Marcel Fässler muss am Wochenende vom 17./18. Juni am 24-Stunden-Rennen in Le Mans kleinere Brötchen backen. Seit Audi im vergangenen Herbst bekannt gab, sich aus der Langstrecken-Weltmeisterschaft zurückzuziehen, ist auch klar: Fässler wird nicht mitmischen, wenn um die prestigeträchtige Le-Mans-Trophäe gefahren.

«Es war ein Schock, als ich erfuhr, dass Audi sich zurückzieht», sagt Fässler: «Im ersten Moment weiss man gar nicht, wie man die Nachricht verarbeiten soll.» Seit Mai ist aber auch klar: Fässler wird trotzdem dabei sein an der diesjährigen Ausgabe in Le Mans. Nicht mehr in der LMP1-Klasse, sondern eine Stufe tiefer: in der GT-Klasse.

Der 41-Jährige darf auf eine erfolgreiche Zeit in der Langstrecken-Weltmeisterschaft zurückschauen. Als erster Schweizer überhaupt gewann er 2011 das 24-Stunden-Rennen in Le Mans, ein Jahr konnte er seinen Sieg bestätigen und 2014 gelang ihm der dritte Streich. Zudem konnte er sich 2012 und 2015 die WM-Gesamtwertung sichern.

Gleiche Leistung - langsamere Zeiten

«Klar, nach dieser tollen Zeit ist es nicht einfach, in den GT-Sport zurückzukehren.» Trotzdem freut sich Fässler auf die Herausforderung. «Ich bin aus dem GT-Sport in die LMP1 gekommen und ich habe immer gesagt, wenn ich nicht mehr LMP1 fahre, gehe ich zurück in GT.»

Bereits 2009 fuhr der Zentralschweizer aus Einsiedeln in der GT-Klasse für Corvette und verpasste nur knapp den Klassensieg in Le Mans: Zwei Stunden vor Renn-
ende streikte das Auto und er musste mit Getriebeschaden aufgeben: «Ich habe also noch eine offene Rechnung. Jetzt will ich nochmals angreifen.»

Marcel Fässler (Mitte) mit den beiden Schweizer LMP1-Klasse-Fahrern Sébastien Buemi (r.) und Neel Jani (l.).

Marcel Fässler (Mitte) mit den beiden Schweizer LMP1-Klasse-Fahrern Sébastien Buemi (r.) und Neel Jani (l.).

Dass es heuer mit Corvette nicht ganz so schnell um die Kurven geht, wie während sechs Jahren zuvor mit Audi in der LMP1-Klasse, weiss Fässler. «Wenn man die Bilder im Fernsehen sieht, hat man das Gefühl, die Autos stehen fast still im Vergleich zur LMP1-Klasse.»

Wie ein Slalom auf Abfahrtski

Rund eine halbe Minute langsamer sind die GT-Autos. Obwohl sie über etwa die gleichen Leistungen verfügen und auch bei der Höchstgeschwindigkeit mithalten können, fehlt es den GT-Autos an Anpressdruck, dazu kommt, dass die Autos rund 350 Kilo mehr auf die Waage bringen als die Prototypen der höchsten Klasse.

«Man muss es sich so vorstellen, als würde man mit einem Abfahrtski einen Riesenslalom bestreiten», erklärt der Hobby-Skirennfahrer, der 2004 das berühmte Inferno-Rennen in Mürren gewonnen hat: «Es sind zwei komplett unterschiedliche Rennstrecken geworden.»

Auch die Konkurrenz ist deutlich grösser: Während in der LMP1-Klasse nur wenige Autos für den Gesamtsieg infrage kommen, ist das Feld in der GT-Klasse um einiges grösser. «Es ist knallhart. Zehn Autos, bestückt mit äusserst talentierten Fahrern, werden um den Klassensieg kämpfen», sagt Fässler. Aber das macht es für den Zentralschweizer auch attraktiv: «Ich erwarte ein äusserst spannendes Rennen.»

Rücktritt noch kein Thema

Trotz seinem vorgeschrittenen Alter von 41 Jahren denkt Fässler noch nicht an den Rücktritt vom Motorsport: «Es wäre noch zu früh, darüber zu reden.» Sein Vertrag läuft noch bis Ende nächste Saison. Erst im nächsten Sommer will er «mal über die Bücher gehen».

Trotzdem liebäugelt Fässler mit einem Verbleib im GT-Sport: «Während in den meisten Sportarten spätestens mit 40 Jahren Schluss ist, kann man hier noch einige Jahre anhänken.» Voraussetzung sei aber ein konkurrenzfähiges Auto, mit dem man auch vorne mitfahren kann: «Sonst macht es keinen Spass.»