Sie sind ein begnadeter Skifahrer. Doch ist sogar Perfektion möglich?

Marcel Hirscher: (Überlegt lange.) Ein Sonnenaufgang kann perfekt sein. Für die Zuschauer ist ein wunderschönes Freistosstor vielleicht auch perfekt. Doch wenn man dann den 5:0-Sieg kritisch analysiert, wird es Situationen geben, die noch besser gegangen wären. Der kritische Blick ist im Sport sehr wichtig.

Trotzdem streben Sie Perfektion an.

Natürlich. Es ist der Motor, der mich antreibt, um über Jahre hinweg tolle Leistungen zu erbringen. Doch wenn man an der Spitze ist – ob im Sport oder in einem anderen Beruf – und sich damit zufriedengibt, dann ist das der erste Moment, indem man Gefahr läuft, diese Spitzenposition zu verlieren.

Wer Perfektion sucht, kann nur scheitern. Es gibt immer eine Steigerung.

Das ist so, keine Frage. Man scheitert immer. Doch ich war nie der Typ, der schnell zufrieden ist. Die grosse Herausforderung ist, Realist zu bleiben und trotzdem einen klaren Blick für das Ziel zu haben. Aber es ist ein sehr schmaler Grat zwischen zu hohen und zu tiefen Erwartungen.

Immer scheitern, das tönt deprimierend.

Man kann es als Spiel sehen: Man will etwas noch besser machen, obwohl der erste Versuch gar keinen Anlass zur Kritik gab. Wenn es nicht mehr besser geht, hat man es wenigstens versucht. Aber wenn man sich selbst sagt, das war heute perfekt, dann hat man keine Luft mehr nach oben – kein Ziel.

Gibt es da keine Sinnkrisen?

Ich habe nicht den Anspruch, alles perfekt zu machen. Beim Motocross oder beim Langlauf muss ich nicht die perfekte Technik haben. Doch im Skisport geht es darum, meine Position zu halten.

Marcel Hirscher macht nicht nur bei Weltcup-Rennen eine gute Figur.

Marcel Hirscher macht nicht nur bei Weltcup-Rennen eine gute Figur.

Dafür zwängen Sie sich in drei Nummern zu kleine Skischuhe.

Stimmt. Es ist der Horror, die Hölle, grausam. Doch im technischen Bereich fährt man sehr enges Schuhwerk. Dieses ist massgefertigt und somit richtig eng.

Schmerzen für den Erfolg?

Ja. Vielleicht gibt es Athleten, die das nicht so übertreiben wie ich, die einen Weg gefunden haben, mit bequemen Schuhen schnell zu sein. Aber für mich ist es notwendig, so verbunden wie möglich mit dem Material zu sein. Es gibt 1000 Wege, schnell Ski zu fahren – und meiner bereitet leider Schmerzen.

Ist es schwieriger, erfolgreich zu bleiben, als erfolgreich zu werden?

Definitiv.

Es muss immer weitergehen?

Ja. Ich bin auf der Suche nach dem perfekten Schwung. Wenn ich aufhöre an ihn zu glauben, ist der Zeitpunkt da, um zu sagen, das war es für mich. Dann macht es keinen Sinn mehr, weiterzumachen.

Sie sagten einst, dass Ihr Erfolg zur Hälfte von Ihnen und zur Hälfte vom Material abhängt.

Sagen wir es so: Wenn die Ski falsch präpariert sind, bin ich beim vierten Tor ausgeschieden.

Das Geheimnis Ihrer Materialabstimmung verraten Sie nicht. Trotzdem: Wie spürt man Veränderungen im Millimeterbereich? Als Laie kann man sich das nicht richtig vorstellen.

(Überlegt.) Wenn Sie mit schlechten Winterreifen im Schnee fahren, ist das gefährlich und fühlt sich nicht gut an. Wie mit Schuhen ohne Profil auf Glatteis. So muss man sich das etwa vorstellen.

Ein Millimeter falsch präpariert und Sie sind chancenlos?

Natürlich kann man auch mit einer falschen Einstellung Skifahren. Aber nicht am Limit. Und das Limit braucht es. Nur, wenn das Material absolut passt, kann man die eigenen Grenzen verschieben.

Sie spüren also nach wenigen Toren, ob es ein guter Lauf wird?

Absolut.

Und was machen Sie, wenn es nicht passt?

Kämpfen, kämpfen und nochmals kämpfen. Man kann nur versuchen zu retten, was geht.

Können Sie mit der Materialabstimmung den Zufall aus dem Skisport verbannen?

Ich kann ein wenig mitspielen. Es gibt zum Beispiel Alljahresreifen für das Auto. Doch wenn es zwei Zentimeter schneit, ist man nicht glücklich mit den Reifen. Und wenn es 30 Grad plus hat, auch nicht. Der Alljahresreifen ist überall Mittelmass. Doch wenn man spezifisches Material hat, ist man top ausgestattet.

Haben Sie mit Ihrem Material eine Art Beziehung, fast so wie mit Ihrer Freundin?

Nein, nein. Auf diese Ebene kann man das nicht stellen. Aber natürlich muss man die Qualität des Skis kennen. Aber so eine grosse Sache ist das nicht. Es gab Saisons, da wäre es schlimm gewesen, wenn ich meinen Lieblings-Ski verloren hätte. Doch im Moment habe ich mehrere.

Das Material kann man immer verbessern. Den eigenen Körper auch?

Ein Beispiel. Früher bin ich ohne Augenkorrektur gefahren, dann habe ich Linsen verwendet und schliesslich habe ich mich sogar an den Augen operieren lassen. Das ist jetzt ein Vorteil, ganz klar. Oder nehmen wir die Körperpflege: Therapie, Therapie und nochmals Therapie. Selbst wenn nichts passiert ist, einfach als Vorsorge. Ich fahre zwei Stunden Ski, dann gehe ich mindestens für eine Stunde in den Kraftraum und dann folgen noch ein, zwei Stunden Therapie. Viele denken sich jetzt sicher, wow, zwei Stunden Massage! Aber nein, nicht das Wohlfühlprogramm, sondern intensiv. Und das jeden Tag.

Ist es so schlimm?

Das gehört zum Profisport und deswegen tue ich mir nicht leid. Aber ja, man stellt es sich so schön vor. Doch das ist wohl mit jedem Traumberuf so. Die Realität deckt sich nicht mit den Vorstellungen.

Können Sie in Österreich noch ein Privatleben haben?

Kein Athlet ist Volkseigentum. Doch manchmal wird das nicht anerkannt. Ich bin kein öffentliches Kulturgut, das jederzeit zur Verfügung steht. Es gibt Situationen, in denen ich privat sein will. Da gibt es nicht immer Verständnis dafür. Dann versuche ich, die Situation zu erklären. Meistens klappt das.

Sie haben mal gesagt, dass Sie, bezogen auf die fehlende Privatsphäre, fast die Verzweiflung der verstorbenen Sängerin Amy Winehouse verstehen können.

Ja, ich glaube, dass ich das irgendwie nachvollziehen kann. Natürlich in tausendfach kleineren Dimensionen. Aber ja, wenn es zu viel wird, dann merkt man das. Beispiel Heim-WM 2013 in Schladming: Puhhh, das war schon krass! Mit Fahrern von Autos, die fast Unfälle bauten, weil sie mich sogar auf der Autobahn fotografieren wollten. Oder mit Fahrern, die mich verfolgten bis zur Tankstelle. Da denkt man sich: Geht es eigentlich noch? Das sind schon Situationen, in denen ich mir die Frage stellte, ist es das wirklich wert? Brauche ich das wirklich?

Und?

Im Moment habe ich viel Spass an meinem Job. Und der Respekt gegenüber mir als Privatperson ist grösser geworden.

Sie haben unter anderem viermal in Folge den Gesamtweltcup gewonnen. Aber über Rekorde sprechen Sie nicht gerne. Ist
das eine Methode, den Druck ein wenig von Ihnen zu nehmen?

Nein. Das nicht. Neue Rekorde wären eine Methode, den Druck zu nehmen. Natürlich freue ich mich zum Beispiel riesig, dass ich mittlerweile gleich viele Weltcupsiege habe wie Benjamin Raich (36; die Red.). Das war ein Ziel von mir für diese Saison. Aber die Vorstellung, erst nach der Karriere zu zählen, finde ich verlockender. Immer zu zählen, diesen Stress muss ich mir nicht machen.

In Adelboden sind Sie Rekordsieger. Warum liegt Ihnen dieser Hang so gut?

Keine Ahnung. Ich tue mich schwer mit Aussagen über Lieblings-Hänge. Ich finde das nicht fair gegenüber den anderen Veranstaltungsorten. Cool in Adelboden ist die Stadionatmosphäre. Aber deswegen fahre ich nicht besser. Vermutlich ist es das schwierige Gelände. Wenn man mal verstanden hat, wie man in Adelboden fahren muss, hilft das enorm weiter. Es gibt so viele schwierige Übergänge. Man muss zur richtigen Zeit Gas geben, aber auch bremsen.

Benjamin Raich, den Sie erwähnt haben, war in Adelboden auch sehr erfolgreich. Er sagte einmal, wenn er das Ortsschild liest, fühlt er sich fast zu Hause. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ich brauche ein ruhiges Zimmer, das genügend Platz bietet, damit ich die Taschen hinstellen kann. Ich spreche nicht von einem riesigen Zimmer, einfach so, dass ich die Taschen nicht stapeln muss. Ein gutes Essen gehört natürlich auch dazu. Und vor allem will ich einfach ganz normal behandelt werden.