Lüthi-Rücktritt
Vater Hansueli Lüthi nach der Rücktrittsankündigung seines Sohnes Tom: «Manchmal habe ich mir gewünscht, er wäre Pianist…»

Tom Lüthi erklärt auf seinem Bauernhof im bernischen Linden, warum er Ende Saison aufhört und wie es dann weitergeht.

Klaus Zaugg
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Die Töffgwändli buchstäblich an den Nagel gehängt: Tom Lüthi posiert in der Garage bei sich zu Hause in Linden.

Die Töffgwändli buchstäblich an den Nagel gehängt: Tom Lüthi posiert in der Garage bei sich zu Hause in Linden.

Anthony Anex/Keystone

Das schmale Strässchen führt vom 1300-Seelen-Dorf Linden zu einem kleinen bäuerlichen Anwesen in Hanglage auf einer Meereshöhe von etwas mehr als 900 Metern. So stellen wir uns die Heimat eines Kranzschwingers vor.

Aber Tom Lüthi war nie ein Schwinger. Von hier aus ist er vor 20 Jahren losgezogen, um die Töffwelt zu erobern. Seit 2017 wohnt er wieder hier. Und nun erklärt er in idyllischer Gotthelf-Umgebung die Gründe für den Karriereschluss per Ende Saison.

Wann hat er sich zum Rücktritt entschieden? Ist er eines Morgens aufgewacht und hat sich gesagt: So, das war’s? Lüthi sagt:

«Nein. Den Entscheid habe ich nach dem Rennen am letzten Sonntag und reiflicher Überlegung gefällt. Es gibt nicht DEN, es gibt viele Gründe. Wichtig ist für mich, dass es mein Entscheid ist. Ich muss nicht aufhören. Ich darf aufhören und erhobenen Hauptes gehen.»

Ob er sich nach dem letzten Rennen eine Pause gönnen wird? Ein, zwei Monate abschalten? «Etwas in der Richtung. Aber ich weiss es noch nicht», sagt Lüthi. Er plane auch nicht, eine Familie zu gründen.

«Wahnsinnige» Entwicklung im Motorradsport

Er hätte noch ein, zwei Jahre fahren können. «Aber ich mache keine halben Sachen. Wenn ich fahre, dann will ich gewinnen, und das ist nicht mehr möglich.»

Tom Lüthi im November 2014 in Valencia.

Tom Lüthi im November 2014 in Valencia.

Kai Foersterling/EPA

Das ist Tom Lüthi: ganz oder gar nicht. Die Entwicklung der letzten Jahre bezeichnet er als «Wahnsinn». Junge Fahrer, die mit 15 schon in allen Bereichen ausgebildet und trainiert sind. «Das ist extrem, ja krass.» Es ist eine Dynamik, die auch ihn in einem gewissen Sinne überrollt hat.

Im Mai ist sein Freund Jason Dupasquier mit 19 Jahren beim GP von Italien tödlich verunglückt. Er hätte Tom ­Lüthis Nachfolger werden können. Spielt diese Tragödie beim Rücktrittsentscheid eine Rolle? «Nein, dieser Schicksalsschlag hat eine ganz andere Bedeutung. Für meinen Entscheid spielen sportliche und berufliche Überlegungen eine Rolle.»

Es sei der richtige Zeitpunkt für eine neue berufliche Herausforderung. Tom Lüthi übernimmt im Mandat das Management des 16-jährigen Noah Dettwiler, der über Nachwuchs-Rennserien den Einstieg in die Moto3-WM anstrebt und der nächste Schweizer GP-Pilot werden kann.

Lüthi wird auch in Zukunft für den Motorsport um die Welt reisen

Ab Jahresbeginn 2002 wird Tom Lüthi hauptberuflich Sportchef des deutschen Moto3-WM-Teams von Florian Prüstel. Er wird für die Organisation des sportlichen Betriebs, für die Betreuung und Rekrutierung der zwei Piloten und das Juniorteam verantwortlich sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Noah Dettwiler in diesem Team in den nächsten zwei Jahren ein GP-Pilot wird.

Tom Lüthi und sein Motorrad zu Hause in Linden.

Tom Lüthi und sein Motorrad zu Hause in Linden.

Anthony Anex/Keystone

Tom Lüthi bleibt also im Geschäft. Er wird weiterhin um die Welt reisen, die Batterien auf dem Barschwand aufladen und wieder aufbrechen. Glücklich, seinen Platz in einer Welt behalten zu können, die seit 20 Jahren seine Heimat ist. Daniel Epp, der ihn über all die Jahre als Freund und Manager begleitet hat, wird er weiterhin um Rat fragen können. Lüthi sagt:

«Würde ich etwas anderes machen, müsste ich ganz von vorne anfangen.»

Das enorme, in zwei Jahrzehnten erworbene Wissen von Tom Lüthi geht dem Rennsport also nicht verloren. Wird er so etwas wie ein Bernhard Russi unseres Töffrennsports? Da muss er lachen und sagt, daran habe er gar nicht gedacht. «Das wäre wirklich cool…»

Zwanzig Jahre sind seit dem Beginn seiner grossen Karriere ins hügelige Land an der Wasser- und Kulturscheide zwischen dem Berner Oberland und dem Emmental gezogen.

Aus dem «Töfflibub» von 2002 ist ein selbstsicherer, charismatischer Mann geworden, der genau weiss, was er will. Und in dieser Zeit hat sich auch der ­Bar­schwand verändert. 2017 hat Tom Lüthi das Anwesen von seinen Eltern übernommen, renoviert und ausgebaut. Es ist die Erde, aus der Tom Lüthi seine Kraft bezieht. Auch deshalb ist er so gut geerdet.

Vater Hansueli Lüthi: «Es war nicht immer leicht»

Dem Besucher fällt eine Holzbank mit der Gravur «Zur Pensionierung 2021» auf. Nein, es ist kein launiges Geschenk zum Rücktritt von Tom Lüthi. Zufälligerweise fällt die Pensionierung seines Vaters Hansueli ins gleiche Jahr wie der Rücktritt seines Sohnes vom Spitzensport. Er hat neben der längst aufgegebenen Landwirtschaft in einem Sanitärgeschäft gearbeitet. Und – anders als sein Sohn – er tritt trotz AHV und Pension nicht zurück.

«Es gibt so viel Arbeit, und es fehlen die Fachkräfte. Ich mache noch ein wenig weiter…» Er ist froh, dass der Sohn Tom so gut durch all die Jahre gekommen ist. Der Vater sagt:

«Es war nicht immer leicht. Manchmal habe ich mir gewünscht, Tom wäre Pianist…»

Der Vater und die Mutter wirken jung und nicht wie Rentner. Und der Sohn auch nicht wie ein «sportlicher Rentner». Er hat im Laufe seiner Karriere zwar beide Schlüsselbeine, den Fuss und den Ellenbogen gebrochen, und 2013 hing seine Karriere nach dem Ellenbogenbruch an einem seidenen Faden.

Valentino Rossi gratuliert Tom Lüthi 2005 zum WM-Titel.

Valentino Rossi gratuliert Tom Lüthi 2005 zum WM-Titel.

Fernando Bustamamnt/AP

Mit einer enormen Willensleistung hat er diesen Unfall auch zur Überraschung der Ärzte praktisch vollständig überwunden und ist an die Weltspitze zurückgekehrt. Tom Lüthi sagt, wenn er am Morgen aufstehe, fühle er keine Schmerzen. Das können bei weitem nicht alle Rennfahrer sagen, wenn sie den Helm an den Nagel hängen. Manche zwickt es schon, wenn sie nur den Helm aufhängen.

310 Grands Prix ist Tom Lüthi bis heute gefahren. Noch sieben Rennen bleiben bis zum Ende der Saison, bis zum Ende seiner Karriere. Kann er jetzt, nach der Rücktrittserklärung, noch ganz bei der Sache sein? «Oh ja.» Eigentlich hätte sich diese Frage erübrigt. Tom Lüthi macht keine halben Sachen.

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