Nachgefragt
Mannschaftsarzt des FC Zürich: «Gehirnerschütterungen sind eher selten»

Stefan Sannwald, Mannschaftsarzt des FC Zürich, über Kopfverletzungen und den Sinn, einen Kopfschutz zu tragen

Markus Brütsch
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Dr. Stefan Sannwald, Mannschaftsarzt FC Zürich

Dr. Stefan Sannwald, Mannschaftsarzt FC Zürich

Zur Verfügung gestellt

Herr Sannwald, es gibt in der Super League nicht viele Spieler, die einen Kopfschutz tragen. Beim FC Zürich sind es derzeit aber gleich zwei. Warum?

Stefan Sannwald: Es sind unterschiedliche Gründe. Pa Modou hatte damals in Sion einen schweren Unfall. Bei Fabian Rohner besteht eine andere Ursache (siehe Text oben; die Red.). Im gemeinsamen Gespräch vereinbarten wir bei beiden, aus mentalen Gründen einen Kopfschutz zu tragen. Ziel ist das Vertrauen aufzubauen, um wieder entschlossen in Kopfballduelle zu gehen. So, wie beim Knie eine Stütze oder ein Tape etwas bewirken kann.

Also mehr eine psychologische Massnahme als ein wirklicher Schutz.

Im Fall von Pa Modou ja. Er trägt ja auch nicht einen eigentlichen Helm wie Rohner, bei Pa Modou ist es eher ein Schutz aus Stoff. Ursprünglich, als er bei Sion aus der Verletzung ins Training zurückkehrte, hatte es vermutlich schon auch eine therapeutische Wirkung.

Welche Bedeutung haben Kopfverletzungen im Fussball im Vergleich mit anderen Blessuren?

Wir haben im Fussball relativ wenige Gehirnerschütterungen. Wenn, dann rühren sie meist von Kopfballduellen her, wenn die Köpfe aufeinanderprallen oder wenn ein Ellbogen den Kopf trifft.

Fälle wie der des St. Galler Verteidigers Philippe Montandon, der nach der achten Gehirnerschütterung seine Karriere beenden musste, sind demzufolge die Ausnahmeerscheinungen.

Das stimmt. Im Fussball gibt es nicht viele solcher Schicksale. Besonders im Vergleich zum Eishockey, wo es Überlegungen gibt, wie man dieser Problematik effektiver entgegenwirken kann. Am heikelsten für den Kopf ist aber meines Wissens der American Football oder Rugby.

Im Fussball ist es obligatorisch, Schienbeinschoner zu tragen. Wäre es übertrieben, eine Kopfschutzpflicht einzuführen?

Absolut, das macht keinen Sinn.

Auch nicht bei Jugendlichen, deren Gehirn noch im Wachstum ist?

Nein, auch da nicht. Es wird zwar immer wieder kontrovers über die Gefahr des Kopfballspiels diskutiert. Jeder Kopfball verursacht eine gewisse Erschütterung und wirft die Frage auf, ob er zu Langzeitschäden führen kann. Es gibt Studien die besagen, dass bei Kopfbällen jedes Mal Hirnzellen kaputtgehen. Dies scheint aber nicht so gravierend, weil wir im Gehirn eine grosse Reserve an Hirnzellen haben. Aber die Langzeitbedeutung kennt man noch zu wenig. Zusammenhänge zu Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson, welche im Boxsport postuliert werden, sind im Fussball nicht zu erkennen. Da besteht noch keine klare Aussage betreffend Spätfolgen.

Sie sehen also keinen Anlass, im Fussball etwas zu ändern.

Vereinzelt schon. Im Spiel muss man zwar in die Kopfballduelle gehen, das gehört dazu. Wenn ein Spieler aber in einem Training fünfzig Mal oder mehr einen Kopfball üben muss, ist das nach meiner Auffassung nicht besonders sinnvoll. Kopfballtraining sollte nur dosiert betrieben werden.