 36 Königsklasse-Partien durchaus auf die Seite des Schweizer Meisters kippen lassen können.

Doch Marco Streller ist an diesem Abend satte 4582 Kilometer vom Bloomfield-Stadion entfernt. Und er hat ganz andere Probleme.

Denn in Biel-Benken – Kanton Basel-Landschaft, nahe der französischen Grenze, versperrt dem 34-jährigen Ex-FCB-Knipser eine frisch geteerte Strasse den Weg zum Fussballplatz. Streller rümpft die Nase, setzt prüfend einen Kickschuh auf den klebrigen Asphalt und stakst dann mit seinen langen Beinen im Storchenschritt über den stinkenden Untergrund. Ein urkomisches Bild.

Von einem Serienmeister zum nächsten

Fast so komisch wie der Gedanke, dass der achtfache Schweizer Meister jetzt ganz offiziell ein Senior ist. Trainer-Kumpel Fabian Dreier hat ihn nach dem Rücktritt vom Profifussball zur Altherrentruppe des SC Dornach gelotst. Die gilt in der Meisterklasse «30+» der Nordwestschweiz als Mass aller Dinge und hat seit der Saison 2010/11 stets den ersten Liga-Platz und den Cup erobert.

Auch der prominente Neuzugang beweist bereits bei seinem Debüt gegen die AS Timau am vergangenen Freitag, dass er das Knipsen nicht verlernt hat. Strellers Tor-Premiere bei den Senioren sichert Dornach den Sieg – auf der Gegenseite schleicht ein gewisser Hakan Yakin angesäuert ohne Treffer, dafür mit einer Verwarnung auf dem Konto als Verlierer vom Platz.

Streller versus Yakin – eine Affiche die nicht mehr zu toppen ist? Falsch gedacht. Denn der Ex-FCB-Captain nimmt den Teer-Hindernislauf in der Basler Fussballprovinz am Dienstagabend nicht ohne Grund auf sich. Es gilt, gleich den nächsten alten Weggefährten in die Schranken zu weisen. Während die ehemaligen FCB-Kollegen in Tel Aviv um die Königsklasse bibbern, heisst das Duell auf dem Zwergplatz von Biel-Benken: Marco Streller gegen Alex Frei.

Wo bleibt Frei?

18 Profititel und 122 Länderspiele vereinen die beiden Altmeister auf sich. Ihre Karriere haben sie beide bei den Junioren des FC Aesch lanciert. Kein Wunder, dass in Biel-Benken das halbe Dorf auf den Beinen ist, um den Zweikampf des Ex-FCB-Sturmduos mitzuverfolgen. Es dürften über 200 Zuschauer sein. Doch die werden vorerst bitter enttäuscht.

Denn als die beiden Teams in bester Senioren-Manier zehn Minuten vor Anpfiff gemächlich mit dem Einlaufen beginnen, wird Alex Frei bei den Gastgebern noch immer vermisst. «Er kommt sicher nicht auf Spielbeginn», ist von Biel-Benkens Bank zu hören. Der Stau und seine Verpflichtungen beim FC Basel, wo Frei mittlerweile als Nachwuchstrainer amtet, haben den Rekordtorschützen der Schweizer Nati aufgehalten.

Es ist der Worst Case für die Gastgeber, welche die Partie extra noch vorverschoben haben. Wegen fehlendem Flutlicht und aus Rücksicht auf die Zuschauer, welche nach dem Senioren-Match zumindest noch die heisse Phase der FCB-Partie in Israel sehen wollen. Jetzt kommt Biel-Benken ohne seinen Star gleich gnadenlos unter die Räder. Bis zur 28. Minute schraubt Favorit Dornach das Skore bereits auf 3:0 – und das obwohl Marco Streller noch keinen einzigen Treffer beigesteuert hat.

Ausgewechselt? Erst mal eine Zigarette!

Der trägt nun Gelb-Schwarz statt Rot-Blau, ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Immerhin ist es Dornach und nicht YB. Geblieben ist die Nummer 9 und der Fakt, dass der 1,96-Meter-Mann mit Abstand der Längste auf dem Platz ist. Deshalb sprintet Stürmer Streller auch bei gegnerischen Eckbällen in den eigenen Strafraum. Das ist konditionell kein Problem, denn hier gehört er plötzlich wieder zu den Fittesten.

Die Szenerie hat ihren ganz eigenen Charme. Da steht ein Akteur mit Champions-League-Format auf dem Platz – daneben lassen sich zwar ehemalige Super-League-Profis wie Josip Colina (Ex-GC), aber auch diverse Kugelbäuche und noch mehr Halbglatzen ausmachen. Und die gestalten Strellers Leben zeitweise erstaunlich schwer. Er verliert sogar einige Kopfballduelle, hat aber trotzdem fast immer ein Lachen auf dem Gesicht. 

Das ändert sich, als er vom Schiedsrichter aus dem Offside zurückgepfiffen wird. Assistenten gibt es keine. Der Referee entscheidet allein per Augenmass – was selbstverständlich zu lautstarken Diskussionen führt. Auch ein Amateurfussball-Klassiker: Der erste Spieler lässt sich nach 17 Minuten auswechseln – und schlotet dann hinter der Ersatzbank erst einmal gemütlich eine Zigarette. 

Gefahr ist bei verunglückten Torabschlüssen im Verzug. Die landen mit Glück im Wald und mit Pech im Flüsschen Birsig, welches direkt hinter dem Schulhausplatz durch Biel-Benken rinnt. Kinder spielen an der Seitenlinie, manchmal auch direkt auf dem Feld. Wen stört das schon? Bestimmt nicht den durchgeschwitzten Grillmeister, der an seiner improvisierten Mini-Arbeitsfläche alles gibt, um die vielen hungrigen Mäuler zu stopfen.

Hey, hier kommt Alex!

Nach 33 Spielminuten geht plötzlich ein Raunen durch die Menge. «Da ist der Alex!», schreit ein kleiner Bub und fällt vor Aufregung fast vom Geländer. Der kleine Scout liegt goldrichtig. In voller FCB-Montour sprintet Nachzügler Frei zu seiner Bank und beginnt sich vor aller Augen ungeniert umzuziehen. Keine zwei Minuten nach seiner Ankunft wird Biel-Benkens Hoffnungsträger eingewechselt.

Auf eine herzliche Begrüssung der beiden FCB-Legenden warten die Zuschauer vergeblich. Der ergraute Frei geht die Sache, wenig erstaunlich, um einiges verbissener als Marco Streller an. Nach 15 Sekunden wird er erstmals gefoult und ist bereits stinksauer. Wenig später staucht der 36-Jährige einen Teamkollegen gnadenlos zusammen, weil der die Frechheit hatte, seinen Pass zu kritisieren.

Trotz so viel Ehrgeiz reiht sich Freis Ex-Partner auf der Gegenseite zuerst in die Torschützenliste ein. Nach einer herrlichen Flanke trifft Marco Streller kurz vor der Pause zum 4:1 für die Gäste. Frei kann nicht mehr reagieren: Weil Senioren nicht länger, aber besser können, pfeift der Schiedsrichter schon nach 40 Minuten zum Tee.

Auch in der zweiten Halbzeit rackert Alex Frei unermüdlich – und Marco Streller schiesst die Tore. Nach 56 Minuten steht es 2:6 und der Lange hat bereits drei Treffer gebucht.

Frei sorgt derweil mit einer fast schon surrealen Szene für Wirbel: Er fällt im Strafraum, der Schiedsrichter pfeift Elfmeter – doch der Biel-Benken-Star winkt ab: «Das war nichts, kein Penalty!» Streller kommentiert die Fairplay-Aktion später lachend: «Das hat er doch nur gemacht, weil so viele Kameras hier waren.»

«Alex wird sich jetzt viele Sprüche anhören müssen»

Er selbst hat genug und lässt sich auswechseln. Nun darf auch Frei seinen Abend noch versöhnlich gestalten. Zum 5:8-Endresultat steuert er die letzten beiden Tore bei. Nach dem Schlusspfiff folgt dann doch noch der ersehnte Handschlag und eine herzliche Umarmumg mit Streller. Dann verschwindet der Verlierer schnell in der Schulhaus-Umkleide. «Man hat gesehen, dass er fitter ist als ich», sagt Frei über Streller – dann ist er auch schon weg. 

Der Sieger im Kampf der Legenden nimmt sich weit mehr Zeit – obwohl zuhause im TV die zweite Halbzeit der FCB-Partie wartet. Marco Streller wird zum Bier in die Kabine gerufen, stattdessen gibt er Kindern Autogramme und geniesst seinen Triumph: «Bei den Senioren geht es in erster Linie um den Fussball und darum, etwas für die Gesundheit zu tun – aber ein wenig Prestige ist natürlich bei einem solchen Duell schon mit dabei. Alex wird sich jetzt viele Sprüche anhören müssen. Aber ich bin froh, dass er auch noch getroffen hat.»

Streller verrät, dass er an Tagen wie diesen gerne wieder für den FC Basel die Fussballschuhe schnüren würde: «An Champions-League-Abenden jucken die Beine schon besonders. Da kann Erfahrung eben auch den Unterschied ausmachen. Aber ich bin jetzt in einem neuen Lebensabschnitt und die Jungs werden das mit Sicherheit gut hinbekommen.»

Für einen FCB-Sieg gegen Maccabi hätte Streller sogar den Dreier bei den Senioren hergegeben: «Selbstverständlich, diesen Tausch würden viele Spieler bei uns in der Mannschaft machen.»

Leider ist das Angebot beim Fussballgott, ähnlich wie Alex Frei an diesem Abend, wohl einfach zu spät angekommen.

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