EM 2016
Ludovic Magnin: «Nie hatte die Nati bessere Spieler als heute»

Ludovic Magnin weiss, wie Fussball funktioniert. Der ehemalige Nationalspieler sagt, was er von den Leistungen der Schweiz an der EM hält und ob es in der Mannschaft tatsächlich einen «Balkangraben» gibt.

François Schmid-Bechtel
Merken
Drucken
Teilen
«Stephan Lichtsteiner hat etwas gesagt, was viele denken. Es ist, wie es ist. Auch in meiner Mannschaft habe ich viel mehr Doppelbürger als richtige Schweizer.»

«Stephan Lichtsteiner hat etwas gesagt, was viele denken. Es ist, wie es ist. Auch in meiner Mannschaft habe ich viel mehr Doppelbürger als richtige Schweizer.»

Mario Heller

Sportplatz Heerenschürli am äussersten Rand von Schwamendingen. Unweit der südlichen Anflugschneise des Zürcher Flughafens. Dutzende von Junioren schuften in der Agglomeration, um ihren Traum vom Fussballprofi zu verwirklichen. Mittendrin Ludovic Magnin, der die U18 des FC Zürich trainiert. Experten prophezeien dem Mann mit den 62 Länderspielen eine grosse Trainerkarriere. Wir setzen uns in die Cafeteria. Am Bildschirm läuft, worüber wir sprechen – die Fussball-EM. Sofort wird klar: Von seinem früheren Elan als Aussenverteidiger hat er nichts eingebüsst.

Ludovic Magnin, hätten Sie Lust, in der aktuellen Nationalmannschaft mitzuspielen?

Ludovic Magnin: Was für eine Frage! Nein. Ich hatte meine Zeit in der Nati. Ich trauere nichts nach. Lust, für sein Land eine EM zu spielen, hat man wohl immer. Aber man muss auch erkennen, wann die Zeit zum Rücktritt reif ist. Ausserdem hätte ich als linker Aussenverteidiger eh keinen Platz in dieser Mannschaft.

Was halten Sie von dieser Nati?

Nie hatte die Schweiz die besseren Einzelspieler als heute. Aber ob diese Nati auch die beste Schweizer Mannschaft ist, muss sie erst beweisen.

Das hat sie bis dato nicht?

Nein, überhaupt nicht. Die aktuelle Nati hat nicht die besseren Resultate erreicht als zu meiner Zeit. Ich hoffe, dass sie es an dieser EM schaffen. Nur: Das Niveau dieser EM ist durch die Aufstockung auf 24 Teams drastisch gesunken. Es gibt Teams wie Nordirland, Albanien oder Island, die sich früher nie qualifiziert hätten.

Trotzdem tun sich die Grossen schwer. Portugal kommt nicht über ein 1:1 gegen Island hinaus. Obwohl der Marktwert von Cristiano Ronaldo doppelt so hoch ist wie jener der 23 Spieler aus Island.

Das ist eine Frage der Mentalität. Die kleinen Teams sind euphorisiert, weil sie erstmals an einer EM teilnehmen. Ausserdem haben sie nichts zu verlieren. Die grossen Spieler hingegen kommen müde an die EM, weil sie fast doppelt so viele Spiele in den Beinen haben wie die kleinen. Kommt dazu, dass Ronaldo sich noch vor zwei Wochen auf einer Jacht erholt und die Partie gegen Island nicht wahnsinnig ernst genommen hat. Aber grosse Spieler wie Ronaldo wachsen mit der Aufgabe, die sie gestellt bekommen.

Die beste Schweizer Mannschaft aller Zeiten war jene von der WM 2006?

Natürlich, keine Frage (lacht). Aber ich habe mit dieser Mannschaft auch die schlimmste Niederlage meiner Karriere erlebt. Das Aus gegen die Ukraine im Achtelfinal tut mir heute noch sehr weh. Und ich werde noch Jahre brauchen, um mit diesem Erlebnis abzuschliessen.

Dabei sind schon zehn Jahre vergangen.

Aber ich habe das Gefühl, als sei es gestern passiert. Die ganze WM 2006 ist noch absolut präsent. Das war etwas ganz Besonderes.

Damals, 2006, ist die Schweiz mit dem Ziel ins Turnier, die Gruppenphase zu überstehen. Die heutige Generation setzt sich höhere Ziele.

Dass wir 2006 unser Ziel so tief angesetzt haben, war ein Fehler. Dass die heutige Generation selbstbewusster ist, gründet auch im WM-Titel der U17-Nationalmannschaft 2009. Für Xhaka, Rodriguez und wie sie alle heissen war das ein Aha-Erlebnis. Nach dem Motto: Alles ist möglich im Fussball.

Beim 1:1 gegen Rumänien sah das schon ziemlich gut aus.

Ich habe keine Schweizer Gala gesehen wie viele andere. Es war ein guter, aber kein sehr guter Auftritt. Trotzdem: Ausser Italien hat bisher keine Mannschaft besser gespielt als die Schweiz. Die EM wird eine enge Kiste. Aber irgendwann werden die grossen PS-Maschinen wie Deutschland und Spanien ihren Motor anwerfen und die Konkurrenz aus dem Weg räumen.

Ist Frankreich auch eine grosse PS-Maschine?

Vor dem Turnier hätte ich Ja gesagt. Aber in den ersten zwei Spielen hat mich diese Mannschaft nicht beeindruckt. Nur, häufig triumphiert am Schluss ein Team, das Mühe hat in der Gruppenphase. Und wenn man bedenkt, dass die Franzosen zweimal kurz vor Schluss ihre Spiele entschieden, könnte es für sie gut ausgehen. Es ist häufig der gleiche Mechanismus: Ein Team, das kritisiert wird, Schläge einstecken muss, rückt näher zusammen und wird dadurch nur noch stärker.

Die Franzosen können jetzt erst mal durchatmen: Der Einzug in die Achtelfinals ist geschafft. Ein Vorteil für die Schweiz?

Das muss nicht sein. Frankreich hat immer Druck. Und Frankreich hat mit Didier Deschamps einen sehr, sehr starken Trainer. Er war zwar kein grosser Fussballer, aber er war der Chef einer Mannschaft, die Welt- und Europameister geworden ist. Wer das kann, wird später auch ein grosser Trainer. Es gibt Menschen, die Titel anziehen. Deschamps ist so einer. Deshalb traue ich Frankreich den EM-Titel zu.

Was lernen wir bis jetzt von dieser EM?

Diese EM lebt vom Enthusiasmus der kleinen Teams. Von der Spannung und der Härte. Aber ich sehe keine Teams, die voll auf Offensiv-Fussball setzen. Noch ist die EM eine taktische Angelegenheit.

Was lernen Sie als Trainer?

Ich habe schon als Spieler eine Partie seziert. Neu ist jetzt, dass ich Ideen klaue.

Welche Ideen?

Taktische Ideen, Spielaufbau, Standardsituationen oder einfach ein Trick. Ja, man klaut ständig. Denn es gibt immer Trainer, die gute Ideen haben. Und die EM bestärkt mich, was ich schon immer sage: Mentalität schlägt Qualität.

Worauf achten Ihre Junioren bei der U18 des FC Zürich?

Das müssen Sie sie fragen.

Wird das in der Kabine nicht diskutiert?

Doch, doch. Das Super-Tor von Marek Hamsik. Und sonst wird über Schuhe, Tattoos und Frisuren diskutiert. Meine Kinder sind nicht anders. Ich staune, was sie sehen und ich nicht sehe. Das beweist, dass ich reifer geworden bin (lacht).

Meine Frau achtet auf die Bandenwerbung.

Meine auf die schönen Spieler.

Sie hat doch einen zu Hause.

Nicht mehr. Also nicht mehr schön. Ich esse zu viel. Aber ich geniesse es ungemein, mit meiner Familie zusammen zu sein. Heute ist es mir ein Rätsel, wie ich es geschafft habe, sieben Wochen in einem Hotel zu sein ohne Familie, ohne Kinder. Aber klar: Ich kannte als Spieler nichts anderes.

Sie sagten: An der WM 2006 gab es während sieben Wochen nicht ein Problem innerhalb der Mannschaft. Was hat diese Harmonie ausgemacht?

Die WM 2006 unterscheidet sich sehr stark von jener in Südafrika. 2010 hat Ottmar Hitzfeld den grossen Fehler gemacht, ein Hotel zu wählen, das weit weg jeglicher Zivilisation lag. Es war richtig trostlos. Wir Spieler haben uns sogar gefreut, an die Pressekonferenz zu gehen. Wir waren froh, Journalisten zu sehen, so schlimm war es (lacht). Kein Wunder, kam damals Lagerkoller auf. Um ein Turnier erfolgreich zu bestreiten, ist die Freizeitgestaltung von elementarer Bedeutung.

Okay, aber in Deutschland logierte die Nati in Bad Bertrich – einem Mekka für Krampfadern-Patienten.

Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen. Es braucht kein pulsierendes Nachtleben mit Disco und so. In Bad Bertrich hat uns Köbi Kuhn erlaubt, unsere Familie zu sehen, rauszugehen, einen Kaffee zu trinken und Freunde zu treffen.

In Bad Bertrich haben sich auch mal zehn Spieler in einem Zimmer versammelt und bis 24 Uhr Karten gespielt.

Hab ich nicht mal gesagt, wir hätten bis 2 Uhr morgens gezockt?

Vielleicht. Reicht es der heutigen Spielergeneration, wenn sie online gehen kann?

Sie meinen, sie haben die Freundin oder die Frau immer dabei?

Quasi.

Man kann sich darüber aufregen, aber das bringt nichts. Wenn ich mit meinen Spielern nach Genf fahre, spielen sie schon miteinander. Der eine sitzt ganz vorn im Bus, der andere ganz hinten, und jeder hat sein Smartphone. Das ist der Lauf der Zeit. Da muss man als Trainer ein Stück weit mitgehen. Natürlich: Jassen, zusammen ausgehen – das schweisst zusammen. Wir sind damals auch mal alle gemeinsam nach Zürich ins Kaufleuten gefahren. Das ist heute wohl nicht mehr möglich.

Und wenn Lichtsteiner von «echten und anderen Schweizern» spricht und diese Zeitung den Balkan-Graben thematisiert ...

... ist das absolut richtig. Lichtsteiner hat gesagt, was viele denken. Es ist, wie es ist. Auch in meiner Mannschaft habe ich viel mehr Doppelbürger als richtige Schweizer. Nur: Was ist heutzutage ein richtiger Schweizer?

Sind Sie einer?

Ich? 100 Prozent? Ich mag Käse, ich mag Schokolade, ich kann jassen. Ich spreche Deutsch, Französisch und Italienisch. Ich bin Romand, mit einer Deutschschweizerin – einer Ostschweizerin sogar – verheiratet. Mehr Schweizer geht gar nicht (lacht).

Eigentlich müssten Sie Bundesrat werden.

Absolut. Endlich einer, der diese Erkenntnis hat. Aber ich muss erst noch Nachhilfe in Diplomatie nehmen.

Hat Lichtsteiner mit seiner Aussage etwas Positives ausgelöst?

Garantiert. Die Spieler sind sich des Problems bewusst. Neu war nur, dass es einer öffentlich angesprochen hat. Wenn in der Schweiz etwas Ungemütliches gesagt wird, gibts gleich einen Aufschrei. Das ist typisch. Aber was ist an dieser Thematik ungemütlich? Wenn ich beim Public Viewing in Buchs bin, sagen alle das Gleiche wie Lichtsteiner. Trotzdem mögen die Leute Embolo. Nur das zählt.

Aber die Begeisterung in der Schweiz ist nicht vergleichbar mit 2006.

Der Schweizer braucht etwas Aussergewöhnliches, um sich zu begeistern. Aber diese Nati hat noch nichts Aussergewöhnliches geleistet.

Ist diese Nati überhaupt fähig dazu?

Das muss sie zeigen.

Ist diese Nati so gut, wie sie selber glaubt?

Das frage ich mich auch. Die Spieler haben ein viel grösseres Selbstbewusstsein, als wir es hatten. Das ist schon mal gut. Aber der Grat ist schmal zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz. Wir haben unsere fussballerischen Defizite mit Leidenschaft und Herz kompensiert. Das spielerische Potenzial der heutigen Nati ist viel grösser. Aber die Ergebnisse sind etwa die gleichen.

Sie haben gegen Frankreich nie verloren und sogar ein Tor erzielt.

Ich muss ehrlich sein. Das Tor zum 1:1 in Bern wurde mir geschenkt. Denn Lilian Thuram hat meinen Schuss abgelenkt. Trotzdem: eine super Erinnerung für mich. Meine Frau lag während dieser Partie schwanger im Spital.

Ist es für einen Romand spezieller, gegen Frankreich zu spielen?

Ja, das ist wie für die Deutschschweizer gegen Deutschland. Wir wachsen mit dem französischen Fernsehen und dem französischen Fussball auf. Doch wir können die Franzosen nicht leiden, weil sie alles besser wissen (lacht). Und dann Weltmeister 1998, Europameister 2000 – und die Franzosen waren noch schöner und besser, als sie eh schon sind. Es ist eine Hassliebe.

Und wenn Ihre Junioren fragen, wie es war, gegen Messi zu spielen?

Sage ich ihnen, dass ich wie alle anderen auch keine Chance hatte, obwohl ich wusste, dass er immer links vorbeigeht.

Sie haben eine Primarlehrer-Ausbildung gemacht, ehe sie Profi wurden. Wäre ein solcher Weg heute noch möglich?

Eigentlich nicht. Wer Karriere machen will, sollte zwar mit 13 oder 14 in einem Top-Verein sein, aber man muss noch nicht alles auf den Fussball setzen.

Vor sieben Jahren sagten Sie: «Ich würde gerne mal als Trainer arbeiten. Aber nicht im Profibereich. Gilt dieser Satz noch?

Nein, nicht so kategorisch. Es gibt für alles die richtige Zeit. Im Moment bin ich noch in der Ausbildung. Viele würden es anders machen als ich. Aber ich habe viele Freunde, die als Trainer sofort im Profibereich eingestiegen sind, jedoch auch schnell wieder verschwunden sind. Lucien Favre, mein Fussball-Vater, hat bei den C-Junioren in Echallens begonnen. Er sagte mir auch: Schritt für Schritt. Ich war als Spieler gut genug für Top-Mannschaften, aber ich war nicht Weltklasse. Wenn ich als Trainer die Möglichkeit habe, erfolgreicher zu sein als der Spieler Magnin, warum sollte ich es dann nicht tun?