Es ist wie ein Theaterstück, was nach dem Spiel im Kabinengang aufgeführt wird. Titel: «Der Verlierer hat immer unrecht.» Der Trainer und ein paar Spieler werden einem Verhör unterzogen. Wie auf frischer Tat ertappte Delinquenten müssen sie sich gleich vor einer Gruppe von Verhörrichtern rechtfertigen, die ihnen Mikrofone und Aufnahmegeräte hinhalten.

Die ZSC Lions haben in Lugano soeben die dritten Finalpartie 0:3 verloren. Trainer Hans Kossmann hat sich einiger Vergehen schuldig gemacht. Er wird gefragt, warum er Drew Shore, der beim 5:4 n. V. im Hallenstadion ein Tor und zwei Assists produziert hatte, durch Pascal Pelletier ersetzt habe. Pelletier ist in Lugano eine offensive Nullnummer.

Er wird auch gefragt, warum er den jungen Verteidiger Tim Berni (18) ruhen liess und erstmals in diesem Final den Veteran schlechthin, Mathias Seger (40), gebracht habe. Seger geht mit einer Minus-2-Bilanz vom Eis.

Hans Kossmann bleibt ruhig und gelassen.Er hat auf die Fragen keine Antworten. Nur die üblichen Floskeln. Er sagt, er werde nun wohl am Mittwoch wieder Shore bringen. Aber als nachgefragt wird, ob also am Mittwoch wieder Shore spielen werde, mag er keine Bestätigung liefern.

Alle Tore zum 3:0-Sieg vom HC Lugano in Spiel 3

Hans Kossmann kann keine tiefgründigenAntworten liefern, weil es keine gibt. SeineJungs haben nämlich weder fehlerhaft noch zu passiv gespielt. Sie waren sogar besser als 48 Stunden zuvor beim Verlängerungsdrama gegen den gleichen Gegner im Hallenstadion.

Aber wer 0:3 verloren hat, ist immer im Unrecht. Hans Kossmann könnte, müsste eigentlich, sagen, dass man taktisch clever und defensiv solide gespielt habe. Dass man die Hoheit in den Zweikämpfen und den Gegner weitgehend unter Kontrolle hatte. Kurzum: Dass man eigentlich besser gewesen sei als beim 5:4-Sieg nach Verlängerung vor zwei Tagen. Aber das kann, darf er nach einer 0:3-Niederlage nicht sagen.

Es ist eine seltsame Niederlage an einem verhexten Abend. Die ZSC Lions waren von den Hockey-Göttern verlassen, die am Samstag noch geholfen hatten. Der alles entscheidende Faktor, auf den wir uns beschränken könnten, ist ganz banal und wird jetzt, im Kabinengang, viel zu wenig gewürdigt und ist auch im Stadion fast ein wenig übersehen worden: die Leistung von Luganos Torhüter Elvis Merzlikins (24). Selbst die «Curva Nord», die kreativste, heisseste Fankurve der Hockeywelt, feiert ihn nur einmal ausgiebig. Als er den alleine anstürmenden Ronalds Kenins stoppt.

Der athletische, flinke, reflexschnelle Riese (191 cm/83 kg) hat wahrscheinlich den besten wichtigen Match seiner Karriere gespielt. Und das hat dazu geführt, dass spätestens bei Spielmitte allen im Stadion und insgeheim auch Hans Kossmann klar wird: Heute können wir fünf Stunden spielen und es fällt kein Tor. Es ist die verhexte Nacht der Zürcher Ohnmacht.

Es gibt diese Tage, an denen ein Torhüter einfach alles hält. Und wenn er doch an einen Puck nicht mehr herankommt, dann stehen ihm die Hockeygötter bei. Wie beim Pfostenschuss von Pius Suter beim Stande von 0:0. Aber Trainer Hans Kossmann sagt, dass selbst eine 1:0-Führung wahrscheinlich nicht vorentscheidend gewesen wäre. Klar, am Ende steht es schliesslich 3:0.

Nur «gut» hätte nicht gereicht

Nur mit einem guten Merzlikins hätte Lugano diese Partie nicht gewonnen. Es brauchte einen grossen, einen magischen Merzlikins. Er hielt die Hockeygötter davon ab, zu würfeln.

All die klugen Analysen über dieses dritte Finalspiel, über die smarte, disziplinierte Spielweise Luganos, über die Passivität der Zürcher, über die Energie, die das Publikum auf die Mannschaft übertragen hat, wären Makulatur, wenn Merzlikins nicht auf den Kopf gestanden wäre.

Er hat alle Pucks, die auf seinen Kasten gefeuert wurden, pariert. Die ZSC Lions haben die Partie mit 29:21 Torschüssen dominiert. Gegen diese starken ZSC Lions in einem so wichtigen Spiel alle Pucks zu halten – das ist wahrlich eine grossartige Leistung.

Wer es ein bisschen polemisch mag, kann diese Partie, sogar alle weiteren Spieledieser Finalserie, auf einen Satz zuspitzen: «Merzlikins alleine gegen die Zürcher.» Nur Luganos Torhüter steht den ZSC Lions heute Abend vor dem dritten Sieg im Final – und vor dem Titelgewinn.