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«London Games» im neuen Spurs-Stadion beweisen: Europa ist reif für mehr NFL

Gigantische Kulisse: 60'087 Zuschauer besuchten die Partie zwischen den Bucs und den Panthers.

Gigantische Kulisse: 60'087 Zuschauer besuchten die Partie zwischen den Bucs und den Panthers.

Der NFL-Hype in Europa ist nicht zu stoppen: In dieser Saison trägt die Liga gleich vier Spiele in London aus, dabei wird auch das neue Tottenham-Stadion genutzt. Der Bau ist darauf ausgelegt, öfters Besuch aus Nordamerika zu bekommen und deutet an, dass europäische Fans bald noch mehr erwarten könnte.

Sowas hat London live noch nie gesehen! Erster Spielzug der Tampa Bay Buccaneers, Jameis Winston kriegt das Football-Ei und wirft das ovalförmige Leder sogleich in die Hände von Panthers-Cornerback James Bradberry. Tottenham bebt. 

Jameis Winston wirft nach drei Sekunden eine Interception.

Erste Interception nach nur drei Sekunden. Will heissen: Die Tampa Bay Buccaneers haben soeben in Rekordzeit den Versuch auf einen ersten Touchdown verschenkt. Ein kurioser Start,  den selbst eingefleischte Fans – die normalerweise jeden Sonntag vor dem TV kleben – noch selten gesehen haben. 

Das Spiel zwischen den Bucs und den Panthers hatte einiges zu bieten.

Ausgerechnet das Heimteam liefert beim «NFL London Game» einen Horrorstart ab. Zum Glück wird die Stimmung dadurch kaum gedrückt, die Partie findet nämlich auf englischem Boden statt. Zudem sind die Buccaneers-Fans ohnehin in der Unterzahl. Warum hier ein Heimteam überhaupt definiert werden muss, bleibt fraglich. 

Eindrücklich: Die «South Stand»-Tribüne hat eine Kapazität von 17'500 Zuschauer und ist damit die grösste auf der Insel.

Ganz anders sieht es bei den Fans der Carolina Panthers aus. Sie drücken der Stimmung im Tottenham Hotspurs Stadium den Stempel auf. Ihr Team spielte in den letzten Jahren immer um die Playoffs und stand 2015 gar im Super Bowl. Dementsprechend hat die Organisation in den letzten fünf Jahren auch von der Zunahme der NFL-Fans in Europa profitiert. 

85'780 Zuschauer im Wembley 

Allgemein hat sich die NFL in Europa eingenistet. Mehr denn je. Zum ersten Mal überhaupt werden vier Spiele an vier Wochenenden im Rahmen der «NFL International Series» in London ausgetragen. Zwei im Wembley und zwei im neuen Stadion der Spurs. 

Wenn man zurückblickt, ist die Entwicklung nicht selbstverständlich. American Football ist ein amerikanischer Sport und hat ausserhalb von Nordamerika keine Tradition. Das erste Markterweiterungs-Projekt «World League of American Football» (später NFL Europe), wurde nach 15 Spielzeiten im Jahr 2007 eingestellt. 

So sieht das aus, wenn über 85'000 Zuschauer nach Wembley zum NFL-Spiel reisen.

Seither versucht die umsatzstärkste Sportliga der Welt mit NFL-Partien in London die Faszination Football in Europa aufrecht zu halten. Mit Erfolg: Unglaubliche 85'780 Zuschauer sahen 2018 das Spiel zwischen den Philadelphia Eagles und den Jacksonville Jaguars im Wembley. Es ist der bisherige Zuschauer-Rekord bei den London Games.  

Cheerleaderinnen, Marching Band und Videoshows

Ein Rekord, der vorerst nicht gebrochen wird. Das Spiel zwischen den Buccaneers und den Panthers ist mit 60'087 Zuschauern zwar praktisch ausverkauft, allerdings kommt das Stadion von der Kapazität nicht ans Wembley ran. 

Dass der Hype im Vergleich zum Vorjahr weiter gewachsen ist, wird an diesem Wochenende trotzdem bestätigt. Das Format #ranNFL auf dem Spartensender «Pro Sieben MAXX» erzielt den Rekordwert von 5,9% Marktanteil bei der relevanten Zielgruppe. Noch nie haben so viele Zuschauer ein London Game auf dem Sender gesehen. 

Der Sender Pro Sieben MAXX bestätigt den neuen Quoten-Erfolg.

Folglich ist es auch logisch, dass neben vielen Briten vor allem Fans aus Deutschland nach London gereist sind, um sich das Spektakel anzusehen.

Und tatsächlich, sie kriegen auch eines geliefert. Die Panthers besiegen die Buccaneers mit 37:26 – insgesamt 7 Touchdowns und 4 Fieldgoals dürfen bejubelt werden. 

Highlight des Spiels: Dieser Touchdown von Star-Runningback McCaffrey

Daneben begeistern Showeinlagen von Cheerleaders, der Marching Band sowie Licht- und Videoshows auf gigantischen Screens. Klassisch amerikanisch eben. «Wenn du diese Menschenmenge und diese Atmosphäre zum ersten Mal live erlebst, ist das schon ziemlich beeindruckend. Das kann man sich vor dem TV gar nicht vorstellen», erwähnt Zuschauer Jonin Zumsteg nach der Partie.  

Cheerleaders und Maskottchen: Klassische Show-Einlage nach NFL-Standard.

Cheerleaders und Maskottchen: Klassische Show-Einlage nach NFL-Standard.

Der Aargauer verfolgt mit seinem Freundeskreis schon länger jeden Sonntag NFL-Partien. Gemeinsam ist er für ein Kurztrip extra mit drei Freunden nach London gereist. «Das Stadion hat mich schwer beeindruckt, man merkt schon, dass sich die Installationen für NFL-Spiele gelohnt haben», ergänzt sein Kollege Marco Tschudin. 

Erste NFL-Franchise in Europa?

Tatsächlich gibt es wohl kein Stadion, dass den NFL-Ansprüchen mehr gerecht werden kann, wie das Tottenham Hotspur Stadium in London. 

Eindrückliche Hütte: So sieht das neue Stadion der Spurs aus.

Eindrückliche Hütte: So sieht das neue Stadion der Spurs aus.

Das modernste Stadion Europas ist mit einem Fassungsvermögen von 62'062 Zuschauern zwar nur auf Platz 23 der grössten europäischen Stadien, doch die Atmosphäre ist einzigartig.

Der englische Sportjournalist Rob Staton ist begeistert vom neuen Spurs-Stadion.

Dank steilen Rängen fühlt sich der Zuschauer nahe am Feld, obwohl das Stadion riesig ist. Die eindrückliche «South Stand», die nach dem Vorbild der Dortmunder Südtribüne gebaut wurde, sowie gigantischen Screens, die an jeder Ecke anzutreffen sind, sorgen für ein prägendes Erlebnis. Dass das Stadion nebenbei auch noch über eine eigene Brauerei verfügt und somit 10'000 Pints Bier pro Minute ausgeschenkt werden können, trägt natürlich zum tollen Ambiente bei. 

Das Tottenham Hotspur Stadium verfügt über eine eigene Brauerei.

Das Tottenham Hotspur Stadium verfügt über eine eigene Brauerei.

Beim Bau des 1,31 Milliarden Franken teuren Prachtstadions wurde darauf geachtet, dass hier künftig öfters American Football gespielt werden könnte. Der Fussball-Rasen lässt sich einfach unter die Tribüne ziehen, darunter verbirgt sich ein NFL-Feld.

So schnell wird der Fussballrasen zum NFL-Feld.

Nebenbei wurden die Umkleidekabinen vergrössert, damit sie auch Kapazität für NFL-Teams haben. «Das kann doch nicht sein, dass die solche Anpassungen für Football vornehmen und dann nur zwei Partien im Jahr gespielt werden. Da kommt ein Franchise hin», meinte ran-Experte und American-Football-Coach Patrick Esume kürzlich in seinem Podcast «Football Bromance». 

Dass die amerikanische Liga schon länger über eine Expansion nachdenkt, ist kein Geheimnis mehr. Gut möglich also, dass es NFL-Spiele schon bald noch mehr als nur viermal im Jahr in London zu bestaunen gibt. Die ersten beiden Generalproben dafür sind auf jeden Fall gelungen und die Nachfrage wird dadurch bestimmt auch nicht kleiner. 

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