Es ist ein unfairer Kampf, doch Marcel Hirscher nimmt ihn an. Nach den ersten Rennen der Saison lässt sich festhalten, dass der Österreicher auf seiner Mission, den Gesamtweltcup zum sechsten Mal in Serie zu gewinnen, gleich gegen zwei Nationen kämpft: gegen Norwegen und Frankreich. Marcel Hirscher hingegen ist allein.

Natürlich ist der Skisport ein Einzelsport. Doch das Team kann eine Rolle spielen. In den schnellen Disziplinen sind die Norweger im Moment kaum zu schlagen. Kjetil Jansrud hat bisher beide Rennen gewonnen und 200 Punkte für den Gesamtweltcup geholt. Österreichs Speedfahrer helfen Hirscher nicht. In der Abfahrt in Val d’Isère kassierten sie eine historische Schlappe. Momentan ist also keiner da, der Kjetil Jansrud Punkte streitig machen könnte und somit indirekt Hirscher in der Gesamtwertung hilft.

Alexis Pinturault kommt auf 284 Punkte.

Alexis Pinturault kommt auf 284 Punkte.

Andersrum funktioniert dieser indirekte Punkteklau besser. Mit Henrik Kristoffersen hat Jansrud einen sehr starken Verbündeten. Gestern konnte er zwar im Riesenslalom als Dritter hinter Hirscher nichts bewirken, doch für den heutigen Slalom kündigte er schon einmal an: «Im Slalom rechne ich mir mehr aus. Diese zwei Läufe im Riesenslalom waren gar nicht gut, ich kann eindeutig mehr.»

Will heissen: Bald schon wird er den Österreicher auch im Riesenslalom angreifen. Hirscher sagt: «Henrik hat das Niveau im Slalom nochmals erhöht, es wird enorm schwierig sein, ihn zu besiegen.» Wie es wirklich aussieht, weiss man noch nicht. Kristoffersen hat aufgrund eines Streits mit dem Verband – es ging um den Kopfsponsor – auf den ersten Slalom der Saison verzichtet. Und Hirscher hat prompt souverän gewonnen und 100 Punkte für den Gesamtweltcup geholt.

Ein Direktduell mit Frankreich

Da war Kristoffersen also keine Hilfe für seinen Landsmann. Im Verlauf des Winters könnten seine Resultate aber noch entscheidend werden. Immer vorausgesetzt, Jansrud bleibt im Speedbereich dominant. Kristoffersen sagt: «Wir alle kennen Marcel Hirscher. Er macht sich gerne schlechter, als er ist. Es wird sich zeigen, ob ich ihn besiegen kann.» Kjetil Jansrud wird den Ausgang wohl gespannt beobachten und auf Teamhilfe hoffen.

Das Duell Hirscher gegen Frankreich ist greifbarer. Weil es ein Direktduell ist. Drei Riesenslaloms wurden in dieser Saison gefahren und immer siegte ein Franzose – und Marcel Hirscher blieb in jedem dieser Rennen «nur» der zweite Rang. In Sölden zum Saisonauftakt und gestern in Val d’Isère war jeweils Alexis Pinturault schneller. Am vergangenen Sonntag ebenfalls in Val d’Isère Mathieu Faivre.

Kjetil Jansrud: 200 Punkte.

Kjetil Jansrud: 200 Punkte.

Pinturault dürfte für Hirscher der gefährlichste Gegner aus Frankreich im Gesamtweltcup werden. Der 25-Jährige ist derzeit der klar beste Riesenslalomfahrer. Von den letzten neun Rennen in dieser Disziplin hat er sechs gewonnen und stand zweimal als Zweiter und einmal als Dritter auf dem Podest. «Er hat immer Reserven, könnte noch schneller fahren», sagt Hirscher. «Ich selbst fahre am Limit. Da muss ich jetzt aufholen, um ihn unter Druck zu setzen.» Wenn Pinturault, wie am vergangenen Sonntag, einmal nicht gewinnt und «nur» Rang drei belegt, ist ein Franzose da und verhindert die 100 Punkte von Hirscher. Erstmals seit 2011 blieb er damit in den ersten drei Riesenslaloms einer Saison ohne Sieg. Auch hier kämpft der Österreicher indirekt also gegen ein ganzes Team.

Vorteile Hirscher

Trotzdem gibt es viele Gründe, die für den sechsten Gesamtsieg von Hirscher sprechen. Er ist der kompletteste Rennfahrer der Gegenwart, sammelt sowohl im Slalom wie im Riesenslalom sehr viele Punkte und kann auch im Super-G und in der Kombination gute Ergebnisse aufweisen. Pinturault kann das zwar auch, doch im Slalom hat er Aufholbedarf. Und Jansrud schliesslich holt seine Punkte nur im Speedbereich. Die Vorteile liegen hier auf der Seite von Einzelkämpfer Hirscher. Ein starkes Team aber kann seinen Gegnern helfen. Es wird spannend.