Kunstturnen

Lucas Fischer arbeitet nach seiner fünften Fussoperation an einem Comeback

Lucas Fischer: «Die Leute verstehen vielleicht nicht, wieso ich immer weitermache»

Lucas Fischer: «Die Leute verstehen vielleicht nicht, wieso ich immer weitermache»

Kunstturner sind harte Kerle. Nur drei Wochen nach einer komplizierten Fussoperation startet Lucas Fischer wieder mit dem spezifischen Training, turnt am Barren, als ginge es um den EM-Titel. Einfach unglaublich..

Doch das ist nichts im Vergleich zur mentalen Kraft, die im 21-Jährigen steckt. Seit Jahren arbeitet Fischer daran, bei internationalen Meisterschaften sein Potenzial unter Beweis zu stellen, zu zeigen, dass er in dieser Sparte zu den Weltbesten gehört. Immer wieder werden die Hoffnungen geknickt, seine Träume zerstört. Vier Fussoperationen in Serie zwingen ihn zu Neuaufbau nach Neuaufbau. Eptileptische Anfälle, einmal sogar mitten im Wettkampf während der Reckübung, zerstören einen möglichen Olympiastart in London. Wieder heisst es für den jungen Sportler aus Möriken: Warten mit der Ungewissheit. Geht die Karriere weiter oder war es das?

Bei Lucas Fischer geht es immer weiter. „Ich bin das Stehaufmännchen im Aargauer Sport", sagt er im März bei seiner Wahl zum Aargauer Sportler des Jahres. An der Gala singt er auf emotionale Art und Weise, zeigt dem Publikum seine ganz persönliche Therapieform für die unzähligen Rückschläge, lässt die Zuschauer in sein Inneres blicken. Und er freut sich. Das Comeback steht an. Dieses gelingt perfekt. Anfangs Mai wird er diskussionslos für die Europameisterschaft in der Pfingstwoche in Südfrankreich selektioniert. „Ich konnte nicht damit rechnen, dass ich dies schon wieder schaffe", sagt ein überglücklicher Lucas Fischer, „aber ich war wirklich wieder perfekt in Form. Ich habe mich unglaublich auf die EM gefreut".

Ein Tag nach der Selektion trainiert der 21-Jährige - wegen der anstehenden Lehrabschlussprüfung seit Januar regelmässig - im Kunstturnzentrum Niederlenz. Beim Bodenturnen übt er den Salto mit zweieinhalb Längsachsendrehungen. Bei der Landung knickt sein linker Fuss ein. „Nicht schon wieder", schiesst es Fischer durch den Kopf, „ich habe genau gewusst, was da passiert ist." Viel schlimmer konnte es nicht kommen: zwei Aussenbänder und ein Innenband gerissen, ein Kapselriss und der Knochen gesplittert. Operation, sechs Wochen Stöcke und Gehgips, ein gutes halbes Jahr oder länger Wettkampfpause. Dabei wollte Fischer doch an der EM brillieren.

„Ich konnte es einfach nicht verstehen", beschreibt der Aargauer die Gefühlswelt der ersten Tage. „Ich war so enttäuscht von mir, richtig hässig. Es war unerträglich schlimm." Aber Lucas Fischer bleibt auch jetzt dieses unglaubliche Stehaufmännchen. Es scheint, als mache ihn jede Verletzung im Kopf noch stärker. „Ich wusste, dass ich nicht lange in dieser Gefühlswelt verbleiben durfte, sonst wäre ich in einem tiefen Tal versunken", sagt er.

Noch nie sei er nach einem Rückschlag physisch wieder so schnell auf den Beinen gewesen. „Und ich liess diesmal auch nicht mehr zu, dass ich in ein mentales Loch falle. Es ist eigentlich ein Wunder, was ich da mache", sagt er. „Die Leute verstehen vielleicht nicht, wieso ich immer weitermache." Das Turnen bedeute ihm eben so ungeheuer viel und er spüre das Potenzial, das in ihm steckt und das er eines Tages zum Ausbruch bringen will.

Doch wer gab ihm in dieser Zeit die nötige Kraft, um nur drei Wochen nach dem schlimmen Unfall wieder voller Motivation und Tatendrang nach vorne zu schauen, von der EM und WM 2013 zu sprechen, von Olympia 2016 zu träumen? „Niemand, nur ich selber", sagt der KV-Lehrling, für den nächste Woche die Lehrabschlussprüfungen beginnen. Eine bessere Note erwartet Fischer durch die zusätzliche Zeit zum Lernen kaum. „Über Schulbüchern zu sitzen ist nicht unbedingt die beste Therapieform für mich", sagt er.

Seine Gesangskarriere viel eher. Drei Auftritte in den letzten Wochen haben ihm geholfen, den x-ten Rückschlag zu überwinden. „Ich kann meinen Gefühlen in einer anderen Kunstform freien Lauf lassen." Deshalb peilt Fischer für die Zukunft auch nicht einen Job als Kaufmann an, sondern sucht Wege, um seine beiden grossen Leidenschaften Kunstturnen und Singen als Künstler zu verbinden. Man wünscht sich, Lucas Fischer bald wieder turnen zu sehen. Und jubeln. Am besten mit einer Medaille um den Hals.

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