Entwicklung im Sport
«Man hat in Zukunft zwei Welten» - Ex-Olympiasieger Hippolyt Kempf im Interview

Der frühere Olympiasieger Hippolyt Kempf blickt beruflich auf aktuelle und zukünftige Entwicklungen im Sport.

Rainer Sommerhalder
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Hippolyt Kempf: «Gehen Sie ins Kloster und Sie werden weiser zurückkehren.»

Hippolyt Kempf: «Gehen Sie ins Kloster und Sie werden weiser zurückkehren.»

Keystone

Was sind die wichtigsten Herausforderungen des Sports?

Hippolyt Kempf: Einerseits war es bisher und ist es in vielen Bereichen noch immer das Geld. Man muss sich bewusst sein: Geld im Sport führt zu massiven Veränderungen des gesamten Systems. Der nächste grosse Schritt wird die Digitalisierung und die virtuelle Welt sein: Wir haben hier eine Tür zu einer neuen Ebene aufgestossen, ohne zu wissen, was genau passieren wird. Ein ganz grosses Markenzeichen des Sports ist die Realität. Diese erhält nun also eine virtuelle Konkurrenz.

Was machen Sie in Magglingen genau?

Wir beschäftigen uns mit Fragen des Managements im Sport aus öffentlich-rechtlicher Sicht. Weit oben sind Fragen der Governance und der Entwicklung von Sportsystemen. Meine persönliche Kernkompetenz liegt in der Transformationsökonomie, wo es darum geht, dass sich ein System im Sport komplett verändert, weil Geld in dieses System fliesst. Ein Beispiel: Grundsätzlich beginnt eine neue Meisterschaft immer bei null. Aber das stimmt nicht mehr, sobald Geld im System ist. Der FC Basel wird deshalb Schweizer Meister, weil er eben dank des Erfolgs aus der letzten Saison und den damit zusammenhängenden finanziellen Mitteln nicht bei null beginnt.

Zur Person

Hippolyt Kempf (51) gewann an den Olympischen Spielen 1988 in Calgary Gold in der Nordischen Kombination. Seit 2005 arbeitet der Ökonom an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen als Leiter des Ressorts Sport und Gesellschaft. Zudem amtet er seit 2009 bei Swiss Ski als Disziplinenchef Langlauf. Kempf wohnt in Thun, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Wie hat sich der Sport entwickelt, seit Sie 1988 Olympiasieger waren?

An den Olympischen Spielen 1988 musste ich noch immer die Amateurklausel unterschreiben. Man war damals entweder Staatsangestellter oder musste schlicht lügen, dass man mit Sport kein Geld verdient. Das ganze Sportsystem basierte auf dem Gedanken: Der Sportler spielt, er arbeitet nicht! Damals gewann man an den Rennen anstatt Preisgelder Kuckucksuhren oder Motorsägen. Im Weltcup der Skisportarten gab es dann 1994 erstmals Preisgeld. Ich erlebte als Athlet den Übergang zur Professionalität.

Goldmedaillen-Gewinner Kempf 1988.

Goldmedaillen-Gewinner Kempf 1988.

Keystone

Und Sie machten Ihre Erfahrungen quasi zum Beruf?

Ich habe mir im Studium als Dissertationsthema die Frage gestellt, was passiert mit dem Sport, wenn Geld ins System fliesst. Als ich 2005 meine Stelle in Magglingen antrat, ging es primär um erste Studien zur Wertschöpfung im Sport.

Und wie funktioniert dieses System?

Es ist ein System mit drei Ebenen. Die erste Ebene ist der Athlet. Wenn Geld in den Sport fliesst, wird der Athlet zum Unternehmer oder zum Arbeitnehmer. Diese Professionalisierung hat stattgefunden. Die zweite Ebene sind Klubs, Veranstalter und Verbände respektive deren Kader- und Ligastrukturen – quasi die Organisatoren der Wettkämpfe. Auch dort gab es rasante Entwicklungen. Derzeit werden in vielen Sportverbänden die Führungsinstrumente der Privatwirtschaft eingeführt. Die dritte Stufe ist die vorgelagerte Produktionsstufe beim Wettkampfsport: Jene Stufe, die Wettkampfregeln definiert. Dies sind die grossen Verbände, die den Sport inhaltlich entwickeln und pflegen sollten. Diese Stufe beginnt erst richtig zu greifen. Hier liegt noch einiges im Argen.

Woran denken Sie?

Der Weltsport hat behauptet: Wir können den Sport eigenständig regeln. Wir brauchen dazu die Politik nicht. Wir sind integer. Nur wir wissen, was ein Penalty ist. Nur wir wissen, wie man Doping bekämpft. Aber immer wieder zeigt die Realität: Bei den internationalen Dachorganisationen hinkt die Entwicklung brutal hinterher. Die massiven Probleme bei der Fifa oder beim IOC entstanden, weil sich diese Organisationen strukturell viel zu langsam den Gegebenheiten angepasst haben. Sobald Governance-Überlegungen eine Rolle spielen, sobald man Unabhängigkeit garantieren muss, sobald man einem institutionellen Auftrag gerecht werden soll – dann spürt man: Für das Volumen, das man bewegt, und für die Macht, die man hat, ist man an vielen Orten viel zu dünn aufgestellt. Aber auch dieser Schritt ist nur eine Frage der Zeit. Der Sport wird langfristig mehr Qualität haben und die Systeme werden stabiler sein.

Das finanzielle Ungleichgewicht zwischen den Ebenen ist ein Problem?

Die ganze Verteilung des Geldes im Sport ist ein Problem. Das Gleichgewicht ist noch nicht richtig eingestellt, aber auch das korrigiert sich nach und nach. Wenn man sich die genaue Bedeutung einzelner Player im Sport überlegt, dann stellt man fest, dass diese den betriebswirtschaftlichen Anforderungen hinterherhinken. Ein Beispiel: Wie viele Formulare braucht es, um als Staat 2000 Franken für den Sport auszugeben? Und wie viele Formulare braucht es, um eine WM nach Katar zu vergeben? Das System Sport besteht noch immer aus sehr vielen One-Man-Shows. Aber das ist nicht überlebensfähig.

Blicken wir in die Zukunft. Wie muss man sich das System Sport in 20 Jahren vorstellen?

Seit zehn Jahren finden sich auf der Agenda jedes Sportkongresses Workshops zum Thema Digitalisierung und virtuelle Realität. Doch in der Praxis greifen diese Themen im Sport noch nicht. Man wartet ab. Eines Tages macht es «Wusch» und dann wird man im System Sport sehr viele und grosse Veränderungen erleben. Ich hatte die Möglichkeit, für einen Tag ins Kloster zu gehen und dort mit einigen sehr schlauen Menschen zu diskutieren.

Im Kloster finden Sie Antworten zur virtuellen Welt?

Gehen Sie ins Kloster und Sie werden weiser zurückkehren – egal, zu welchem Thema! Erinnern Sie sich an den Film «Matrix»? Ich weiss nicht wann, aber ich denke, wenn ich pensioniert werde, wird es Realität sein. Man hat auch im Sport zwei Welten. Man hat den aktiven Athleten, der über eine Skiflugschanze springt. Und man hat irgendeinen fettleibigen Mann in einem Bauernhof im Emmental, der virtuell über die Schanze fliegt – vielleicht mit einem Chip im Kopf. Und dieser springt so verdammt gut, dass man seine Künste ebenfalls bewundert. Denn es wird auch reelle Wettkämpfe geben und es wird virtuelle Rennen geben oder eine Fussballliga irgendwo im virtuellen Raum, wo aber die Post abgeht. Wo du selber mittendrin bist und Talente entwickelst, die du real gar nicht hast. Und auch hier gibt es die dritte Ebene. Jene, die das Konzept und das Design dieser virtuellen Sportwelt entwerfen. Heute gibt es irgendwo ein Gremium, das uns sagt, wie eine Sportart funktioniert. In der virtuellen Welt wird man vielleicht heute nicht wissen, wie sich Regeln und Bestimmungen morgen entwickeln und wer oder was dafür zuständig ist. Vielleicht wird diese virtuelle Welt im Sport eines Tages mehr Spass machen und Interesse wecken als der reale, schwitzende Athlet. Natürlich können wir heute nur erahnen, was alles abgehen wird. Aber es kommt eine riesige Herausforderung auf den Sport zu bei der Konstituierung dieses digitalen Raums. Wie pflegt man ihn, wie reglementiert man ihn, wie setzt man Fairness um?

Hippolyt Kempf in Aktion beim Skispringen beim Weltcup der Nordischen Kombination in St. Moritz, aufgenommen am 20. Dezember 1992.

Hippolyt Kempf in Aktion beim Skispringen beim Weltcup der Nordischen Kombination in St. Moritz, aufgenommen am 20. Dezember 1992.

Keystone

Der heutige Athlet muss sich sorgen?

Nicht unbedingt. Auch auf ihn und sein sportliches Umfeld kommt heute schon eine spannende Entwicklung zu. Als Skispringer wäre es doch auch gut zu wissen, wie es sich genau anfühlt, über die neue Schanze am Holmenkollen zu fliegen. Der Football-Spieler in den USA möchte sämtliche Eventualitäten des nächsten Spielzugs kennen und trainieren können. Ein Sportler wird bald die Gelegenheit haben, seinen gesamten Wettkampf virtuell zu simulieren. Sein Wissen wird ungleich grösser sein, bevor er überhaupt je einmal über die Schanze geflogen ist oder einen Ball berührt hat.

Und wie ist die Rolle des Trainers?

Offensichtlich gibt es eine virtuelle Welt, in der etwas rekonstruiert wird. Ich als Trainer möchte doch am liebsten den realen Athleten rekonstruieren. Ich möchte heute schon ein Beobachtungssystem haben, das mir jederzeit Bescheid gibt über Puls, Körpertemperatur, Blutwerte, Temperatur der Schuhsole usw. Ich will den transparenten Athleten! Ich bekomme ein genaues Bild meines Sportlers, kann ihn coachen, kann ihn kontrollieren. Ich bin dann per Knopf im Ohr mit ihm verbunden und teile die Erkenntnisse mit ihm. Da wird in naher Zukunft brutal die Post abgehen. Aber natürlich stellt sich aus Sicht des Sportlers die Frage: Was toleriere ich, wie viel gebe ich von mir preis? Der Athlet hat ein Recht auf diese Daten und kann entscheiden, was damit passiert.

Zurück zum System. Kannibalisiert sich der Sport nicht selbst, wenn er auf die virtuelle Karte setzt?

Auf jeden Fall gibt es einen enorm spannenden Blick auf die Entwicklung weg vom realen zum virtuellen Produkt. Zu einem Produkt, das vielleicht in Zukunft das Original gar nicht mehr braucht. Im Moment braucht man das Original noch, um das virtuelle Erlebnis zu verkaufen: Tennis spielen wie Federer, Fussball spielen wie Messi. Mit einer eLeague im Fussball will man reale Marken wie Bayern München wertvoller machen. Das echte Lauberhorn-Rennen dient als Vorlage für das fiktive Befahren der Strecke. Unsere Bemühungen zielen dahin, ein bestehendes Produkt zu promoten. Der Link zur Realität könnte sich aber irgendwann in der Zukunft auflösen. Jene Sportverbände, denen es gelingt, die Hoheit auch über diese Entwicklung zu behalten, werden in Zukunft führend sein.